Wir müssen reden ...

Karikierend überzogenes Impro-Theater nahe an der Realität: Obwohl sie nebeneinander stehen, kommunizieren die Kids per Handy. Auch die Frage an das gestürzte Mädchen, ob alles in Ordnung ist, kommt per SMS.

Dann macht es doch, möchte der Zuschauer den fünf Heranwachsenden zurufen. Doch Lena, Hanna, Surbeck, Gerber und sein kleiner Bruder entblößen ihre Seelenzustände nicht gegenseitig, sondern alleine für sich in teils erschreckend resignierten Monologen.

Überhaupt schlägt die Inszenierung der Akademie für Darstellende Kunst Bayern (ADK) als Abschluss des zweiten Jugendtheaterfestivals den treffenden gedanklichen Bogen über die drei Tage. "The Killer In Me Is The Killer In You, My Love" von Andri Beyeler berührt inhaltlich mehrere, eng verbundene Ebenen.

Handelt es sich vordergründig um den schwierigen Reifungsprozess der Teenager, beschreibt der Stoff auch die Unsicherheiten, das Gefühlschaos und das Perfektionsstreben, die die Jugendlichen in Abhängigkeiten flüchten lassen. Zuletzt geht es aber auch um Kommunikation. Hat das LTO-Improtheater "Leben.Punkt!" von Doris Hofmann am Vortag bereits das verzerrte Nutzungsverhalten mit dem Handy als unverzichtbares Hilfsmittel thematisiert, geht das Stück, das nach einer Zeile aus dem Song "Disarm" der Smashing Pumpkins betitelt ist, einen Schritt weiter.

Theaterpädagogik-Studentin Julia Kren schafft in einer inspirierten Regiearbeit, das Gefühl der wachsenden Distanz der Figuren zueinander atmosphärisch sehr dicht zu vermitteln. Die gelungene Bearbeitung lässt den Plot sehr ruhig dahinfließen, was die Botschaften nicht weniger eindringlich vermittelt. Oft stehen die spielfreudigen ADK-Schauspielstudenten mit dem Gesicht zur Wand - vor der mentalen Mauer.

Liebe und Leid

Die im Stück aufgegriffenen Probleme der Adoleszenz sind zeitlos: Es sind die vielen verwirrenden ersten Male: Die erste Liebe, die erste Zigarette, der erste Sprung vom Drei-Meter-Brett. Die Freunde Gerber (Julian Kühndel) und Surbeck (Ferdinand Reitenspies) sind beide in Hanna (Henriette Heine) verliebt. Diese ist sehr Ich-bezogen, für sie zählen die Gefühle der anderen nicht. Die gertenschlanke Lena (Sabine Sachse) hält sich für die "Drittdickste" in der Klasse und pendelt zwischen Kühlschrank und Bad. Und der jüngere Gerber (David Endress) hat als Anhängsel der Clique seines großen Bruders einen schweren Stand. Sie spüren eigentlich, wie sie handeln müssten. Doch Selbstzweifel lassen sie Probleme kompensieren statt diskutieren - ob durch Rauchen, Endorphine-Jagd durch exzessiven Sport oder Bulimie. Sprachliche Endlosschleifen im Hintergrund mit je leicht verändertem Text verstärken dies und sorgen mit dem gleichzeitigen Ausdruck von Monotonie und langsamer Weiterentwicklung für eine unwiderstehliche Sogwirkung.

Am Ende scheint nicht viel passiert zu sein. Über den Liebeskummer kommen die Jugendlichen hinweg. Ebenso über die Ängste, Erwartungen nicht zu entsprechen. Meistens geht es gut. Aber nicht hier: Freundschaften sind zerbrochen, am Ende haben sich alle nichts mehr zu sagen. Der angedeutete Missbrauch Surbecks durch einen Bademeister und der letzte Schwächeanfall Lenas, der "dieses Mal anders ist" lassen zudem nichts Gutes erahnen. "Wir müssen reden", heißt es am Anfang und Ende des Stücks - sie hätten es tun sollen.

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Mehr über das LTO und das ADK :

http://www.landestheater-oberpfalz.de http://www.adk-bayern.com
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