Von der Seele schreiben

Klar, die meisten Ratsuchenden rufen noch immer an bei der Telefonseelsorge. Aber auch Hilfe per E-Mail ist gefragt, wie Gertrud Bäumler-Lenz und Dr. Friedrich Dechant berichten. Bild: Götz

Der Posteingang leuchtet auf. Eine neue E-Mail. Während der Normalbürger oft Nachrichten mit irgendeinem Stuss findet, lesen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge von sehr ernsten Problemen. Seit 20 Jahren versuchen sie dann, per Mail zu helfen. Leicht ist das nicht. Aber die Arbeit gibt auch viel zurück.

Mal sind die Schreiben kurz und bruchstückhaft. Häufig aber auch ellenlang, sehr persönlich und tief bewegend. So genau können es die Helfer der Telefonseelsorge nie wissen, wenn sie die E-Mail eines neuen Kontakts abholen. Seit 20 Jahren gibt es dieses Angebot der Mailberatung in Deutschland. Seit 1997 ist auch die Telefonseelsorge Nordoberpfalz dabei. Acht Ehrenamtliche der Einrichtung mit Sitz in Weiden kümmern sich darum. Hinzu kommen Leiter Dr. Friedrich Dechant und Mitarbeiterin Gertrud Bäumler-Lenz.

"Anderes Klientel"

Vom Prinzip her ähnelt die Beratung per Mail der telefonischen. Beide sind gedacht für Menschen mit den verschiedensten Problemen und Krisen - beispielsweise in der Partnerschaft, mit Einsamkeit oder Sucht. Trotzdem bringt die Art der Kommunikation natürlich Unterschiede mit sich. "Das ist schon ein anderes Klientel", sagt Bäumler-Lenz über das Mail-Angebot. Im Schnitt sind die Ratsuchenden jünger als die am Telefon, die Themen sind dafür oft komplexer.

Es geht häufiger um Suizid, Borderline oder erhebliche Probleme im sozialen Kontakt. Da spiegle sich eben wider, dass es ein sehr niederschwelliges Angebot sei, ergänzt Dechant. Die Kommunikation verläuft völlig anonym, noch nicht mal seine Stimme muss man verraten. Dafür haben die Ratsuchenden viel mehr Zeit, ihre Anliegen zu formulieren, zu überlegen, was sie von sich preisgeben wollen. Dass allein das schon etwas hilft, gehört auch zu den Erfahrungen der Helfer. Man merke manchmal schon bei der ersten E-Mail, wie jemand bereits beim Verfassen beginne, in eine neue Richtung, an Lösungen zu denken. "Sie schreiben sich etwas von der Seele", formuliert es Bäumler-Lenz.

Nachhaltige Wirkung

Umgekehrt ist die schriftliche Form auch für die Berater der Telefonseelsorge eine eigene Art der Herausforderung. Sie haben zwar viel mehr Zeit, an ihren Antworten zu feilen. Sie wissen aber auch, dass alles, was sie zurückschreiben, nachhaltige Wirkung hat. Hinzu kommt: Die Telefonseelsorge in Weiden nimmt Anrufe aus der Region entgegen. Die Mails dagegen - die teils auch von Deutschsprachigen aus dem Ausland kommen - verteilt der Dachverband auf die Einrichtungen im ganzen Bundesgebiet. Wer von den Helfern Kapazitäten hat, übernimmt einen der 20 bis 30 Erstkontakte, die täglich einlaufen. Der größte Unterschied zum Telefon ist jedoch die Bindung. Wer anruft, erreicht selten denselben Berater zwei Mal. Wer per Mail Kontakt sucht, wird beim selben Helfer bleiben. Der Kontakt wird so oft intensiver. Zumal es meist nicht nur bei zwei, drei Mails bleibt. Manchmal, berichtet Dechant, dauern die schriftlichen Gespräche - mit Pausen - über ein Jahr hinweg.

Das kann eine enorme Verantwortung bedeuten. Deshalb sind die Anforderungen für die Helfer auch besonders hoch. Sie müssen nicht nur wie die anderen Ehrenamtlichen eine intensive Ausbildung durchlaufen, sondern auch noch mindestens zwei Jahre Erfahrung am Telefon haben und dann eine zusätzliche Schulung für die schriftliche Beratung absolvieren.

Dafür sind auch die Erfolgserlebnisse mitunter etwas ganz Besonderes. Gerade wenn der Kontakt länger dauert. "Ich kann eine Entwicklung begleiten", sagt Dechant. Es sei schön, wenn man den Mailverlauf noch einmal nachlese und merke, wie sich mehr und mehr Fortschritte einstellen. Wie sich vormals schwere familiäre Situationen bessern. Wie in den Schreiben einst überwiegend negative Wörter von positiven Begriffen abgelöst werden.

Hauptsache helfen

Das alles heißt nicht, dass die Arbeit am Telefon weniger komplex wäre. "Sie ist anders", sagt Bäumler-Lenz. "Sie ist persönlicher." Es gebe sofort eine Rückkoppelung, man bekomme Emotionen direkt mit - genauso wie Erfolgserlebnisse. Wobei es letztlich wohl egal ist, auf welchem Weg die Mitarbeiter einem helfen. Per Telefon, per Mail - Hauptsache, sie bewirken etwas. Das bringt dann nicht nur den Ratsuchenden viel, sondern auch ihnen selbst, wie Bäumler-Lenz meint: "Es ist eine große Bereicherung, Dankbarkeit zu spüren."

Zur Mailberatung gelangt man über die Internetseite des Bundesverbandes. Dort gibt es übrigens auch die Möglichkeit, per Chat Kontakt mit Helfern aufzunehmen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.telefonseelsorge.de
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