Weiden vor 50 Jahren: In Theaterstück über Lincoln platzt die Nachricht vom Tode Kennedys
Drama um zwei US-Präsidenten

Die Ermordung John F. Kennedys, des amerikanischen Präsidenten, vor nunmehr genau 50 Jahren war auch bei uns in Weiden ein denkwürdiges Ereignis, das die Gemüter tief bewegte. Und das hatte einen speziellen Grund. An jenem Abend wurde nämlich im Evangelischen Vereinshaus (heute Haus der Gemeinde) ein Theaterstück aufgeführt, in dem auch das Attentat auf einen US-Präsidenten im Mittelpunkt stand: auf Abraham Lincoln. Es war Eugene O'Neills Drama "Trauer muss Elektra tragen".

Es war damals die Stunde zwischen 19 und 20 Uhr, als über den Fernschreiber des NT-Verlages die "EIL-EIL-Meldung" lief: "Attentat auf Kennedy - Blut auf der Stirn des Präsidenten". Wir, eine Gruppe von Volontären, traten aufgewühlt und stark beunruhigt den Weg ins Theater an. "Der neue Tag" war seinerzeit noch in der Ringstraße 5 beheimatet, der Weg war also recht kurz.

Bestürzende Szene

Das Stück selbst spielt in den Neuenglandstaaten (im Jahr 1865, als der US-Bürgerkrieg zu Ende ging), es schlug die Besucher in seinen Bann. In O'Neills von Gefühlsaufwallungen heftig geschütteltem Drama kommt kurz vor Ende des ersten Aktes eine bestürzende Szene, die uns seinerzeit schier den Atem nahm. Der vom Kriegsschauplatz heimgekehrte Brigadegeneral Ezra Mannon spricht zu seiner Frau: "Der Friedensvertrag wird in Bälde unterzeichnet sein. Die Ermordung des Präsidenten ist zwar eine entsetzliche Katastrophe, aber das mag den Verlauf der Dinge nicht zu ändern." Für uns, die wir als die ganz wenigen von dem Attentat auf Kennedy wussten, spielte diese Szene auf beklemmende Weise in die Aktualität des Augenblicks herein.
Als der Pausenvorhang fiel, gab es für uns kein Halten mehr. Wir hetzten in die Ringstraße hinüber, um fassungslos die entsetzliche Nachricht vom Tode Kennedys zu erfahren. Er, der gerade auf uns junge Menschen eine Faszination ohnegleichen ausgeübt hatte, war in kürzester Zeit seinen Schussverletzungen erlegen.

Wir liefen wieder hinüber ins Vereinshaus. Nahezu alle Theater-Besucher hatten noch immer keine Ahnung von dieser Tragödie, die sich da jenseits des Atlantiks im texanischen Dallas abgespielt hatte. Nur im Foyer, das sehr beengt war, konnten wir einigen Besuchern die erschütternde Nachricht mitteilen. Eine Vielzahl der Menschen hatte ja ihre Plätze, eben wegen der Begrenztheit im Foyer, gar nicht verlassen.

Nach der Pause betrat dann Oberbürgermeister Hans Schelter die Bühne und sagte: "Meine Damen und Herren! Ich muss Ihnen eine schreckliche Mitteilung machen. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy, ein großer Freund Deutschlands, ist soeben einem Attentat erlegen."

Gepeinigter Aufschrei

Wer damals dabei war, wird das sein Leben lang nicht vergessen! Durch den ganzen Saal stürzte ein gepeinigter Aufschrei wie eine Woge, wie ein Wellenbrecher. So einen Gefühlssturz einer ganzen Versammlung - das habe ich in fünf Jahrzehnten nicht mehr erlebt.

Ein Teil der Besucher verließ verstört das Haus, die Mehrheit harrte weiter aus, aber die Tragödie des Stücks war von der Realität eingeholt, ja überrollt worden. So hat dieses Jahrhundert-Attentat auch in Weiden seine ganz eigene Augenblicks-Realität gehabt. Ein Abend, wenn man so will, als in Weiden zwei US-Präsidenten starben ...
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