Vor 50 Jahren: Noteinsatz nach Gasexplosion fordert Tote

Das Ausmaß der Zerstörung wurde vor 50 Jahren vom Neuen Tag dokumentiert. Bild: hfz

Heute vor genau 50 Jahren erschütterte eine heftige Gasexplosion die Weidener Innenstadt. Ursache war ein Suizidversuch in einem Mehrfamilienhaus in der Bahnhofstraße. Die wirkliche Tragödie ereignete sich jedoch erst bei dem umfangreichen Rettungseinsatz.

Weiden. (dko) Es ist 4.50 Uhr, als die Explosion die Wand des Schlafzimmers von Brigitte S. durch den Raum katapultiert. Die Neunzehnjährige liegt zu dieser Zeit im Bett und schläft. Nur der stabile Kamin hinter ihr verhindert, dass die dünne Zwischenwand, die wie ein fallender Jenga-Turm auf den Fußboden klappt, sie unter sich begräbt. Die Ursache der Explosion ist ein versuchter Selbstmord ihres Nachbarn. Dieser will sich in der Nacht zum 17. November 1965 mit Gas ersticken. Dafür hat er den Hauptanschluss seiner Wohnung aufgedreht. Stundenlang strömt unkontrolliert Gas in die Wohnung. Ein Funke ist genug, um alles zur Explosion zu bringen.

Mietshaus stark beschädigt

An dem Mietshaus in der Bahnhofstraße 52 entstand ein erheblicher Sachschaden: Die Detonation ließ sämtliche Fensterscheiben zerbersten. Zwischenwände und Decken stürzten teilweise ein, Trümmerteile verwüsteten die Wohnungen. Die tragenden Mauern des Hauses mussten abgestützt werden. Wäre das Haus nicht so massiv gebaut gewesen, hätte auch die Außenmauer auf die Straße stürzen können, recherchierte damals NT-Redakteur Horst Homberg.

So suchte sich die Wucht der Entzündung des Luft-Gas-Gemischs jedoch einen anderen Weg. Etwa durch das Schlafzimmer der jungen Brigitte S., aber auch durch die Wohnung ihrer Eltern: Edith und Hans S. schliefen, als die Explosion die Schlafzimmertür aus den Angeln sprengte und quer durch den Raum warf. Die Eltern blieben unversehrt.

Schlimm waren die Folgen für die sechs Familien, die im zweiten und dritten Geschoss gelebt hatten. Sie mussten ihre Wohnungen wegen Einsturzgefahr verlassen. Verletzt wurde nur der Mann, der sich töten wollte: Der 36-Jährige wurde durch seine Wohnungstür bis ins Treppenhaus geschleudert und erlitt starke Verbrennungen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und überlebte.

Polizisten verunglückten

Zu Tode kamen an diesem Tag zwei andere Menschen, die direkt mit der Zerstörung des Wohnhauses in der Bahnhofstraße 52 zu tun gehabt hatten. Hauptwachtmeister Alfons Wolfram und Wachtmeister Erhard Fleischmann (beide 23) kamen am 17. November von ihrem Einsatz nicht mehr lebend zurück. Die beiden Polizisten waren in ihrem Einsatzwagen unterwegs und kamen gerade von der Unglückstelle. Am Josef-Witt-Platz bogen sie rechts in die Max-Reger-Straße ab und prallten dabei frontal mit einem entgegenkommenden Feuerwehrauto zusammen. Das Fahrzeug befand sich im Noteinsatz und war auf dem Weg zum Ort der Explosion. Bei hoher Geschwindigkeit hatte der Fahrer die Kurve geschnitten und war zu weit auf die linke Straßenseite gekommen. Die beiden Polizisten waren sofort tot. Erhard Fleischmann hinterließ damals seine junge Frau und seine erst im September diesen Jahres geborene Tochter.

Wie bittere Ironie war es vor 50 Jahren vielen vorgekommen: Ein lebensmüder Mensch hatte nicht sich selbst getötet, stattdessen zwei andere in den Tod gerissen: "Weil ein Mann sterben wollte, wurden zwei getötet", leitete der Neue Tag die Nachricht damals ein.

Der tragische Fall beschäftigte im Nachgang auch das Landgericht Weiden. Die Prozessakten sind im Staatsarchiv Amberg einzusehen. Angeklagt war der Fahrer des Feuerwehrautos. Dieser wurde wegen fahrlässiger Tötung am 15. November 1967 zu einer Haftstrafe von fünf Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Gericht hatte ihn für schuldig befunden: Zwar sei es dem Feuerwehrmann gestattet gewesen, im Einsatz die Regeln der Straßenverkehrsordnung zu Missachten, hierbei gelte aber besondere Sorgfaltspflicht.

Thema bei Feuerwehr

Mit hoher Geschwindigkeit sei der Fahrer des Löschfahrzeugs in eine vielbefahrene Kreuzung eingebogen, in der er keine Vorfahrt hatte. Dabei sei er zwar mit Blaulicht aber ohne Martinshorn gefahren. Das war fahrlässig, betonte das Gericht. Der Feuerwehrmann habe nicht alle Möglichkeiten zur Erhöhung der Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer ausgeschöpft. Eine spätere Berufung wurde abgewiesen. Die leicht überhöhte Geschwindigkeit des Polizeiautos sei kein Anlass für eine Strafmilderung und die Möglichkeit eines Überlebens der Polizisten in einem solchen Fall spekulativ.

Das tragische Ereignis wird auch heute noch in der Weidener Feuerwehr bei der Ausbildung besprochen. Es soll das Bewusstsein dafür schärfen, auch im Notfalleinsatz unnötige Risiken im Straßenverkehr zu vermeiden.
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