"Wollte die Wahrheit erfahren"

Rudolf Tomsu. Bild: otj

Der Journalist Rudolf Tomsu ist ein Versöhner. Er will Gräben beseitigen zwischen Tschechen und Deutschen. Seine verbindende Botschaft vermittelte er am Dienstag auch bei einer Lesung im Augustinus-Gymnasium den Schülern - in "persönlichen Bildern" seines Lebens.

Er erinnere sich noch genau an die Tränen seines Vaters, nachdem dieser gesehen hatte, wie die Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Böhmen behandelt wurden, berichtete Rudolf Tomsu bei seinem Vortrag den Augustinus-Gymnasiasten. Sein Vater habe gesagt: "Das sind Deutsche. Aber es sind Menschen. Und so geht man nicht mit Menschen um." Dabei sei in Rachegefühlen nicht unterschieden worden zwischen schuldig und unschuldig. "Das Unrecht der Vertreibung war jahrelang ein Tabu-Thema in Tschechien." Was den Sudetendeutschen nach 1945 widerfahren sei, bezeichnet Tomsu als ein Trauma der Geschichte. Drei Millionen Menschen seien aus ihrer Heimat vertrieben worden. Dieses Vakuum habe zudem wieder aufgefüllt werden müssen. "Gekommen sind unter anderem Rumänen, Bulgaren, Slowaken, Roma", so Tomsu. "Menschen, die oft keine Alternative hatten, als ins Grenzland zu gehen." Und dennoch seien viele Ortschaften verschwunden.

Die sowjetische Besatzungsmacht habe auch vor Tschechen nicht haltgemacht. Auch sie seien nach 1948 enteignet worden - kollektiviert im Sinne der Sowjets. Die Währungsreform im Jahr 1951 habe das Unrecht auf die Spitze getrieben. Lebenslange Ersparnisse, Wertpapiere, Aktien und staatliche Anleihen - allen seien am Ende nur 50 Kronen geblieben. "Man hat damals aus einem Aquarium eine Fischsuppe gekocht. Jetzt machen wir seit 25 Jahren wieder ein Aquarium daraus."

Am eigenen Leib gespürt

Das Unrecht habe er als Journalist mit eigener Meinung zur Vertreibung bald selbst am eigenen Leib erfahren müssen. Die Nachbarn hätten die Straßenseite gewechselt. Das habe ihn einsam gemacht. "Das ging so weit, dass ich nicht mehr in meinem Traumberuf arbeiten durfte. Zum Glück habe ich ein Handwerk gelernt."

Einen Hoffnungsschimmer habe es gegeben, als die tschechische Regierung unter Alexander Dubcek begann, sich für freie Meinung zu öffnen. "Diese Hoffnung haben die sowjetischen Panzer überrollt." Seine Einsamkeit habe erst mit der Wende geendet. Endlich habe er in Zeitungen und Büchern lesen können, dass seine Ansichten nicht falsch waren, sondern im Westen geteilt wurden. "Ich wollte die Wahrheit über die Vertreibung erfahren. Jetzt wusste ich: Ich bin normal."
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