Vom Interesse überfallen

Einbruchsexperte Dieter Melzner (rechts) von der Kripo und Günther Burkhard von der Polizeiinspektion im "Auge des Taifuns": dem Infostand zum Thema Einbruchsschutz im City-Center. Nach einer Stunde waren 200 Broschüren weg, die Kollegen von der PI brachten Nachschub. Bild: Huber

Donnerstagmittag, City-Center. Die Polizei hat noch nicht einmal die Stellwand aufgeklappt, da lauern schon die Fragesteller. Der Infostand über Einbruchschutz stößt auf eine Resonanz, als würden "Take That" zur Autogrammstunde einladen.

(ca) Von "Take that" sind sie nicht, aber sehr gefragt: Kriminalhauptmeister Dieter Melzner, Polizeihauptkommissar Günther Burkhard, später noch verstärkt durch stellvertretenden Inspektionsleiter Roland Ast. Ihre "Fans" sind Ü 70. Gefühlt der halbe Rehbühl ist nach den zwei Einbrüchen von letzter Woche vor Ort, um sich kundig zu machen: Wie rüste ich mein Haus auf, um keine Angst mehr zu haben?

Denn: Viele haben wirklich Angst. Eine freundliche Dame schildert ihre Situation. Ihr Mann ist vor einem Jahr verstorben. Sie lebt allein in einem Einfamilienhaus, das schwer einsehbar ist. Abends hört sie es "überall knacken". Sie geht mit Handy und Gas-Spray zu Bett. An die Tür hat sie ein Zusatzschloss montieren lassen. Jetzt will sie von Melzner wissen, was sie sonst noch tun kann.

Dieter Melzner ist kriminalpolizeilicher Fachberater für Weiden, Neustadt/WN und Tirschenreuth. In seiner Hand wiegt schwer ein großer Schraubenzieher, das Einbruchswerkzeug Nummer eins. Zwei Drittel der Einbrüche erfolgen über Fenster oder Terrassentür, davon werden 90 Prozent aufgehebelt. Melzner hat mit seinem Riesenschraubenzieher im Selbstversuch schon in Sekundenschnelle Fenster geknackt. Sein erster Rat daher: Alle Zugänge checken. Fenster, Terrasse, Haustür, Schächte, Kellereingänge. Für alles gibt es einbruchhemmende Modelle mit verschiedenen Widerstandsklassen. Alles ist nachrüstbar (siehe unten).

"Aber ich muss mir das selbst ansehen, sonst ist das wie in eine Glaskugel schauen." Melzner bietet Besichtigungstermine an, zu vereinbaren über Telefon 0961/4010. "Rufen Sie an, aber ich sage Ihnen gleich: Ich bin nicht da." Die Kontaktdaten würden aufgenommen. Melzner ist andauernd auf Achse. Er eilt von Objekt zu Objekt, um es auf Einbruchsicherheit zu prüfen. "Ich bin momentan sehr gut gebucht."

200 Broschüren weg

Nach einer Stunde sind 200 Broschüren vergriffen. Sehr gefragt wäre auch die Liste, die Melzner aus seiner Mappe holt: mit allen Handwerksbetrieben der Region für "mechanische Sicherungseinrichtungen". Kopien hat er nicht dabei: "Sonst wäre ich allein für die Abholzung des Regenwaldes verantwortlich." Die Liste ist abrufbar im Internet.

Eine Frau zieht die Broschüre eines Discounters aus der Tasche: "Was sagen Sie zu dieser Überwachungsanlage?" Melzner schüttelt den Kopf: "Vergessen Sie das." Das "Schnäppchen". Und die Videoüberwachung. "Da müsste ja jemand die ganze Zeit auf den Bildschirm schauen." Auch Alarmanlagen sieht er nicht an erster Stelle: "Wenn der Alarm angeht, ist der Täter schon im Haus. Und wenn der Autoschlüssel auf dem Tisch liegt, ist der Q7 in Tschechien, noch ehe sie das realisieren."

Die wichtigsten Verhaltensregeln kosten gar nichts. "Die Tür abschließen, nicht nur zuziehen", mahnt Burkhard. Ein "absolutes Nogo": das gekippte Fenster. Im Urlaub sollten die Nachbarn eingespannt werden: Post leeren, Mülltonne rausschieben, Rollo rauf- und runterlassen. Burkhard regt sogar eine Zeitschaltung an, die das Licht an und aus macht, um Anwesenheit vorzutäuschen. Ein Herr vom Land nickt beifällig: "Ich habe schon lange keinen Hund mehr. Aber den Zwinger habe ich noch."

Keine Scheu vor der 110

Bei verdächtigen Wahrnehmungen sollte sich keiner scheuen, die 110 zu wählen. "Sie bezahlen uns ja indirekt über die Steuer. Da dürfen Sie uns auch in Anspruch nehmen." Die Dame vom Rehbühl wird Dieter Melzner in Anspruch nehmen und eine Besichtigung vereinbaren. "Ich werde das tun. Ich fühle mich nicht sicher."

Einbruchschutz

Türen: Bei Neuanschaffungen empfehlen sich einbruchhemmende Türen mit mindestens der Widerstandsklasse 2. Bei diesen Türen ist sichergestellt, dass es in der Gesamtkonstruktion (Türblatt, Zarge, Schloss und Beschlag) keinen Schwachpunkt gibt. Diese Türen gibt es auch für Nebeneingänge.

Nachrüstung von Türen: Der Einbruchschutz von Türen kann im Nachhinein immer noch deutlich verbessert werden. "Man muss dabei die Tür immer ganzheitlich betrachten", sagt Kripoberater Dieter Melzner. Die Nachrüstung - Türblätter, Türrahmen, Türbänder, Schlösser, Beschläge und Schließbleche - muss sinnvoll abgestimmt sein. Das beste Schloss nutzt nichts, wenn darüber eine Scheibe leicht zu zertrümmern ist. Unter www.k-einbruch.de finden sich Unternehmen, die mechanische Sicherungseinrichtungen anbieten.

Türspion/Beleuchtung: Ein 180-Grad-Winkel-Türspion zeigt, wer vor der Tür steht. Der Bereich vor der Tür und der Zugangsweg sollten beleuchtet sein. Die Schaltung kann auch automatisch durch einen Bewegungsmelder erfolgen.

Fenster/Terrassentüren: Auch hier gilt: Beim Neubau auf mindestens Widerstandsklasse 2 zurückgreifen. Diese Fenster verfügen über einbruchhemmende Verriegelung ("Pilzköpfe"), einbruchhemmende Verglasung und abschließbare Griffe. Nachrüsten ist möglich. Schwachpunkte sind bei älteren Fenstern die Beschläge. Ab etwa Baujahr 1990 ist ein Austausch durch einen Fachbetrieb möglich. Abschließbare Fenstergriffe allein reichen nicht, weil sie keinen Schutz gegen Aufhebeln bieten.

Fenstergitter: Häufig gekippte Fenster (WC-Fenster) können mit Fenstergittern gesichert werden.

Kellerschächte: Betonierte Kellerlichtschächte sollten möglichst mit geprüften einbruchhemmenden Gitterrosten oder mit Rollenrostsicherungen gesichert werden. Gute einbruchhemmende Wirkung haben auch Elemente aus stahlarmierten Glasbetonsteinen. Kommt dies nicht in Frage, sollten die Gitterroste wenigstens mit speziellen Abhebesicherungen (am besten an allen vier Ecken) gesichert werden. Die Sicherungen sollten tief im Lichtschacht verankert werden.

Alarmanlagen: An erster Stelle steht immer die mechanische Sicherung (siehe oben). Einbruchmeldeanlagen bieten allenfalls zusätzlichen Schutz. Sie verhindern keinen Einbruch, nur das Risiko für Einbrecher, entdeckt zu werden, erhöht sich. Ein Problem sind oft auch irritierende Fehlalarme.
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