Zittern beim Drahtseilakt

Ein runder Auftritt: Jamena Wille-Busch in der Plexiglaskugel unter der blau-weißen Zirkuskuppel.

Zwei Wasserbüffel auf Sägespäne, ein Sechsjähriger auf dem Rüssel der riesigen Elefantendame und ein Tänzer auf dem Drahtseil, der auf den Manegenboden stürzt. Nicht nur damit fesselt der Nationalcircus Carl Busch am Donnerstagnachmittag bis zu 1000 Premierenbesucher.

Der Clown in der Manege blickt plötzlich ungewöhnlich ernst drein. 20 Sekunden später wird klar, warum: Drahtseilartist Erik Niemen konzentriert sich auf seinen waghalsigen Schlusstrick. Er springt den Rückwärtssalto und versucht, wieder auf dem Seil zu landen. Vergeblich.

Der Artist, der zuletzt beim Circusfestival in Monte Carlo glänzte, taumelt gefährlich - und stürzt auf den Manegenboden. Das Publikum hält den Atem an, der Clown hilft dem Künstler auf die Beine. Bei der Akrobatenehre gepackt, wagt Niemen unter großem Applaus einen zweiten Versuch, landet und begeistert. Auch das kleine Mädchen ganz vorne ist aufgesprungen. Es klatscht und ruft zur Mutter auf dem Klappsitz: "Wenn mal was nicht klappt, muss man's einfach nochmal probieren."

Bis Sonntagabend gibt der Circus noch vier Vorstellungen unter der blau-weißen Zeltkuppel am Festplatz an der Conrad-Röntgen-Straße. Dabei präsentiert er in Weiden eine Weltneuheit: Bisons in der Manege und auf dem Podest, umtanzt von sechs Eseln und Tierlehrer Marcel Krämer, der Lasso-Schwüngen die Zuschauer für sich einnimmt.

Starkes Duo

Eine echte Wucht aber ist der gemeinsame Auftritt des kleinsten und des größten Zirkusstars: Elefantendame Carla schreitet in die Manege. Am Rüssel der fünf Tonnen schweren Ü-50-Dame baumelt der sechsjährige Alfons Wille-Busch, die vierte Generation des familiengeführten Unternehmens aus Nürnberg. Das starke Duo versteht sich. Später zeigt die Elefantendame auch ihr Herz für den Juniorchef und seine Frau: Für Manuel Wille-Busch stellt sie sich auf die Hinterfüße und balanciert, damit sich der Juniorchef an ihren Bauch schmiegen kann, ohne von ihr zerquetscht zu werden. Über Jamena Wille-Busch am Boden steigt sie so leichtfüßig, wie es ein Fünftonner eben vermag. Gut so. Denn nur deshalb kann die Artistin wenig später unter der Zeltkuppel in einer Plexiglaskugel zeigen, wie elfengleich sie sich verbiegen kann. Überhaupt sind es die unglaublichen Verrenkungen der Akrobaten, die faszinieren. Francisco Liazeed etwa. Erst brilliert er an der Stange, dann mit Frau Zaida auf dem Rücken kopfüber beim einhändigen Handstand. Oder Sharon Berousek. Als die Live-Band Tempo macht, geht die 20-Jährige mit. Bis zu sechs Keulen lässt die Tochter des laut Guinnessbuch der Rekorde "schnellsten Jongleurs der Welt" in einem Affentempo unter der Zirkuskuppel durch ihre Hände kreisen.

"Les Goty", den zwei Komikern aus Spanien, reicht ein Spiegel, der keiner ist, um die Menschen zum Lachen zu bringen. Erwachsene schmunzeln vor allem beim Balztanz, den die Komiker als Vögel verkleidet vollführen, und der so herrliche Anspielungen auf das Dating-Verhalten von Menschen macht. Platter Roter-Nasen-Witz war einmal. Ebenso wie gute Manieren bei einigen Zuschauern.

Als die Artisten sich ein letztes Mal verneigen wollen, stoßen sie mit den Nasen fast an einen Teil des Publikums, der übereilig direkt an ihnen vorbei Richtung Ausgang drückt. Ob's die Künstler stört, ist nicht zu sehen: Sie sind Zirkusprofis. In der vierten Generation. Sie lächeln, bis der Vorhang fällt.
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