"Welt kann vom Sudan lernen"

Ein Mädchen der Shenabla tanzt bei einer Hochzeitsfeier und ahmt den wiegenden Gang von Kamelstuten nach. In Um Arada, Nord-Kordofan. Bild: Enikö Nagy
 
16. Oktober im Ägyptischen Museum in München: Der sudanesische Botschafter aus Berlin eröffnet mit Enikö Nagy die Ausstellung zum Buch, die noch bis 11. Januar zu sehen ist. Bild: hfz

Per Jeep, Laster, Esel und zu Fuß: Enikö Nagy hat entlegenste Regionen des Sudan besucht. Sie gewann das Vertrauen von 45 Stämmen und ethnischen Gruppen. Dabei gelangen ihr außergewöhnliche Fotoaufnahmen. Die Weidenerin hob zudem einen literarischen Schatz.

In ihren Bildband "Sand in My Eyes - Sudanese Moments" flossen nicht nur die besten 550 Bilder ein. Zu lesen sind auch 250 poetische Texte, aufgezeichnet in den Dörfern.

Vor fünf Jahren sind Sie aufgebrochen. Hand aufs Herz: Haben Sie immer an Ihr Buch geglaubt?

Enikö Nagy: Ja. Ich hatte es immer vor Augen. Trotz der unerwarteten Ausmaße, die das Projekt angenommen hat, habe ich nie gezweifelt, dass das meine Aufgabe ist. Und es gab viele Herausforderungen. Ich war ohne institutionellen Hintergrund, musste mich um alles selbst kümmern: Genehmigungen, Sponsoren, Mitarbeiterverträge, Produktion... Bei einem solchen Projekt kann einem niemand wirklich etwas abnehmen. Viele haben ihren Teil hinzugefügt: Editoren, Lektoren, Übersetzer haben umsonst gearbeitet. Dieses Buch ist all diese Personen zusammen.

Auf eine Weise scheint die ganze Welt ein wenig mitgefiebert zu haben. Als Sie das fertige Druckwerk in Händen hielten, kam via Web Gratulation aus allen Erdteilen.

Enikö Nagy: Das zeigt ganz gut das interkulturelle Moment des Ganzen. Mein Leben spielt sich im Dreieck Deutschland, Sudan und Siebenbürgen ab, wo noch der Großteil meiner Familie lebt. Das Buchdesign wurde in Deutschland gemacht, das Englisch-Lektorat in London, Arabisch in Australien. Gedruckt wurde in Thailand. Die Bücher sind zunächst nach Kenia, Deutschland und in den Sudan geliefert worden. Überall da, und noch an vielen anderen Orten, gibt es Menschen, die in irgendeiner Form mitgewirkt haben.

Es gibt kein vergleichbares Buch über den Sudan.

Enikö Nagy: Nein. Reiseführer gibt es einen oder zwei. Es gibt einige Bücher, die lokal gedruckt wurden. Aber es gibt keine solche Panoramaaufnahme von so vielen Stämmen und ethnischen Gruppen und nicht mit diesem Blickwinkel. Unesco hat für "Sand in My Eyes" das Vorwort geschrieben und den Schutz nichtmateriellen Weltkulturerbes gewürdigt.

Ist die Anerkennung im Sudan da?

Enikö Nagy: Mittlerweile ja. Das war schwerer, solange es eine Idee in der Entstehung war. Die Menschen im Sudan sind überglücklich. Das erste Mal seit langer Zeit beschäftigt sich jemand mit ihrer Kultur. Kriegs- und Krisenberichterstattung sind wichtig, aber den Ländern darf die Menschlichkeit nicht abgesprochen werden. Es gibt Menschen, die da leben, und seit Jahrtausenden eine wunderbare Kultur geschaffen haben. Wenn über die nicht mehr gesprochen wird, dann hat der Krieg gewonnen.

Ihr Buch soll um die Welt gehen.

Enikö Nagy: Es läuft eine Wanderausstellung durch Europa und in die USA. Die eigentliche Buchvorstellung aber ist am 26. November in Karthoum. Danach zieht das Team noch einmal los und bringt das Buch zurück in die ländlichen Regionen von Kordofan. Dort hat alles begonnen. Dort war meine erste Station im Sudan für den Entwicklungsdienst.

Warum sind Sie im Sudan geblieben?

Enikö Nagy: Was diese Menschen in ihrem allernormalsten Alltag sagen, ist Philosophie auf ganz hohem Level. Da gibt es Dinge, die die Welt braucht. Ein Wissen, das auch unsere Gesellschaft braucht. Ihre Gedichte und Geschichten enthalten zeitlose Weisheiten, zu denen sich Menschen auch anderer Länder in Beziehung setzen können. Daraus können viele Menschen etwas draus lernen. Die Texte im Buch haben universellen Wert. Darum bin ich losgezogen.

Es ist erstaunlich, wie vertrauensvoll sich die Menschen fotografieren haben lassen.

Enikö Nagy: Es gibt ein sudanesisches Sprichwort: Man betritt das Haus durch die Tür. In dem Fall ist die Tür der Stammesführer, bei dem man sich vorstellt. Es gibt keinen Tourismus im Sudan. Wenn überhaupt Ausländer dort sind, sind das Diplomaten oder Vertreter internationaler Organisationen. Wenn jemand in solch entlegene Regionen kommt, dann kommt er zur Volkszählung oder wegen Gesundheitsangelegenheiten. Aber noch nie hat jemand gefragt: Erzähl mir, wo dein Stamm herkommt. Was sind die Geschichten, die Großmütter abends den Kindern erzählen? Die Idee kam sehr gut an. Außerdem sind die Menschen im Sudan überaus gastfreundlich und möchten das auch ausleben.

Mutig ist das schon. Haben Sie sich nie gefürchtet? Nie gedacht: Hier schauen aber jetzt alle böse.

Enikö Nag y: Da schaut keiner böse. Es ist wirklich so, dass sudanesische Gastfreundschaft ein kulturelles Gebot ist. Und zwar bedingungslose Gastfreundschaft. Es gibt eine Kultur von Güte und Freundlichkeit im Umgang miteinander. Begrüßungszeremonien sind wichtig. Wenn man sich trifft, begrüßt man sich minutenlang.

Wenn wir uns jetzt verabschieden, wie geht das?

Enikö Nagy: Auf alle Fälle mehrmals. Jetzt hier an der Tür eine erste Umarmung. Draußen auf dem Gang nochmal. Und vielleicht noch vorne im Treppenhaus.
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