Wirtschaftsschule aufpeppen

Für eine Flüchtlingsklasse der Berufsschule hat die Wirtschaftsschule Weiden bereits zwei Klassenzimmer bereitgestellt. Auf lange Sicht wünscht sich Schulleiter Thomas Reitmeier (Zweiter von links) eine stärkere Einbindung der Wirtschaftsschulen in die Beschulung von Flüchtlingen. Er stieß damit bei FW-Landtagsabgeordnetem Günther Felbinger (links) und FW-Bezirkspressesprecher Thomas Dechant (Zweiter von rechts) auf volle Zustimmung. Für bessere Übernahmemöglichkeiten für Aushilfskräfte machte sich Karl Lor

Frische grüne Farbakzente, ein Liegesessel für die schöpferische Pause, eine moderne Kaffeemaschine. "Tolle Wohlfühl-Atmosphäre", stellt Günther Felbinger fast ein bisschen neidisch fest. Doch um die Probleme beneidet er Schulleiter Thomas Reitmeier nicht. Dafür verspricht der FW-Landtagsabgeordnete Unterstützung.

Weiden. (ps) Denn es gibt einiges, was dem Chef der Wirtschaftsschulen Weiden und Eschenbach im Magen liegt: Stark gesunkene Schülerzahlen, zu wenig Lehrkräfte und die zu seinem Bedauern nachlassende Wahrnehmung der Wirtschaftsschule bei den Eltern. Darüber kann auch sein seit sechs Wochen neu gestaltetes Direktorat nicht hinwegtrösten.

60 Schüler weniger als im Vorjahr - nämlich 440 - verzeichnet allein die Wirtschaftsschule in Weiden. Eine Ursache ist die demografische Entwicklung. Eine andere laut Reitmeier, dass die Wirtschaftsschule als berufliche Schule eine Sonderstellung einnimmt. Sie sei aber auch durch die mittlerweile sechsstufige Realschule "ziemlich abgeschnitten" worden von den Bildungsgängen bzw. als Alternative nicht mehr so im Kopf der Eltern wie früher, als die Hauptschüler nach der sechsten Klasse zwischen Realschule und Wirtschaftsschule wählen konnten.

Modellprojekt ausweiten

Abhilfe schaffen könnte hier nach Ansicht von Günther Felbinger - er ist bildungspolitischer Sprecher der Freien Wähler im Bayerischen Landtag - das neue Modell Jahrgangsstufe 5 plus 1 an Wirtschaftsschulen. "Die Wirtschaftsschule dürfte mit 5 Stufen mit Sicherheit wieder an Attraktivität gewinnen." Die Schüler können dann bereits in der sechsten Klasse an die Wirtschaftsschule wechseln. An fünf Schulen in Bayern läuft ein Modellversuch. Günther Felbinger: "Die Freien Wähler drängen sehr auf eine Erweiterung dieses Modellversuchs, bevor die Wirtschaftsschulen sukzessive einen leisen Tod sterben."

Klingt dramatisch. Doch auch Schulleiter Reitmeier bangt um die Zukunft der Wirtschaftsschulen auf lange Sicht, wenn sich nichts ändert. Zumindest in ihrer bisherigen beruflichen Ausrichtung. Ähnlich wie das Handwerk, das um Nachwuchs kämpft, sieht der Oberstudiendirektor in jugendlichen wissbegierigen Flüchtlingen eine große Chance. Deshalb hat er bereits vor einem Jahr einen Vorschlag an das Kultusministerium geschickt: "Wir könnten junge Flüchtlinge nach zwei Jahren Unterricht an der Berufsschule hier weitere zwei Jahre beschulen, um sie zu einem mittleren Schulabschluss zu führen."

Ein Gedanke, der bei Günther Felbinger auf offene Ohren stößt. Der geht sogar noch weiter und erklärt: "Die beruflichen Schulen werden ein entscheidendes Kettenglied in der Flüchtlingsthematik." Neben Sprachunterricht sei für die jungen Asylbewerber aber auch interkulturelle Bildung nötig, mahnt der Freie Wähler an. "Zwei Drittel der berufsschulpflichtigen Flüchtlingskinder werden bisher nicht beschult", erklärt er zudem. Er hoffe, dass die vom Freistaat zugesagten 1700 zusätzlichen Lehrer hier Abhilfe bringen. Angesichts des starken Zustroms würden aber sicher bald noch mehr Lehrer benötigt.

Auch dieses Problem kennt Thomas Reitmeier aus eigener Erfahrung. 15 Kollegen hat er im vergangenen Jahr durch Ruhestand und Versetzungen verloren. Drei neue Planstellen hat die Schule erhalten. Der Rest wird durch weniger geteilten Unterricht, neue Referendare und den Rückgang der Schülerzahlen so gut wie möglich ausgeglichen. "Trotzdem langt's nicht ganz."

Für die bessere Bewertung und Übernahme von Aushilfskräften und Aushilfslehrern, die sich über Jahre bewährt haben, macht sich deshalb Karl Lorenz stark, Fraktionschef der Freien Wähler im Kreisstag. Lorenz war selbst bis vor kurzem Lehrer an der Wirtschaftsschule in Eschenbach und ist jetzt in Altersteilzeit.

"Potenzial verschleudert"

"Da wird Potenzial verschleudert", ärgert sich Günther Felbinger. "Wenn man die Leute nach drei Jahren in die Wüste schickt, ist das Sklavenarbeit. Da sehe ich im bayerischen Dienstrecht eine grundlegende Fehleinschätzung." Den Schulleitern müsse hier mehr freie Hand gelassen werden, fordert er. Wenn die Chefs den Aushilfskräften entsprechende Leistungen bestätigten, müsse es einen Bonus geben. Felbinger plädiert für mehr Eigenständigkeit der Schulleiter und rät Thomas Reitmeier: "Machen Sie es als Schulleiter wie Sie denken, und fragen Sie in München nicht lange nach." Gut möglich, dass es mit der Wohlfühl-Atmosphäre für Thomas Reitmeier da schnell wieder vorbei wäre.
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