"Wenn wir erst wieder daheim sind..."

1950 hatten sich die Styras in Weiden eingelebt. Das Bild entstand in der Johannisstraße - im Hintergrund ist die heutige Raiffeisenbank zu sehen. (Repro: ske)
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
14.08.2015
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Das Hotel Krug in Oppeln, das die Familie Langer einst betrieb. (Repro: ske)
 
1942 in Oppeln: Magdalena Styra (geborene Langer) mit ihren Kindern Dietlind und Winfried. Drei Jahre später flieht die Familie aus Oberschlesien. In Weiden lässt sie sich schließlich nieder. Repro: ske

Das Leben der Familien Langer und Styra ändert sich über Nacht. Genauer: in einer Januarnacht des Jahres 1945. Denn da fliehen sie aus Oppeln. Ihr Ziel: die Oberpfalz. Sie ahnen nicht, dass sie dort auf Dauer landen. Den Styras wird Weiden zur neuen Heimat.

Das Kriegsende 1945 bringt einen Neubeginn: Frieden, Freiheit, Befreiung. Jedoch auch Verlust, Abschied, Trauer. Trauer um geliebte Menschen, das vorangegangene Leben, die Identität. Abschied von der Heimat, Verlust von Hab und Gut, von Familienangehörigen und Freunden.

Seit Ende 1944 verlassen Millionen Deutsche ihre Heimat. In unzähligen Trecks drängen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien in den Westen. Ein Leidenszug quer durch das zerstörte Land. Von rund 12 Millionen deutscher Staatsbürgern und deutschsprachigen Minderheiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen müssen, kommen 1,9 Millionen nach Bayern. Allein 458 000 Flüchtlinge stammen aus Schlesien.

Auch in der Oberpfalz, in Weiden landen viele Menschen nach ihrer Flucht. Das Schicksal einer Familie aus Oppeln/Oberschlesien soll hier erzählt werden. 1918 zieht die oberschlesische Familie von Alfred (*1869) und Valentina (*1886) Langer von Kruppamühle in Oberschlesien nach Oppeln. Hier hat Alfred Langer zuvor ein Hotelgebäude gekauft und es restauriert. In den folgenden Jahrzehnten macht er daraus ein erfolgreiches Hotel mit Restaurant. Die Familie ist wohlhabend, alle Familienmitglieder packen mit an.

Fromm und caritativ

Sohn Paul, aus erster Ehe von Alfred Langer, kümmert sich um die Schänke. Tochter Veronika wird 1928 geboren (heute lebt sie in München). Tochter Magdalena (*1911) heiratet 1935 den jungen Rechtsanwalt Willibald Styra (*1903) aus Beuthen in Oberschlesien. Er hat Jura in Breslau studiert, ließ sich in Oppeln als Anwalt und Notar nieder. Das Paar bekommt zwei Kinder, Winfried und Dietlind. Diese schrieb vor einigen Jahren Geschichten aus ihrem Leben nieder, darin erinnert sie sich auch an ihren Großvater: "Opa war Hotelbesitzer, er stammte aus ,kleinen Verhältnissen', hatte sich all seine Besitztümer selbst erarbeitet. Er war ein sehr gut aussehender Mann, groß, schlank, mit dichtem, gepflegtem weißen Haar. Opa war ein sehr frommer und caritativer Mensch, er spendete viel an die Kirche. Für die damalige Zeit war er ein sehr reisefreudiger Mann (...). So war er Ende der Zwanziger Jahre in Israel und pilgerte auch mehrmals nach Rom."

Die Familie ist glücklich, lebt in guten Verhältnissen. Bis 1945. Magdalena Styra erzählt später ihren Enkelkindern: "Die Russen kamen immer näher, wir wussten, dass wir nicht bleiben konnten." Die Entscheidung fällt nicht leicht: "Gehen wir oder gehen wir nicht, den ganzen Januar über diskutierten wir." Am 21. Januar bricht die Familie schließlich auf. Dietlind Kempf schreibt in ihren Erinnerungen: "Den letzten Abend vor unserer Flucht verbrachten wir im Haus meiner Großeltern und warteten auf ein Fahrzeug, das uns nachts aus Oppeln herausbringen sollte. Wir saßen schweigend da, ich verstand wohl nur, dass alles anders und eigenartig war. Dann stand Opa auf, nahm den Schlüsselbund und begann, durch das Haus zu gehen. Ob er wohl ahnte, dass er für immer Abschied nahm?"

Die Heimat verlassen darf nur, wer eine Zieladresse im Westen hat. Familie Langer-Styra hatte weit entfernte Verwandte in Wiesau. Der jüngere Bruder von Willibald Styra war Redakteur bei der Amberger Zeitung und heiratete eine Wiesauerin. Zu deren Eltern will die Familie nun. Zuerst geht es "über die Oder", sechs Wochen verbringt die Familie in einem Altenheim in Proskau. Magdalena Styra übersteht hier eine schwere Lungenentzündung. Noch hofft die Familie, zurückkehren zu können. Dann geht es weiter, mit Pferdewagen, zu Fuß. Dietlind Kempf: "Wir Kinder durften meist auf dem Wagen mitfahren, die Erwachsenen gingen zu Fuß."

Zwischenfall in Eger

Mit jeder erreichten Station wird das Gepäck weniger. Veronika Janker berichtet: "Am Ende hatten wir nur noch, was wir in den Händen tragen konnten." Von Oberschlesien aus führt die Flucht durch die Tschechoslowakei, Eger kann die Familie mit dem letzten Zug verlassen, bevor der Bahnhof bombardiert wird. Die fünfjährige Dietlind kann eine Familienkatastrophe verhindern: Ihre Mutter hat den Zug verlassen, um zu telefonieren. Sie will ihre bevorstehende Ankunft bei den entfernten Verwandten in der Oberpfalz ankündigen. Der Schaffner will schon das Signal zur Abfahrt geben. Da brüllt die kleine Tochter so lange und so laut nach ihrer Mutter, dass der Lokführer schließlich wartet.

Mit dem 19. März, dem Namenstag des Heiligen Josef, ist die Flucht zu Ende. Der Heilige hat bis heute für die Familienmitglieder eine besondere Bedeutung. Dietlind Kempf erinnert sich: "Der Zug fährt in eine Station ein. Wiesau. Er hält weit entfernt vom Stationsgebäude, das man nur erahnen kann. Es sind viele Gleise, über die wir stolpern. Wir haben nicht mehr viel Gepäck, es hat sich unterwegs verloren - eine Ausdrucksweise der damaligen Zeit. Es ist stockdunkel, irgendwo brennt eine ganz schwache Lampe. Jemand ruft uns. Es ist Grete Enders, eine Schwester der Schwiegertochter meiner Oma. Sie holt uns tatsächlich mitten in der Nacht ab. Oder ist es schon gegen Morgen? Wie lange mag sie gewartet haben? Sie führt uns in das Haus Bahnhofstraße 107, unsere Heimat für die nächsten Jahre, bis 1949."

Von Heimat viel gesprochen

Die Familie teilt sich zwei winzige Zimmer unter dem Dach, Alfred Langer schläft in der Küche. Im Haus sind auch Flüchtlinge aus Dresden untergekommen. "Familie Enders war freundlich zu uns, sie teilten mit uns, halfen uns." Dietlind Kempf: "Wir waren am Ende einer langen und unfreiwilligen Reise, aber meine Großeltern, meine Mutter und meine Tante wollten tief im Inneren nicht, dass die Reise zu Ende ist. Sie wünschten sich sehnlich, dass die Reise weitergeht, dass der Zug wieder zurückfährt, weit zurück in die Heimat. Von dieser Heimat wurde die nächsten Jahre viel gesprochen werden. Ich habe den Satz ,Wenn wir erst wieder daheim sind' so oft gehört."

Willibald Styra stieß nach einigen Monaten zu seiner Familie. Er ist in Österreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, nach kurzer Zeit aber geflohen, um sich zu Fuß nach Nordbayern durchzuschlagen. In den Jahren danach versuchen die Eltern, sich wieder eine Lebensgrundlage zu schaffen. Im Oktober 1949 erhält Willibald Styra von der US-Militärverwaltung seine Zulassung als Anwalt.

Jetzt ist der Neubeginn möglich. Familie Styra zieht mit den beiden Kindern nach Weiden, findet eine Wohnung in der Johannisstraße 31, der heutigen Raiffeisenbank. Ein großes Glück für die Familie. Immerhin leben zu diesem Zeitpunkt noch 1250 schlesische Flüchtlinge in Weiden im Notaufnahmelager. Anfangs teilt man sich die Wohnung im Dachgeschoss mit einer weiteren Familie, später folgt der Umzug in den ersten Stock. Hier sind Kanzlei und Wohnung auf einer Etage untergebracht. Veronika Langer ist schon 1946 nach München gezogen, macht eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und heiratet Anfang der 50er Jahre einen Münchener. Alfred und Valentina Langer bleiben noch einige Jahre in Wiesau, ziehen dann in ein Altersheim nach Hammergmünd.

"Echte Oberpfälzer"

Willibald Styra macht sich in Weiden einen Namen als Rechtsanwalt. Er wird aktives Mitglied in der CSU und in der Landsmannschaft der Oberschlesier, zudem wirkt er als Elternbeirat in der Mädchenoberrealschule. Seine beiden Kinder engagieren sich in der katholischen Jugend. Winfried studiert, wird Lehrer am Augustinus-Gymnasium, Dietlind absolviert eine Ausbildung zur Rechtsanwaltssekretärin in der elterlichen Kanzlei. Nach dem frühen Tod ihres Mannes macht sie eine weitere Ausbildung, wird Fachlehrerin an der Weidener Wirtschaftsschule. Die in den 60er Jahren geborenen Urenkel von Alfred Langer fühlen sich als echte Oberpfälzer. Die Tochter von Dietlind erinnert sich jedoch: "Beim Spielen durften wir auch Dialekt sprechen. Aber uns wurde immer gesagt, dass wir ab der Wohnungstür Hochdeutsch sprechen müssten, da uns unser Opa sonst nicht verstand."

Die Familie fühlt sich wohl in Weiden, findet Anschluss, Freunde, vergrößert sich. Die Sprache bleibt zwar fremd, aber die Stadt wird neue Heimat. Im Stadtteil Rehbühl wohnt die Familie seit 1966. Die Enkel studieren in Erlangen, Regensburg und Passau, leben heute in München, Regensburg - und in Weiden. Die Flucht aus Oberschlesien findet ein glückliches Ende in der Oberpfalz. Das Hotel in Oppeln gibt es bis heute. Es gehört einer internationalen Hotelkette.
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