Wahrheiten über Afghanistan

Provokant, selbstbewusst, professionell: Bei seinem Vortrag im Pfarrheim St. Josef erklärte Dr. Reinhard Erös den fast 100 Zuhörern seine Sicht auf Afghanistan. Bild: fku

Mehr als ein Jahrzehnt ist die Nato in Afghanistan. Gebessert hat sich seiter aber wenig, erklärt Dr. Reinhard Erös bei einem Vortrag in Weiden. Im Gegenteil: Der Gründer einer Hilfsorganisation diagnostiziert haarsträubende Fehler des Westens.

Es muss ein glänzender Abzug gewesen sein. Als die Sowjets 1989 nach einem Jahrzehnt Krieg wieder aus Afghanistan abrückten, hinterließen sie ein stabiles Land mit einer stabilen Armee. Hieß es jedenfalls in den offiziellen Verlautbarungen aus Moskau. Die Wahrheit, das zeigte sich rasch, sah anders aus. Und nun, vor dem Abzug der westlichen Kampftruppen Ende des Jahres? Die Meldungen klingen ähnlich. Stabil soll das Land sein, heißt es. Stimmt wieder nicht, Geschichtsklitterung wiederholt sich eben doch, meint dagegen Dr. Reinhard Erös. "Nichts war damals wahr. Und heute liest man wieder dasselbe. Und wieder ist nichts wahr."

Jahrzehntelang engagiert

Es geht viel um Wahrheiten, wenn der frühere Bundeswehr-Arzt über Afghanistan und den bevorstehenden Abzug der westlichen Kampftruppen spricht. So wie an diesem Abend bei einem Vortrag im Pfarrheim St. Josef für den Absolventenverband der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Weiden sowie den katholischen Bund Neudeutschland, moderiert von Wolfgang Lindner und Winfried Bühner.

Eine der Wahrheiten lautet, dass der gebürtige Tirschenreuther das Land kennt wie kaum ein anderer in Deutschland. Während der sowjetischen Besatzung nahm er unbezahlten Urlaub von der Bundeswehr und engagierte sich als ärztlicher Leiter einer deutschen Hilfsorganisation. Später gründete er mit seiner Familie die "Kinderhilfe Afghanistan", die den Menschen im Osten des Landes vor allem Zugang zu Bildung bringen will. Die Organisation errichtete zahlreiche Schulen, jüngst gar eine Universität. Daneben Gesundheitsstationen.

Wahr ist auch, dass Erös weiß, wie er seine Zuhörer mitreißen kann. Bevorzugtes Stilmittel ist dabei die Zuspitzung. Er kennt die Wahrheit über Afghanistan, heißt das dann. Politik, Wissenschaft und Medien dagegen - meist ahnungslos, halbinformiert, Probleme verschweigend. Das gehe schon damit los, dass nur wenige das Land begriffen.

"Afghanistan", doziert Erös, "ist kein homogenes Land. Es gibt völlig unterschiedliche Lebensweisen, Ethnien, Kulturen." Die westlichen Militärs zahlten allein schon Unsummen, um die Soldaten in den völlig unterschiedlichen Landesteilen - mal extreme Hitze, dann wieder klirrende Kälte - zu versorgen. Hinzu kämen Verständigungsprobleme: Dolmetscher könnten nur bedingt helfen in diesem auch sprachlich zerklüfteten Land. Auch die Bundeswehr selbst habe sich auf dieses Problem gar nicht eingestellt.

Deutsches Scheitern

Überhaupt sei Deutschland in vielen Punkten gescheitert. Beispiel Polizeiausbildung: Diese habe die Bundesrepublik im Zuge des Wiederaufbaus übernehmen wollen. Ohne Erfolg. Statt 2000 benötigter Ausbilder habe Deutschland nur 140 geschickt. "Das war ein totgeborenes Kind." Die Folge: Das Vertrauen der Bevölkerung in die afghanische Polizei sei lächerlich gering. Groß sei dagegen die Steigerung bei der Opium-Produktion: "Vor unseren Augen, unseren Waffen läuft der größte Drogenanbau der Menschheitsgeschichte." Durch den sich auch internationale Terroristen-Gruppen finanzierten.

Krankenhaus? Zu teuer

Während aber hier das Geschäft läuft, sei die Arbeitslosigkeit auch mehr als ein Jahrzehnt nach Einmarsch der Nato immer noch horrend. Entwicklungshilfe komme bei den Armen nicht an. Die Löhne seien so gering, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung sich eine klinische Versorgung schlicht nicht leisten könnten. Auch Schulplätze fehlten angesichts steigender Kinderzahlen zusehends. Mit der Folge, dass sich viele Eltern nicht anders zu helfen wüssten, als ihren Nachwuchs auf radikale Koranschulen in Pakistan zu schicken. Ebenfalls zur Radikalisierung trage bei, dass so viele Zivilisten, nicht zuletzt Kinder, durch Waffen der Nato zu Tode kämen.

Freilich - zu diesen Wahrheiten gehört laut Erös auch, dass die Medien über viele solcher Missstände schweigen. Da wäre etwa Malala, die diesjährige Friedensnobelpreisträgerin, die nach einem Attentat der Taliban auf sie berühmt wurde. Erös, der mit ihrem Vater schon eine Schule in Pakistan aufgebaut habe, sagt, zeitgleich mit diesem Attentat habe eine amerikanische Bombe ein Dutzend Zivilisten zerfetzt. Ein Versehen, über das die Medien jedoch so gut wie nicht berichtet hätten. So wie sie viele andere Missstände ignorierten. Solche Vorwürfe mögen oft übertrieben oder viel zu pauschal sein - das gehört jedoch auch zur Zuspitzung im Vortrag.

Und welche Wahrheit bringt nun die Zukunft? Erös ist da ambivalent. An eine Rückkehr der Taliban zur Macht in Kabul mag er nicht glauben. Die Bevölkerung habe ihre Herrschaft zuvor schon kennen- und hassen gelernt. Andererseits traut er dem Abzug der Nato auch nicht ganz.

Denn es sollen ja nur die Kampftruppen verschwinden. Nicht unter diesen Überbegriff fielen aber militärische Spezialgruppen, operative Einheiten der CIA, Bomber oder Drohnen. Und gerade die USA hätten weiter ein großes Interesse an Afghanistan, das zwischen Iran und den Nuklearmächten China, Indien und Pakistan liege. Das Morden werde auch ohne die Truppen noch lange nicht vorbei sein. "Der Abzug wird nicht bedeuten, dass es weniger tote Afghanen gibt."

Kompletter Abzug

So könnte es laut Erös noch auf Jahre einen blutigen, wenn auch nicht allzu hoch kochenden Konflikt geben. Erös plädiert stattdessen für einen kompletten Abzug der Nato. Die sei für die Bevölkerung "ein permanenter Stachel im Fleisch".

Wegen der Toten, gewiss. Aber auch, weil die westlichen Soldaten kulturell so völlig unvorbereitet angekommen seien. Wer freilich das Land verstehe, der hätte den Afghanen besser geholfen, dass sie selbst ihre Brunnen und Schulen wieder aufbauen, ihre Belange selbst in die Hand nehmen. So wie Erös das unbestritten erfolgreich macht. Widerspruch erntet er damit an diesem Abend nicht. Womöglich, weil es wie die Wahrheit klingt. (Seite 8)

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.kinderhilfe-afghanistan.de
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