Wie blicken Juden auf Maria, die Mutter Jesu? - Ein Vortrag eines Experten bringt ungewohnte ...
"Eine besonders erhöhte Frau"

Dr. Yuval Lapide. Bild: Kunz
Aus seiner ganz persönlichen jüdischen Sicht heraus ist Maria, die Mutter Jesu, eine Visionärin. Eine mutige Frau, die sich - verschlüsselt zwar - gegen die römischen Besatzer aufbäumte. Die ihren jüdischen Mitbrüdern und Schwestern Mut machte. Ihren Sohn als Erlöser deklarierte. Anders, als die katholische Lehre Maria darstellt.

Als Beweis führte Dr. Yuval Lapide, rabbinischer Bibel-Experte, das Magnifikat Mariens aus dem Lukas-Evangelium an. Der 53-jährige gebürtige Jerusalemer erläuterte im Pfarrheim St. Josef bei der Katholischen Erwachsenenbildung "Maria, die Mutter Jesu, aus jüdischer Sicht." Eingeladen hatten Vorsitzender Peter Schönberger und Bildungsreferent Hans Bräuer.

Im Dialog

Dabei suchte Lapide den Dialog mit seinen Zuhörern. Jeder war gefordert, seine eigene Meinung kundzutun. Allein schon Marias Name sei Programm, machte er deutlich. Miriam, wie Maria auf Hebräisch heißt, bedeutet "die von Gott Erhöhte". Und weiter: "Für mich ist sie eine besonders erhöhte Frau."

Schon im Alten Testament - oder im ersten Testament, wie der Redner diesen Bibelteil bezeichnete - habe es zahlreiche Engelserscheinungen gegeben. Oft sei Frauen - meist im hohen Alter - die Geburt bedeutender Söhne angekündigt worden: Hagar, Sarah oder Samsons Eltern. All ihre Söhne sollten später besondere Aufträge erfüllen. Auch Maria habe die Botschaft gehört. Und habe als jüdische Frau durchaus die weitreichenden Folgen für sie und ihr Kind erkannt.

Im ersten Jahrhundert sei in Palästina, wie neueste Untersuchungen ergeben hätten, überwiegend Hebräisch gesprochen worden. Aramäisch nur in wenigen Gebieten. Auf keinen Fall Griechisch oder Latein. Deshalb lohne es sich, Direktübersetzungen der Bibel aus dem Hebräischen in ihrem jüdischen Kontext zu studieren.

Die Luther-Übersetzung aus dem Griechischen sei manchmal fehlerhaft, weil der Reformator nur wenig Hebräisch verstand. "Ich spreche Hebräisch und rekonstruiere eine ganz andere Maria als ein Leser der deutschen Luther-Übersetzung." Der Name von Marias Gatten Josef bedeute "der Hinzuführer, der Ernährer". Und das eigentlich so profan lautende "selig preisen" so viel wie: "Ich bin erleuchtet und kann jetzt den anderen Menschen die Erlösung verkünden."

Miriams Loblied auf die Geburt ihres Kindes lautet: "Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer." Das mache "für mich als Jude" Miriams Persönlichkeitsveränderung vom einfachen Mädchen vom Lande zu einer "Frau ungeheuren Formats" durchaus plausibel.

Marias Magnifikat (Loblied) sei ein politisches Zeichen gegen die Brutalität Roms und seiner Stadthalter gewesen. Die Evangelisten hätten sich beim Verfassen ihrer Texte viel auf jüdische Traditionen verlassen. Auch der Begriff "Gottes Sohn" sei im Judentum natürlich bekannt. "Das ist ein Ausdruck in der jüdischen Theologie." Seine Bedeutung: "Er wird etwas ganz Außergewöhnliches sein und wird großartige Werke vollbringen."

Wie Juden gelebt

Nach Lapides Einschätzung waren Maria und Jesus nicht nur Juden, sie hätten auch wie Juden gelebt. Keinesfalls wie Christen. "Die kannte Jesus noch gar nicht." Seiner Meinung nach sei Jesus Reformator gewesen, wie viele Propheten vor ihm. Einer, der von der jüdischen Obrigkeit - "nicht von den Juden" - ans römische Kreuz geliefert worden sei.

Dass ihn die Christen als ihren Erlöser und Gottes Sohn anerkennen, damit könne er als Jude leben. "Sollte mich Gott dereinst davon überzeugen, würde ich sofort Christ werden. Aber derzeit tut er das nicht."
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