Wegen der Zustände im Flüchtlingslager versuchen zwei junge Männer, sich das Leben zu nehmen
Ein verzweifelter Hilfeschrei

Zwei Selbstmordversuche als Hilfeschrei: Bewohner des Asylbewerberheims "Camp Pitman" und Aktivisten aus Weiden und Regensburg haben am Freitag vor dem Neuen Rathaus gegen die katastrophalen Zustände im Weidener Flüchtlingslager protestiert. Bild:Wilck
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
29.09.2012
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Eine Küche, drei Duschen und vier Toiletten für 130 Menschen: Die Zustände im Asylbewerberheim "Camp Pitman" stehen schon seit Jahren in der Kritik. Jetzt haben zwei junge Flüchtlinge offenbar keinen Ausweg mehr gesehen und versucht, sich das Leben zu nehmen. Aktivisten fordern die Stadt nun auf, endlich zu handeln. Doch für einen der beiden Männer könnte jede Hilfe zu spät kommen.

"Warum Asyl macht Selbstmord?" Diese Frage in schwarzen und roten Lettern ist mehr als nur ein Hilferuf. Mit ausgestreckten Armen halten zwei junge Männer den weißen Pappkarton über den Platz vor dem Neuen Rathaus. Doch sehen werden das Schild am Freitagvormittag nur eine Handvoll Passanten. Dabei sind die jungen Männer aus Camp Pitman heute in die Stadt gekommen, um öffentlich anzuklagen.

Nicht mal das Essen wählen

Etwa 20 Aktivisten aus Weiden und Regensburg unterstützen die Flüchtlinge bei ihren Protesten. Sie kritisieren die katastrophalen Zustände im Lager, die eigentlich längst bekannt sind. Sie klagen darüber, dass sie nach dem Asylbewerbergesetz weder Wohnort noch Job, ja nicht mal ihr Essen frei wählen dürfen. Sie berichten von Leistungskürzungen, die es so nur in Weiden gäbe. Und die Männer werfen den Verantwortlichen vor, dass all diese Umstände zwei ihrer Freunde letzten Endes in den Suizid getrieben hätten.

Majid, einer der beiden Männer, kam vor anderthalb Jahren aus dem Iran nach Weiden. Wie viele andere nicht aus freien Stücken, sondern aus Furcht um sein Leben. Doch in Weiden angekommen, wird sein Asylantrag abgelehnt. Seither ist Majid nur geduldet. Camp Pitman wird für ihn zur Endstation Hoffnung.
"Diese Perspektivlosigkeit zermürbt einen irgendwann", sagt Jost Hess. Vor 27 Jahren hat Hess zusammen mit seiner Frau Ursula den Arbeitskreis Asyl in Weiden gegründet. Er kennt die Situation in Camp Pitman nur zu gut. Regelmäßig besucht er die Sammelunterkünfte, um die Flüchtlinge nach Kräften zu unterstützen. "Doch ohne den Willen der Stadt und die Hilfe des Bezirks wird sich an der Situation im Camp nichts ändern", sagt Hess.

"Zustand äußerst kritisch"

Mitte September muss Majid schließlich keinen Ausweg mehr gesehen haben. Er und ein weiterer junger Mann aus dem Camp versuchen, sich das Leben zu nehmen. Beide können zunächst gerettet werden. Doch dann vor einigen Tagen der Schock: Majid versucht erneut, sich umzubringen. Seither liegt er im Koma. "Sein Zustand ist äußerst kritisch", sagt Hess, der inzwischen Majids Betreuung übernommen hat.

Während die Ärzte am Freitag um Majids Leben ringen, kommen vor dem Neuen Rathaus noch mehr brisante Details ans Tageslicht: Offenbar müssen Asylbewerber in Weiden beliebige Ein-Euro-Jobs übernehmen - sonst droht ihnen das Sozialamt mit Leistungskürzungen. Die Behörde spricht von einer "gängigen Praxis". Dieselben Regeln würden auch für Sozialhilfeempfänger gelten.
Doch Recherchen unserer Zeitung zeigen: Mit dieser Behandlung von Asylbewerbern steht Weiden im Bezirk recht alleine da. Unklar ist auch, ob es für ein solches Verfahren eine rechtliche Grundlage gibt. Sowohl im Sozialgesetzbuch als auch im Asylbewerbergesetz sind derartige Leistungskürzungen nicht vorgesehen.

Dabei geht es den Bewohnern von Camp Pitman gar nicht ums Geld. "Wir fühlen uns wie Menschen zweiter Klasse", sagt Yaser. Er möchte seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen - aus Angst, Ärger mit den Behörden zu bekommen.
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