"Vorglühen ist in"

Der Mitmach-Parcours setzt auf Reden statt Belehren. Die Schüler diskutieren über den Umgang mit Tabak und Alkohol.

Die Aufgabe: Schüler sollen sich eine Werbung für Alkohol ausdenken. Arnold Schwarzenegger ist der Held. "Terminierend erfrischend" verspricht ihr Werbespruch.

Die Jugendlichen nehmen teil am Mitmach-Parcours zu Tabak und Alkohol. Es ist ein Präventionsprojekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), das in Weiden gastiert. Die Schülergruppe sitzt in der Aula des Elly-Heuss-Gymnasiums und tüftelt an der Werbestrategie.

Sozialarbeiterin Caroline Theis moderiert die Runde und fängt an, Fragen zu stellen: "Warum wählt ihr Schwarzenegger?" Ganz klar: Stark, fit und beliebt sei er. "Ist das Bild denn realistisch?" Und so arbeiten sich die Jugendlichen Schritt für Schritt durch die Abgründe der Werbeindustrie. "Wenn dort ein Schwächling steht, würde es auch keiner kaufen", wirft eine Schülerin aus der Wirtschaftsschule ein. "Die Werbung kommt so rüber, als würde der Alkohol fit machen", gibt einer zu Bedenken. Theis hört zu, gibt Impulse, stellt offene Fragen. "Warum sind die Menschen in der Tabakwerbung immer gesund und schön?"

Saufen erfüllt Erwartungen

Die Jugendlichen sind aufmerksam und voll dabei. Positive Idole verleiten Minderjährige tatsächlich oftmals zum Trinken. Ingrid Schmitt von der BZgA erzählt, dass die wenigsten Jugendlichen bewusst Komasaufen wollen. Sie wollten einfach nur gut drauf sein. Katharina Wild von der Fachambulanz für Suchtprobleme in Weiden ergänzt: "Sie wollen die Erwartung erfüllen. Und diese heißt: Du musst Spaß haben." Doch ein erhobener Zeigefinger hilft hier selten bis nie. Der Mitmach-Parcours "Klarsicht" setzt auf Kommunikation. Das Elly-Heuss-Gymnasium steht seit acht Jahren auf der Warteliste, nun ist das Bundesprojekt endlich nach Weiden gereist. 300 Schüler aus dem "Elly" und der Staatlichen Wirtschaftsschule machen den Parcours mit. An den fünf Stationen warten geschulte Moderatoren, die mit den Schülern ins Gespräch kommen. "Wir stellen eigentlich fast nur Fragen", sagt die Moderatorin Caroline Theis aus Köln, die mit der bundesweiten Aktion von Stadt zu Stadt fährt.

Kein erhobener Zeigefinger

Viele der Schüler denken, dass mehr Essen weniger betrunken macht. Oder dass ein Glas Wein gesund ist. Falsche Fakten, die zweifellos von erwachsenen Vorbildern an die Kinder weitergegeben werden. Doch auch hier vermeiden die Moderatoren jedes Schullehrerhafte. "Die machen das untereinander aus und verbessern sich gegenseitig." Bei einer anderen Station setzen die Teilnehmer eine Brille auf, die einen Promillewert von etwa 1,3 bis 1,5 simuliert. Die Schüler können kaum geradeaus gehen, versagen bei den leichtesten Übungen. Das macht Spaß, wirkt aber auch ernüchternd.

Mit den Erfolgsaussichten der Maßnahme sind die Veranstalter dennoch vorsichtig. "Wir produzieren in zwei Stunden keine Nichttrinker und Nichtraucher", sagt Schmitt. Suchtprävention sei ein großes Puzzle, aber gemeinsam könne man einen Schalter umlegen. Schulleiter Anton Schwemmer vom Elly-Heuss-Gymnasium weiß, dass man den Jugendlichen keine ideale Welt vorspielen könne. Thomas Reitmeier, Chef der Staatlichen Wirtschaftsschule, stimmt zu: "Wir dürfen nicht weltfremd sein, aber Einhalt gebieten." Oberbürgermeister Kurt Seggewiß betont den maßvollen Umgang mit Genussmitteln. Er sei in der Zeitung mit einem Zoigl zu sehen und ernte darauf Beschwerden im Internet. "Aber das Problem sind hier nicht zwei Bier, es ist der Schnaps. Vorglühen ist in."

Die Schüler haben aus dem Parcours einiges mitgenommen. Die 13-jährige Casey Baker fand den Tag "cool" und zählt ungerührt die Folgen des Rauchens auf: "Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Impotenz." Ihre Klassenkameradin aus dem Elly-Heuss-Gymnasium sei überrascht, wie viel purer Alkohol ein kleines Gläschen Schnaps enthält. Viel gelernt und geredet haben sie. Vielleicht sagen sie später auch mal beim angebotenen Stamperl nein.
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