"Wir standen auf als freie Männer"

Als dieses Luftbild entstand, befand sich auch der Brite Harry Levy im Stalag XIIIB in Weiden. Das Foto stammt von einem Aufklärungsflug der US-Amerikaner vom 16. April 1945. Es zeigt die Kaserne (rechts) in der Frauenrichter Straße, wie sie heute noch steht. Links - gegenüber der Kasernenstraße - liegt das Kriegsgefangenenlager. Deutlich zu sehen sind die Buchstaben PoW ("Prisoners of war") auf den Dächern der Baracken. Bild: Landesamt für Vermessung und Geoinformation (Luftbildarchiv)

Was tut ein junger Engländer, der nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft in Freiheit kommt? Der drei Jahre in überfüllten Baracken mit ausschließlich Männern verbracht hat? Genau. Er sucht ein hübsches, junges Mädchen auf. Und prompt geht's schief.

Weiden. Harry Levy aus Leeds ist 23 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg im April 1945 zu Ende geht. Als Schütze und Funker einer Maschine der Royal Airforce wurde er 1943 über Belgien abgeschossen und rettet sich per Fallschirm. Belgische Zivilisten verstecken den jungen Briten. Er wird entdeckt, kommt ins "Dulag Luft" und Internierungslager Lamsdorf bei Breslau. Die letzten Kriegsmonate verbringt er als Gefangener im Weidener Stalag XIIIB (Gelände neben der Ostmarkkaserne).

Der Brite hat sein Erinnerungen in einem Abenteuerroman festgehalten. "The Dark Side of the Sky", 1986 erschienen in einem Londoner Verlag. Darin beschreibt er in den zwei letzten Kapiteln lebhaft seine Zeit vor 70 Jahren in Weiden. Levy erlebt die große Zug-Explosion am 16. April aus nächster Nähe. Auf der Bahnlinie bei der Porzellanfabrik Seltmann fliegt ein Munitionszug in die Luft. 60 Menschen sterben. Die Gefangenen beobachten den Beschuss durch amerikanische Jagdbomber aus nächster Nähe. Sie stehen an diesem sonnigen Frühlingsvormittag als Zuschauer am Zaun des Stalags am Stockerhut mit Blick auf den Rehbühl.

Weidener kennen das Schicksal des Lokführers Otto Grünwald, der den qualmenden Zug mit seiner gefährlichen Fracht aus der Innenstadt rangiert. Er verhindert damit ein verheerendes Unglück. Aber der Familienvater lässt dabei sein Leben. Die alliierten Kriegsgefangenen sehen den Angriff naturgemäß von einer anderen Warte. Sie bejubeln die "Thunderbolts", die aus dem wolkenlosen blauen Himmel immer wieder abtauchen und den Zug beschießen.

"Come on you bastards!", feuern die Männer die Jabos an. Auch Levy steht am Zaun. Er sieht Rauchschwaden, die aus einem Waggon aufsteigen. Der Zug hält auf einer Lichtung. Geraume Zeit passiert nichts. Die Lok wird abgekoppelt, fährt langsam wieder an - versucht sich zu retten? Levy wird fad. Er kehrt für ein Schläfchen in seine Baracke zurück - als ihn die Explosion hochfahren lässt. Der Boden ist übersät mit Splittern. Vom Zaun schleppen zwei Kameraden einen verletzten Franzosen heran. Das Hemd blutgetränkt. Im Drahtzaun klafft ein Loch. Auf der Lichtung steht kein Zug mehr. Levy sieht Trümmer, verbogenes Metall.

Levy erlebt in Weiden auch die Befreiung durch die Amerikaner am 22. April 1945. Besser gesagt: Er verschläft auch diesen Moment. Die Atmosphäre im Lager beschreibt er Ende April als angespannt. Das Stalag befindet sich in einem Zustand der "eingefrorenen Ruhe". Jeden Tag warten die Häftlinge darauf, dass die Sirenen den Durchbruch der Alliierten anzeigen. Immer häufiger gibt es Anzeichen, dass sie näher rücken. Am Horizont sind Kampfflugzeuge zu sehen, auch ein Aufklärer. Die Rote-Kreuz-Lieferungen bleiben aus, was sich nicht auswirkt: Die Waren im Lager sind laut Levy ausreichend.

Er lässt sich im Frühjahr 1945 treiben "von diesem Gefühl der Unwirklichkeit". Im Lager herrscht Stille, die Männer gehen ihren täglichen Zerstreuungen nach. "Wir leben in einer Welt, die weder Tiefe noch reale Existenz hat." Oft schlendert Levy über das Lagergelände. Er tauscht mit einem Chasseur Alpin mit schwarzem Barett die Abzeichen. Er lernt ein paar Brocken Französisch. Oft schläft er einfach nur in seinem Stockbett in der Baracke. Wie an diesem Tag.

Amerikaner verschlafen

"Es war ein warmer Nachmittag." Als Harry Levy aufwacht, ist die Baracke menschenleer. Das macht den jungen Engländer stutzig: "Als Gefangener bist du nie allein." Weder im Bad, noch beim Essen, noch beim Schlafen. "Wenn es eine Konstante im Leben eines Kriegsgefangenen gibt, dann den Mangel an Privatsphäre." Der 23-Jährige klettert von seinem Bett. Alle Pritschen sind leer. Auch in der Nachbarunterkunft herrscht gespenstische Leere. Auf dem Tisch stehen offene Konservendosen. "Da wusste ich, was passiert war."

Erst geht er, dann läuft er. "Da sah ich sie alle: Hunderte Gefangene, mit dem Rücken zu mir, standen am Zaun wie an der Seitenlinie eines Fußballspiels." Über ihren Köpfen ragt das graue Metallrohr eines amerikanischen Panzers. "Der Panzer war viel größer, als ich gedacht hatte. Ich sah den weißen Stern, aufgemalt auf der Seite. Hinter dem Panzer stand ein halbes Dutzend GIs, Kaugummi kauend, die Gesichter gestreift von Staub und Schweiß."

Vor den gezückten Waffen der Amerikaner sammeln sich deutsche Wärter, die Hände hinter den Köpfen verschränkt. Die Situation wird noch einmal kritisch, als aus einem nahen Wald Kanonenfeuer ertönt. Der letzte Widerstand der SS. Geschosse jaulen über die Köpfe der Kriegsgefangenen hinweg. Sie werfen sich auf den Boden. Levy fürchtet ein letztes Mal um sein Leben. Der Panzer beschleunigt in Richtung des Wäldchens. Rauch steigt aus dem Hinterhalt auf. Das Kanonenfeuer verklingt. "Es herrscht Stille. Einer nach dem anderen kommen wir auf die Beine: nicht länger als Kriegsgefangene, sondern als freie Männer."

Die Kriegsgefangenen warten auf die Rückführung in ihre Heimatländer. Bis auf die Franzosen: Die sind über Nacht weg. Der britische Verbindungsoffizier bittet dagegen um etwas Geduld. Levy lässt sich von seinem langjährigen Kameraden Yitzac zu einem Spaziergang durch Weiden überreden. "Die Straßen schienen unberührt vom Krieg, die festen Häuser unbeschädigt und ihre Bürger gut gekleidet und gut genährt." Der britische Jude Levy empfindet den deutschen Ort als fremd und feindlich. Landsmann Yitzac dagegen, der Deutsch spricht, schwirrt in seiner britischen Uniform durch die Stadt "wie eine Biene im Bienenstock". Nicht lange, und Yitzac angelt sich die blonde, kurvenreiche Magda.

Magda organisiert auch für Levy ein geeignetes Pendant. Das Rendezvous geht gründlich schief. Die Szene spielt sich in einem Zimmer in einer Pension in Weiden ab. Bereits am Nachmittag haben Harry Levy und Yitzac in einem aufgelassenen Gefängnis mehrere junge Damen getroffen. Frauen, die laut Levy vor der Befreiung wegen Fraternisierung mit dem Feind inhaftiert waren. Man vereinbart ein Wiedersehen in dem Hotel - mit eindeutiger Zielrichtung. Levy, noch "Jungfrau", wartet im Bett auf die ihm zugedachte Bekannte. Im Nebenzimmer hört er seinen Kumpel Yitzac und dessen verlockende Gespielin. Alle angestaute Enthaltsamkeit bricht sich Bahn. Und Levys leichtes Mädchen kommt zu spät.
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