Wieder Leben in der toten Hose

Mit Ananas und Spitzpaprika bewaffnet, setzen sie sich für die Männergesundheit ein: (von links) Privat-Dozent Dr. Dr. Thomas Bschleipfer, der über das Tabuthema Erektionsstörungen spricht, Dr. Petra Baumer, Professor Theodor Klotz, Koch Wilfried Forster und Extremsportler Thomas Dold. Bild: Wilck

"Eine tote Hose braucht Mann nicht zu akzeptieren." Wer's trotzdem tut, lebt gefährlich, weiß der Chefarzt der Urologie. So gibt es Untersuchungen, die zeigen: Herz- und Penisgefäße haben etwas miteinander zu tun. "Bereits 40 Monate vor einer Angina Pectoris haben viele Patienten Erektionsstörungen."

Privat-Dozent Dr. Dr. Thomas Bschleipfer spricht über Viagra, Vakuumerektionshilfen oder Penis-Prothesen-Implantationen, als ob es um die Zutaten fürs Mittagessen geht. Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit Erektionsstörungen ist es wohl, warum keinem Zuhörer beim 2. Männergesundheitstag in der Max-Reger-Halle bei dem heiklen Thema die Schamesröte ins Gesicht steigt. Dabei gibt es heikle Momente.

Zum Beispiel als Bschleipfer die Zuhörer auffordert, in ihrer Reihe bis fünf zu zählen: "Erektionsstörungen sind gar nicht so selten. Schauen Sie sich mal um: Jeder Fünfte über 40 ist betroffen." Dabei darf laut Prof. Theodor Klotz, Chefarztkollege von Bschleipfer, aber eines nicht vergessen werden: "Sexuelle Gesundheit betrifft nicht nur den Mann, sondern immer das Paar." Und: Wer regelmäßig Sex hat, lebt länger, weiß Bschleipfer. Genau hier gehen die Probleme los. Das zeigen diverse Statistiken, die der Männerarzt vorlegt.

Ab 50 Jahren sinkt die wöchentliche sexuelle Aktivität drastisch. Von den über 60-Jährigen ohne festen Partner haben nur noch 16,5 Prozent Sex. Und je länger die Beziehung dauert, umso seltener werden die Liebesspiele - unabhängig vom Alter. Das heißt: "Gehen Sie mit 60 eine neue Partnerschaft ein, fangen Sie wieder von vorne an, haben Sie laut Statistik mehr als zwölf Mal im Monat Sex und konkurrieren wieder mit Ihren Enkeln." Dumm nur, dass gerade ab 60 Jahren 57 Prozent der Männer unter Erektionsstörungen leiden.

Die Erektile Dysfunktion diagnostiziert der Arzt aber nicht bei Problemen nach einer durchzechten Nacht. Vielmehr muss die Impotenz über sechs Monate hinweg mehrmals auftreten. Die Ursache dafür zu suchen, ist ein Muss. "Denn Sex ist nicht nur wichtig. Sex ist überlebenswichtig." So lebten in Taiwan Männer über 65 länger, wenn sie öfter als ein Mal im Monat Geschlechtsverkehr hatten.

"Da hilft auch kein Viagra"

Doch woran liegt's, wenn tote Hose herrscht? Vielleicht mangelt es an Testosteron und es braucht eine Hormontherapie. Oder der Mann ist zu gestresst, leidet an Versagensängsten. Bei zehn Prozent ist dies der Fall. Hier hilft ein Psychologe. Meistens gibt es aber Probleme mit den Blutgefäßen, beispielsweise weil der Mann raucht, Übergewicht hat oder an Diabetes leidet. Also rät der Arzt zu weniger Zigarettenkonsum, Gewichtsreduktion und zu mehr Sport.

Ganz so einfach ist es nicht, wenn das Nervennetz im Unterleib nicht mehr intakt ist. Eine Operation an der Prostata kann es beispielsweise zerstört haben. "Ohne Nerven lösen Reize aber keine Erektion aus. Da hilft auch kein Viagra", erklärt Bschleipfer. Spätestens hier wird klar, die Behandlung von Erektionsstörungen kann kompliziert sein.

Jedenfalls komplizierter als der Spruch, den Männer noch zu Zeiten gehört haben, als Bschleipfer studierte: "Früher hieß es oft: Wechseln Sie die Frau", erinnert sich der Privat-Dozent. Vielleicht weil Chauvinismus nicht hilft, gibt es heute auch Viagra, Vakuumerektionshilfen, Spritzen in den Penis oder gleich eine Prothesen-Implantation in das beste Stück.

Doch alles der Reihe nach: Die Potenzpille bleibt für viele die Therapie erster Wahl. Ihre Wirkungskraft aber können Viagra & Co. nicht entfalten, wenn sie der Mann einnimmt und sich in die Ecke stellt. "Sie brauchen nach Einnahme dieser Tablette einen Reiz. Sonst passiert gar nichts." Den Reiz wiederum verarbeitet das Nervennetz im Unterleib des Mannes. Der Penis erigiert innerhalb von zehn Minuten und - je nach Pille - bis zu 36 Stunden. Vorausgesetzt das Nervensystem ist intakt.

Wirksam seien auch Vakuumerektionshilfen, wie es sie in jedem gewöhnlichen Sexshop gibt. "Sie sind für ein Mal Geschlechtsverkehr gedacht. Nicht länger, sonst war's der letzte Beischlaf." Der Grund: Hält der Durchblutungs-Stopp, verursacht von einem Ring am Penis, an, wird das Gewebe dauerhaft geschädigt.

Doch weil Potenzpille und Vakuumerektionshilfen wirkungslos sind, wenn die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Penis geschädigt sind, kann es den Griff zur Nadel brauchen, erläutert der Privat-Dozent. Doch der kleine Piks habe große Wirkung. Trotzdem geht ein erschrockenes Raunen durch den Gustav-von-Schlör-Saal, als Bschleipfer ausführt, wie die Injektion direkt in den Penis dazu führt, dass die Muskeln erschlaffen. Es kann mehr Blut in den Schwellkörper fließen. Das Glied steht. Allerdings bleibt es auch stehen, wenn die Injektionstherapie nicht genau auf den Patienten abgestimmt ist. Das wiederum setzt den Penis dann endgültig außer Gefecht.

Nach dieser Nachricht begegnet das Publikum den Möglichkeiten offener, die bei zerstörtem Nervengewebe eine Operation bietet. Von Penis-Prothesen-Implantation spricht der Mediziner. Dahinter stecken zwei Möglichkeiten. Bei der ersten kostengünstigen und gut handhabbaren Variante wird ein Kunststoffteil im Stiftdurchmesser in den Penis eingesetzt. "Es ist gut biegbar." Semirigide nennt sich das im Fachjargon. "Allerdings hat der Patient dann nie wieder einen schlaffen Penis."

Erektion auf Knopfdruck

Bei der kostenintensiveren, der hydraulischen Alternative stellt das kein Problem dar. Hier gibt es eine Erektion auf Knopfdruck. Und so funktioniert's: Eine Pumpe wird in den Hodensack eingesetzt, zwei Implantate kommen in den Schwellkörper und ein Schlauch führt von dort zu einem Reservoir im Bauchraum. In diesem Mini-Luftballon befindet sich destilliertes Wasser. Auf Knopfdruck am Hodensack entleert sich der Ballon, das Wasser wird in den Penis gepumpt, das Glied erigiert. Wird erneut auf den Knopf gedrückt, ziehen sich Wasser und Penis zurück.

Derartige medizinische Möglichkeiten beeindrucken die Zuhörer. Dennoch zeigt gleich die erste Nachfrage in Bschleipfers Richtung, dass die Wunschbehandlung wenig mit Spritzen und Operationen zu tun hat. Will doch einer schlicht wissen: "Kann denn auch Hypnose helfen?"
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