Von Liebe und Tod auf dem Weidener Wochenmarkt

Ob es in Deutschland noch eine zweite Stadt gibt, in der das Finanzamt jeden Samstag den Wochenmarkt-Besuchern seine Behörden-Parkplätze ganztägig gratis zur Nutzung überlässt - falls nicht gerade interne Bauarbeiten eine befristete Schließung erzwingen?

Schon auf dem Parkplatz hören wir den laut krähenden Hahn eines fränkischen Geflügelhofs. Dann fällt unser Blick auf die vertraute moderne weiße Wagenburg, die die Verkäufer nach Weisung des Rathaus-Verantwortlichen aufgebaut haben. "Innendrin" herrscht die Stimmung einer Groß-Familie aus Verkäufern und Kunden.

Die längsten Schlangen stehen immer vor den Bio-Gemüse-Ständen. Einer von ihnen gehört einem leibhaftigen Monarchen, dem "Gemüse-König". Trotz der "eigenwilligen" Rechtschreibung finden "Broccolie, Bosilkum und Lawendl" ihre zufriedenen Käufer. Ein Tourist beobachtet konzentriert ein Biker-Pärchen beim Verzehr einer Ross-Wurst, bis es ihm heraus rutscht: "Det muss ick ooch ma probi'an."

Die zwei Erdäpfel-Verkäufer genießen besondere Aufmerksamkeit. Der eine stammt aus Nabburg und ist als "Beichtvater" gefragt. Der andere mit Western-Hut und Pfeife im Mund bietet die selten gewordenen Bamberger Hörnchen an. Inzwischen weiß man, dass er von einem Onkel in Montana eine Ranch geerbt hat. Einer seiner Großonkel ist dort an einer Blutvergiftung gestorben, weil er seine Zähne mit einem Taschenmesser "behandelt" hatte. Passend dazu spielt in der Nähe ein böhmischer Musikant auf der Mundharmonika Ennio Morricones unsterbliches "Lied vom Tod".

Und die Liebe? Für die sorgt an der Rathaus-Wand ein Verkäufer von Kräutern und Tees unter dem Firmennamen "Gerli". Und das steht für Gertrud Liebe.

Ebenso reizvoll wie der Einkaufsbummel ist aber auch das Gespräch mit Menschen, die man manchmal lange nicht gesehen hat. Verständnisvolle Frauen setzen dann den Einkauf allein fort und gewähren ihren Männern den Besuch eines der zahlreichen Straßen-Cafés zu einen vertiefenden Latte Macchiato.

Einziger Wermuts-Tropfen: Beim Mittwochs-Markt bleiben die Finanz-Parkplätze für die Amtsangehörigen reserviert. Denn die müssen schließlich exakt berechnen, wie viele Euro die Marktkaufleute und wir zur Gesundung des notorisch klammen Staatssäckels berappen müssen.
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