Von Klein-Hanoi nach Schweden

Man hat das Gefühl, die ganze Familie und Schwägerschaft hat Bezug zu Rauschgiftküchen und -vertrieb.

Das Gericht nimmt den vier Vietnamesen ihre Storys nicht ab. 3. September 2014. Der Onkel und seine Freundin brechen zum Liebesurlaub nach Paris auf, mit dem Neffen (19). Spontan steigt auf dem Asiamarkt in Prag noch ein Bekannter zu, der zu einer Hochzeit nach Holland will. Und im Kofferraum liegt ein halbes Kilo Crystal, von dem nur einer weiß: der Onkel.

(ca) "Völlig unglaubwürdig" fand Richter Reinhold Ströhle. Die Jugendkammer verurteilte den 40-jährigen Onkel und seine 27-jährige Geliebte wegen Einfuhr und Handels von Betäubungsmitteln zu 7 Jahren und 3 Monaten Haft.

Ströhle sah massive Hinweise, dass der Clan schon lange Westeuropa mit Drogen beliefert. "Man hat das Gefühl, die ganze Familie hat Bezug zu Rauschgift." Die Fahrt im September 2014 startete am Sapa-Markt ("Klein-Hanoi") in Prag. Das Ziel war Schweden, auch wenn das die Angeklagten abstreiten. Ihre Handys quellen mit Anrufen und SMS aus Schweden über: "Vergiss nicht, es mitzubringen." Den Marktwert der 418 Gramm schätzt Ströhle auf 20 000 oder 30 000 Euro. "In Schweden ist es vielleicht sogar noch teurer." Der Vorwurf des bandenmäßigen Handelns blieb dem Quartett bloß erspart, weil die Hauptbelastungszeugin (eine Zollfahnderin) schwer erkrankt ist.

"Fast Unverschämtheit"

Für die Kammer stellte sich die Tat so dar: Der Bekannte kam mit dem Auto zum Asia-Markt. Das Pärchen versteckte die Drogen im Koffer der Frau und in lila "Chucks"-Sportschuhen. Der junge Neffe sollte als Übergeber mitfahren. Er hatte gerade seinen 19. Geburtstag gefeiert. Der Onkel sei der Meinung gewesen, dass er bei einer Festnahme am besten wegkommen würde. So hatte es der 19-Jährige in der JVA gestanden - und vor Gericht widerrufen. Die Unterstellung seines Verteidigers, der damalige Anwalt habe ihm das falsche Geständnis in den Mund gelegt, bezeichnete der Richter als "sehr grenzwertig": "fast eine Unverschämtheit."

Der 40-jährige Onkel nahm in seinem "letzten Wort" noch einmal alle Schuld auf sich: "Die anderen Drei haben mit dieser Sache nichts zu tun. Ich möchte mich bei allen entschuldigen." Das rührte die Freundin zu Tränen: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Reise mit meinem Geliebten dazu führt, dass ich über 13 Monate im Gefängnis bin." Der Bekannte will "gar nichts gewusst" haben. Der Neffe wollte "nur wahnsinnig gerne heim zu meiner Mama", einer Tschechin, die im Zuhörerraum saß.

In ihren Plädoyers durften vorher die Verteidiger noch einmal dick auftragen. Sie forderten Freisprüche und im Fall des geständigen Hauptangeklagten eine Bewährungsstrafe von 2 Jahren. Eine besonders verwegene Theorie stellte dessen Rechtsanwalt Adam Zurawel auf: Wie könne man von einer illegalen Einfuhr von Drogen sprechen? "Es gibt im Schengenraum keine Grenzen mehr. Wir haben doch einen Binnenmarkt."

Als strafmildernd wollte er bewertet wissen, dass das Crystal nicht für Deutschland bestimmt war: "Ob die Betäubungsmittel nun zu den Franzosen oder den Schweden gehen sollten - auf alle Fälle nicht nach Weiden." Angesichts der Flüchtlingsproblematik, die Deutschland mit großem Engagement löse, frage er sich: "Warum sollen wir auch noch Straftaten verfolgen, die in anderen Staaten begangen werden?" Das hiesige Landgericht sei nur deshalb so überlastet, weil die Schleierfahndung von "solcher Vorbildlichkeit" ist.

Vier Handys: ganz normal

Für Anwältin Katrin Gehre war das Verhalten ihrer Mandantin ganz normal. Vier Mobiltelefone? "Ich habe hier auch ein Mandanten-Handy, ein Privat-Handy und ein Laptop." Ständige wechselnde Hotelaufenthalte? "Mein Freund und ich unternehmen oft Wanderurlaube, in denen wir täglich das Hotel wechseln." Der Freund sei übrigens von Beruf Staatsanwalt. "Ich steige auch zu ihm ins Auto, ohne es vorher zu kontrollieren."

10 Jahre hatte Staatsanwalt Rene Doppelbauer gefordert. Darüber empörte sich Rechtsanwalt Daniel Luderer - in Unkenntnis der geografischen Lage Weidens: "Es ist ja bekannt, dass hier in Oberfranken zünftige Strafen verhängt werden."

Der 37-jährige Bekannte muss wegen Mithilfe für 4 Jahre und 9 Monate hinter Gitter, der Neffe als Heranwachsender 3 Jahre und 10 Monate.
Weitere Beiträge zu den Themen: Straftat (812)Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.