"Wir standen Todesängste aus"

Drei der Pollok-Geschwister 70 Jahre später (von links): Sigrid, Manfred (bekannt als langjähriger Stadtrat in Amberg) und Helga. Bild: privat

Jedes Mal, wenn sie von Flüchtlingen hört oder liest, kommen bei Helga Kratzer (76) die Bilder wieder hoch: Wie ihre Familie Anfang 1945 schweren Herzens die Heimat in Schlesien verließ und erst in Amberg wieder zur Ruhe kam. Und wie sie hier großes Glück hatte.

"Wir waren keine Vertriebenen, sondern Flüchtlinge, wir sind bereits im Januar 1945 vor den Russen geflohen", betont Helga Kratzer einen Unterschied, der heute den meisten nicht mehr geläufig ist. "Wir", das waren die Mutter, Klara Pollok, damals 41 Jahre alt, mit ihren Kindern Gabriele (14), Manfred (12), Helga (6) und Sigrid (4). Schwester Inge (19) musste in einem Rüstungsbetrieb in Sachsen arbeiten, Vater Ernst (44) war im Krieg.

"Die Suche nach Heimat" hat Helga Kratzer ihre Erinnerungen an diese Zeit überschrieben, die sie 1996 auf Drängen ihrer Kinder in einem Heft zusammengestellt hat. Die Flucht aus Gleiwitz in Oberschlesien ging am 26. Januar 1945 noch ganz gesittet los - mit dem letzten Sonderzug, der die Stadt verließ. Man saß zwar "wie die Heringe", aber der Zug brachte die Familie einstweilen in Sicherheit, nach Glatz an der Neiße.

Weil die Front auch dort näherrückte, ging es Anfang März schon wieder weiter. Helga Kratzer schreibt dazu: "Beim Einsteigen in den Zug rutschte unsere Mutti auf dem Glatteis aus und brach sich den rechten Arm. Sie musste ohne ärztliche Hilfe mit großen Schmerzen die drei Tage und drei Nächte andauernde Fahrt durchstehen. ... Einmal fuhr der Zug los, als Gabi und Manfred ausgestiegen waren, um nach Essbarem zu suchen. Wir standen Todesängste aus und glaubten, dass sie nicht mitgekommen wären. Wie erleichtert waren wir, als sie beim nächsten Halt plötzlich auftauchten. Sie hatten es gerade noch geschafft, auf einen der letzten Wagen aufzuspringen."

Zuerst ins Massenquartier

Der Zug fuhr immer kurz, blieb dann wegen Luftangriffen stundenlang stehen. Die Passagiere hatten jegliche Orientierung verloren. Über Prag und Furth im Wald wurde aber am dritten Abend Amberg erreicht. "Hier holte man Mutti aus dem Zug, damit sie endlich ärztlich versorgt werden konnte. Wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte, und hatten große Angst, dass wir bei Weiterfahrt des Zuges von unserer Mutti getrennt werden würden." Doch als mehrere Flüchtlingsfamilien ins (heutige) Raseliushaus gebracht wurden, stieß Klara Pollok wieder zu ihren Kindern.

"In diesem Massenquartier waren in einem großen Saal unter dem Dach Strohsäcke auf dem Fußboden nebeneinander gelegt, worauf wir schlafen konnten." Dann die glückliche Fügung: Bereits nach drei Tagen bekommen die Polloks ein Zimmer und eine Dachkammer bei Familie Singer in der Schwaigerstraße. "Endlich konnten wir uns waschen, wenn auch nur in einer Waschschüssel." Es war eng, aber eine sichere Zuflucht, wenn auch nicht ohne Tücken: "Der im Zimmer befindliche Kachelofen mit zwei Durchreichen diente Mutti als Herd. Ihre Arme waren bald mit Brandflecken übersät, weil sie immer wieder an die heißen Bleche geriet, wenn sie einen Topf in den Ofen stellen wollte."

Kurz bevor die Amerikaner am 22. April 1945 Amberg einnahmen, stieß die älteste Tochter Inge wieder zur Familie - zuerst einmal, um mit ihr gemeinsam zu hungern. Doch die 19-Jährige bekam Arbeit in einer Großküche und brachte hin und wieder ein großes Stück Brot mit nach Hause. Gabi und Manfred marschierten in die umliegenden Dörfer und bettelten um Lebensmittel, denn zum Eintauschen hatte die geflohene Familie ja nichts. Der großen Not begegnete Mutter Pollok mit Galgenhumor: "Man muss lernen, aus Dreck Stricke zu drehen."

Helga Kratzer sind die Strapazen des Winters 1945, der Hunger und die Kälte noch gegenwärtig: "Die allgemeine Not war so groß, dass der damalige Kölner Kardinal Frings sogar öffentlich das siebte Gebot teilweise außer Kraft setzte. Er verkündete, dass sich jeder das nehmen dürfte, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit braucht, wenn er es auf andere Weise weder durch Bitten noch durch Arbeit bekommen könne. Ab da hieß das illegale Organisieren von Heizmaterial und Nahrung nur noch 'fringsen'."

Doch im Mai 1946 musste die Familie Pollok, zu der inzwischen auch der Vater zurückgekehrt war, ihre Zimmer in Amberg verlassen. Das städtische Wohnungsamt teilte ihr mit, sie habe sich "zwecks Abtransport in den Landkreis" am 13. Mai beim Nabburger Tor einzufinden. "Einspruch dagegen ist zwecklos! Bei Nichterscheinen haben Sie mit sofortigem Polizeivollzug zu rechnen." Hintergrund der Aktion: Die Amerikaner hatten in Amberg viele Häuser und Wohnungen beschlagnahmt und deren ursprüngliche Bewohner auf die Straße gesetzt. Die Stadtverwaltung wollte sie bei anderen Ambergern einquartieren, wofür die Flüchtlinge weichen mussten.

Mit Mistgabel vertrieben

Die Polloks kamen nach Altammerthal und erlebten einen frostigen Empfang: "Hier sollten wir beim Bauern S. unterkommen, der uns jedoch erst gar nicht auf seinen Hof ließ und uns mit der Mistgabel vertrieb. Schließlich waren wir ja sieben Personen. So standen wir gegen Abend immer noch mit unseren Habseligkeiten auf der Straße. Zum Glück hatte Frau Wein, die Frau des Dorflehrers, Mitleid mit uns und stellte uns zwei Zimmer in ihrer eigenen Wohnung zur Verfügung, solange ihr Mann noch in Gefangenschaft war."

Als Toni Wein wenig später zurückkam, zog die Familie Pollok vom neuen ins alte Schulhaus um. "Wir bewohnten im Erdgeschoss, gleich neben dem einzigen großen Schulzimmer, einen Raum; der zweite Raum befand sich im 1. Obergeschoss, nur durch eine dünne Brettertür vom riesigen Speicher getrennt. Da ... sich unter den Ziegeln keine Isolierung befand, waren wir im Winter eisiger Kälte ausgesetzt. Der Atemhauch gefror an der Bettdecke."

Schlimmer war allerdings die Ablehnung, die den Flüchtlingen vonseiten mancher Alteingesessener entgegenschlug: "Wir mussten sogar erleben, dass faustgroße Steine durch das Fenster des Schulhauses flogen und um Haaresbreite uns Kinder, die wir im Bett unter dem Fenster schliefen, getroffen hätten. Der Hass auf die Flüchtlinge und noch dazu auf Protestanten war damals sehr groß. Nur die wenigsten der Einheimischen waren bereit, uns zu helfen."

Pfarrer hilft Protestanten

Zu denjenigen, die der Flüchtlingsfamilie mit dem arbeitslosen Vater eine helfende Hand reichten, gehörte Pfarrer Welnhofer, den der konfessionelle Unterschied nicht daran hinderte, den Polloks Lebensmittel zu bringen. Ähnlich hielten das Herr Wismeth vom Dorfladen und die Wirtsleute Ludwig. "Sie gaben uns Kindern sehr oft was zu essen", erinnert sich Helga Kratzer.

So gefiel es wohl zumindest den Kindern in Ammerthal gut, denn obwohl die Familie 1949 wieder nach Amberg gezogen war, kehrte Helga 1972 nach Ammerthal zurück und baute sich dort mit ihrem Mann Werner Kratzer, einem Amberger, ein Haus - "und seitdem wollen wir hier nicht mehr raus", hat sie in einem Gedicht geschrieben, in dem sie die Erfahrungen eines Flüchtlingskindes verarbeitet.

Diese Erfahrungen - enttäuschte Hoffnungen genauso wie Glücksgefühle - braucht es wohl, um zu wissen, wie es den Menschen geht, die heute auf der Flucht sind und sich so sehr nach einer neuen Heimat sehnen, in der sie in Frieden und Würde leben können und als Mitbürger anerkannt sind.
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