Weiden: Glücksfall für Girkes

Des Rätsels Lösung: Bei den vier Buben von Seite 25 handelt es sich um die Brüder Wolfgang, Peter und Michael Girke (von links). Vier Jahre lang lebten sie in Weiden mit ihrer Mutter zunächst in Flüchtlingslagern bis sie eine erste eigene Wohnung bekamen. Repro: Hartl

Drei Glücksfälle haben das Leben der Familie Girke nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs zum Guten gewendet. Darüber sind sich die Brüder Peter, Michael und Wolfgang einig. Der größte Glücksfall war für sie, dass sie im September 1945 in Weiden landeten - und hier bleiben durften.

Weiden. (ps) 70 Jahre ist das her. Gefeiert haben die drei Brüder das Jubiläum am 28. September, dem Tag der Ankunft, "so nah wie möglich am alten Schützenhausplatz in der Vohenstraußer Straße", sagt Michael Girke. Denn dort befand sich damals das Lager, in dem die Familie aus Schlesien Aufnahme fand. Die Wahl fiel auf die Trattoria Angelo. Dort stießen Peter (80), Michael (fast 78) und Wolfgang (76) auf den glücklichen Ausgang ihrer Flucht aus Leuthen bei Breslau an. Das 50-Jährige hatten sie noch gemeinsam mit ihrer Mutter Marianne Girke-Szameitat gefeiert. Doch sie ist vor 10 Jahren verstorben.

Mit drei kleinen Jungs im Alter von 5, 7 und 9 Jahren machte sich die Kriegerwitwe im Januar 1945 auf die Flucht Richtung Westen. "Unser Dorf war fast schon leer. Wir waren praktisch die letzten", sagt Michael Girke. Ein Baron von H., Zuckerfabrikant, holte die Familie am 30. Januar 1945 bei minus 20 Grad ab und brachte sie zunächst auf sein Gut.

Dem Inferno entgangen

Glücksfall Nummer eins: "Unser Großvater hat angerufen und gewarnt, wir sollen nicht über Dresden weiter, das wird bombardiert, sondern über den Sudetengau." Die Zahnärztin und ihre drei Söhne bestiegen einen der letzten Züge von Obermois nach Wiesengrund (heute Dobrany) bei Pilsen - und entgingen somit dem Inferno von Dresden. In Wiesengrund, damals noch in den Händen der Wehrmacht, beobachtete der 5-jährige Knirps Wolfgang durch das Fenster einen Fliegerangriff der Amerikaner. "Plötzlich flog das Nachbarhaus in die Luft." Nach der Befreiung durch die Amerikaner wurden dort alle Reichsdeutschen in einer ehemaligen Kinderpsychiatrie interniert.

Glücksfall Nummer zwei: "Unsere Mutter konnte Englisch und wurde von den Amerikanern als Dolmetscherin beschäftigt", sagt Michael Girke. "Von diesen Amerikanern habe ich auch meinen Spitznamen Mike", erzählt der langjährige Stadtrat und Finanzbeamte, der in Weiden bestens bekannt ist. Marianne Girkes guten Beziehungen zu den Amerikanern war es letztlich auch zu verdanken, dass die Familie im September 1945 nach Bayern kam. "Ein Colonel hat einen Lkw für 20 Leute besorgt, so dass meine Mutter noch einige andere Menschen mitnehmen durfte." Darunter waren auch ihre Schwester mit den Kindern. "Alle übrigen Lagerinsassen wurden von den Amerikanern an die Russen übergeben und in der ehemaligen DDR angesiedelt.

Bei Waidhaus ratterte der Truck über die Grenze. "Am alten Schützenhausplatz in Weiden wurden alle abgeladen. Dort standen damals Baracken. Unsere Tante musste mit ihren Kindern gleich am nächsten Tag nach Frankfurt weiter", erinnert sich Michael. "Nur wir und ein Nennonkel mit seinem Sohn durften in Weiden bleiben." "Unser Glück war, dass Peter Scharlach hatte", sagt Wolfgang Girke, Peter und Michael nicken dazu. Lange Zeit musste die Mutter täglich eine Bescheinigung zur Kommandantur bringen, dass der Bub noch krank ist. Irgendwann ließ sie es auf Anraten von Kollegen dann sein und nichts passierte. "Wir durften hier bleiben", strahlen die drei. Das war Glücksfall Nummer drei.

Zu viert im Einzelzimmer

Es sollte allerdings noch vier Jahre dauern bis sie in der Max-Reger-Stadt eine richtige Wohnung bekamen. Ein Schicksal, dass sie damals natürlich mit vielen Flüchtlingen teilten. Und das an die Flüchtlingssituation von heute erinnert. "Im Schützenhaus-Lager haben die Leute sich Ecken mit Decken abgeteilt, um wenigstens etwas Intimität zu haben." Es folgte die Unterbringung im Lager Witt (Albrecht-Dürer-Straße), dann im Lager Hotel Wittelsbach (Maxstraße). Michael Girke: "Drei Jahre haben wir dort zu viert in einem Einzelzimmer gelebt." Marianna Girke sprang in dieser Zeit bei Bedarf für Zahnarztkollegen in Wiesau, Erbendorf und Kelheim ein.

Als die Mutter 1949 als Zahnärztin bei den Amerikanern anfangen durfte, erhielt die Familie eine Wohnung in der Heeressiedlung. "Das war ein Traum", schwärmen die Brüder. "Drei Zimmer, Küche, Bad, komplett möbliert." Das Schönste laut Wolfgang Girke: "In den ersten Wochen haben wir jeden Tag dreimal gebadet." Sogar Freunde kamen zum Baden vorbei - und Bekannte, um sich im Keller an den Briketts der Amerikaner zu bedienen.

1952 eröffnete Marianne Girke in der Scheibenstraße eine eigene Praxis, heiratete 1957 ihren zweiten Mann Alfred Szameitat. Wolfgang Girke: "Unsere Mutter hat ihn in Weiden kennengelernt. Er war für uns der ideale Vater." Genau genommen also Glücksfall Nummer vier.
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