Vortrag Dr. Manfred Lütz: Für die Lebenslust und wider den Gesundheitswahn
Für Folter früher nichts bezahlt

Dr. Manfred Lütz: Nach dem mündlichen Vortrag hatte er auch noch schriftlich zu tun. Bild: Kunz
Nichts sei so krank wie der allgemein herrschende Gesundheitswahn. Wer das sagt, ist Mediziner, Philosoph, katholischer Theologe, und er hat ein Buch geschrieben: "Lebenslust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult". Dr. Manfred Lütz stellte es in der Buchhandlung Rupprecht vor.

Im Grunde ließ sich der Vortrag wie folgt zusammenfassen: "Carpe Diem" - "Genieße den Tag!" Bis zu dieser Erkenntnis war die Spurensuche nach der "Lebenslust" mit dem Bestsellerautor ein mitunter sehr heiterer Weg. Der gerngesehene Gast in TV-Talkshows unterstrich mit rheinländischer Frohnatur die "Unwiederholbarkeit des Moments".

"Völlig zwecklos, aber durchaus sinnvoll mag es sein, täglich eine halbe Stunde durch den Wald zu gehen." Nicht aus Gesundheitsgründen. Auch nicht, um seiner Frau später zu erzählen, dass man gerade durch den Wald gelaufen sei. Nein: "Sondern um diese nicht wiederholbare halbe Stunde des Lebens zu riechen, zu schmecken, zu erleben."

Der Moment im Stau

Oder: Eine wunderschöne Melodie im Stau im Autoradio zu hören und zu genießen und nicht gleich wieder zu überlegen, wo kriege ich das auf CD, wie kann ich das wiederholen? "Sie können den nicht wiederholen, diesen einen Moment im Stau, mit dieser Melodie aus dem Autoradio. Das muss man sich klar machen." Schöne Dinge auf später verschieben zu wollen, um sie dann irgendwann in Ruhe genießen zu können: "Sie wissen, das kommt nie. Sie bereiten ein Leben vor, das niemals stattfindet. Und das eigentliche Leben läuft gnadenlos ab."

Den Zeigefinger hob der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der katholische Theologe und Kabarettist allerdings erst im Schlussteil seines 90-minütigen Vortrags. Vorher agierte er witzig, kurzweilig und satirisch.

Am Ende auch Gesunde tot

Beispiele: Gefühlte 210 Prozent der Deutschen litten unter Depressionen, Phobien und Angstzuständen. "Wir haben eine dramatische Situation, deshalb brauchen wir Zuwanderer." Oder über Fitnesswahn und Körndl futtern - "auch im Mittelalter wurden die Menschen gefoltert, aber die haben dafür nichts bezahlt." Auch wer gesund sterbe, sei am Ende tot.

Mediziner seien keine Gurus, nicht zuständig für ganzheitliche Gesundheitspflege, erklärte der Referent seinem gierig lauschenden Publikum in der rappelvollen Buchhandlung. "Ärzte können Krankheiten heilen, sie können nicht den Sinn des Lebens, das Glück produzieren."

Dr. Lütz wurde wieder ernst: Die Gesundheitsindustrie habe inzwischen ihre eigene Ethik entwickelt: Die Ethik des Heilens. "Dies ist das Ende der Ethik." Sei ethisch genommen zynisch. Die "Gesundheitsreligion" habe das Menschenbild zutiefst verändert. "Wir haben längst schon nicht mehr das Menschenbild von Artikel 1 des Grundgesetzes. Wir haben das Menschenbild der Gesundheitsreligion."

Anders: "Fragen Sie mal in der Fußgängerzone, ob man für einen Menschen, der nicht mehr gesund werden kann, genauso viel Geld ausgeben sollte, wie für einen, der wieder gesund werden kann. Sie werden verfassungswidrige Antworten bekommen." Politiker hätten es heute schwer. "Der Gesundheitsbereich ist absolut politisch tödlich." Und über Sterbehilfe, wie in Holland praktiziert: "Wenn der Damm erst mal gebrochen ist, gibt's letztendlich kein Halten mehr."
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