Vom Terror nicht einholen lassen

In den USA steht der mutmaßliche Bombenleger von Boston vor Gericht. In Weiden werden Erinnerungen wach: Marathonläufer Ludwig Kreutzer war 2013 dabei, als das Attentat die Welt erschütterte. Ein Trauma trug er nicht davon.

Für Ludwig Kreutzer ist es noch immer "der Traum eines jeden Marathonläufers". Der Weidener erfüllte ihn sich im Jahr 2013: die Teilnahme am traditionsreichen Boston-Marathon. Es endete in einem fürchterlichen Alptraum. Im Zielbereich gingen zwei Bomben hoch. Der Terroranschlag forderte drei Tote und 260 Verletzte. Jetzt beginnt der Prozess gegen Dschochar Zarnajew (21), einen der beiden mutmaßlichen Täter. Für den 59-jährigen BRK-Heim-Leiter Kreutzer bedeutet das, dass die Erlebnisse von damals plötzlich wieder ganz nah sind.

Denken Sie noch oft an den 15. April 2013?

Kreutzer: Grob geschätzt etwa ein Mal im Monat. Ich bin nicht traumatisiert, aber die Erinnerung kommt immer wieder mal hoch, die Leute sprechen einen auch drauf an. Wenn ich die Augen zumache, ist alles wieder gegenwärtig: der erste Knall, dann eine geisterhafte Stille, der zweite Knall, und plötzlich laufen alle panikartig kreuz und quer.

Wo waren Sie, als die Bomben detonierten?

Kreutzer: Ich hatte 19 Minuten zuvor das Ziel passiert und hielt mich etwa 300 Meter weiter in einer Seitenstraße auf, um dort meinen Kleiderbeutel abzuholen. Was in der Finish-Area vor sich ging, habe ich nicht gesehen. Mir war nur klar, dass da etwas Schlimmes passiert sein musste. Dann habe ich von den Bomben gehört. Mein erster Gedanke war: Jetzt musst du hier schnell raus.

Sie sind zurück ins Hotel?

Kreutzer: Dort habe ich meinen Kameraden Georg Koller getroffen. Er war längst fertig, hatte schon geduscht und vom Attentat gar nichts mitbekommen. Wir haben als erstes unsere Angehörigen zu Hause angerufen. In der Zwischenzeit wurde alles abgesperrt. Andere unserer Gruppe - etwa 70 Läufer aus Deutschland waren dabei - kamen erst am Abend gegen 21 Uhr zurück. Man hatte sie in Turnhallen untergebracht, um sie zu befragen. Das wussten wir nicht - wir machten uns Sorgen. Passiert ist aber keinem aus der Gruppe etwas.

Es heißt, Boston habe nach den Anschlägen wie gelähmt gewirkt.

Kreutzer: Das haben wir zunächst an der Technik gemerkt: Sehr schnell war das Handy-Netz lahmgelegt - um auszuschließen, dass Bomben über Mobiltelefone gezündet wurden. Der Flughafen wurde gesperrt. Die ganze Stadt war im Ausnahmezustand - wie im Krieg. Überall Polizei, Spezialeinheiten. Trotz allem haben Georg Koller und ich tags darauf einen Lockerungsspaziergang unternommen. Wir haben uns absolut sicher gefühlt. Es war, als ob man für jeden Passanten Sicherheitskräfte abgestellt hätte. Wir wurden gebeten, uns nicht allzu weit vom Hotel zu entfernen. Die Täter waren ja auch noch nicht gefasst.

Jetzt steht einer der mutmaßlichen Bombenleger vor Gericht - ein 20-jähriger Tschetschene. Werden Sie den Prozess mit besonderem Interesse verfolgen?

Kreutzer: Beim Lauftreff vergangenen Samstag, als der Vorbericht in der Zeitung war, haben wir erst darüber gesprochen. Der Täter sollte natürlich bestraft werden. Aber Georg Koller und ich waren einer Meinung: Die Todesstrafe ist zu hart. Das waren junge Kerle, die wussten vielleicht gar nicht, was sie getan haben. Ist der Tschetschene schuldig, sollte er eine schwere Strafe bekommen. Lebenslänglich. Aber nicht die Todesstrafe.

In einem früheren Interview haben Sie das Krisenmanagement der Amerikaner gelobt. Hören Sie jetzt noch von ihnen?

Kreutzer: Die Organisatoren des Boston-Marathons waren sehr aufmerksam. Sie haben noch über ein gutes halbes Jahr hinweg immer wieder E-Mails geschickt. Sie riefen dazu auf, Boston trotz der schrecklichen Ereignisse in guter Erinnerung zu behalten. Und sie haben Recht: Die Strecke war ja wunderschön, die Stimmung hervorragend. Bis zum Knall.

Wie viele Marathons sind Sie seitdem gelaufen?

Kreutzer: Fünf. Im vergangenen Jahr Wien, den König-Ludwig-Marathon in Füssen, dann Dresden. Für heuer - wenn ich erstmals in der Altersklasse M 60 starte - habe ich mir Freiburg und den Freundschaftslauf Amberg-Weiden vorgenommen. Dieses schlimme Erlebnis in Boston tut der Freude am Laufen keinen Abbruch. Ich bin oft gefragt worden, ob man nicht so große Laufereignisse wie zum Beispiel auch den Berlin-Marathon meiden sollte. Meine Antwort: Nein. Denn dann dürfte man ja gar nichts mehr machen.
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