90 Prozent der Muslime in Deutschland halten Demokratie für gute Regierungsform - trotzdem ...
Heimatland, dessen Mehrheit sie zurückweist

Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird.
(dpa/epd/paa) Ein Großteil der vier Millionen Muslime in Deutschland fühlt sich Staat und Gesellschaft eng verbunden. Die nicht-muslimische Mehrheit der Bevölkerung aber nimmt das kaum wahr. Sie steht Muslimen immer kritischer gegenüber. Die Vorurteile gegenüber dem Islam haben zugenommen. Dies zeigt die "Sonderauswertung Islam 2015" des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung, die am Donnerstag veröffentlicht wurde.

56,9 Prozent der befragten Nicht-Muslime empfinden den Islam als Bedrohung - im Jahr 2012 waren es 53 Prozent. In Bayern fällt die Ablehnung geringer aus. Hier sehen 52,2 Prozent den Islam als Bedrohung. 54,1 Prozent meinen im Freistaat, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Bundesweit sind dies 61,5 Prozent. Im Jahr 2012 waren es noch 52 Prozent.

Die Angst vor dem Islam ist dort am größten, wo die wenigsten Muslime leben: In Sachsen, wo weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung Muslime sind, sehen sich 70 Prozent vom Islam bedroht. Das Gleiche gilt für Thüringen. Dagegen fühlen sich in Nordrhein-Westfalen, wo jeder dritte deutsche Muslim zu Hause ist, nur 46 Prozent bedroht.

In Bayern sagen 34,8 Prozent der Befragten, wegen der vielen Muslime fühlten sie sich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land. Bundesweit sind dies 40,3 Prozent. Zudem sind bundesweit 23,4 Prozent der Meinung, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. Im Freistaat teilen 21,9 Prozent diese Auffassung.

Mitte der Gesellschaft

"Islamfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern findet sich in der Mitte der Gesellschaft", heißt es in der Studie. Das negative Bild ist nach Ansicht der Forscher nicht abhängig von Bildungsniveau, politischer Orientierung oder sozialem Status. Entscheidender sei das Alter und der persönliche Kontakt zu Muslimen. Von den Über-54-jährigen Nicht-Muslimen fühlen sich 61 Prozent bedroht. Bei den Unter-25-Jährigen sind es nur 39 Prozent. Die Studie vergleicht die Islamfeindlichkeit mit dem "Salon-Antisemitismus des 19. Jahrhunderts". Woher kommt die Feindlichkeit? "Die Islam-Wahrnehmung hinkt eindeutig hinter der Akzeptanzfähigkeit der postmodernen liberalen Gesellschaft hinterher", sagte Kai Hafez, Erfurter Kommunikationswissenschaftler zur "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Der Islam bleibe eine "Art Restfeindbild" der aufgeklärten Gesellschaft. Dieses Negativbild sei, wie die Pegida-Proteste in Dresden belegten, bei rechts-konservativen Menschen aber auch in der bürgerlichen Mitte weit verbreitet. Selbst in linken und linksliberalen Kreisen sei das Islambild negativ, "wenn auch leicht abgeschwächt", sagte der Koautor der Bertelsmann-Studie.

Was das für Muslime bedeutet, macht Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung deutlich: "Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird." Dabei halten 90 Prozent der hochreligiösen Muslime in Deutschland die Demokratie für eine gute Regierungsform. Neun von zehn Befragten haben in ihrer Freizeit Kontakt zu Nicht-Muslimen. Jeder Zweite hat mindestens genauso viele Kontakte außerhalb der Religionsgemeinschaft wie mit Muslimen.

Zustimmung für Homo-Ehe

63 Prozent derjenigen, die sich als ziemlich oder sehr religiös bezeichnen, überdenken regelmäßig ihre religiöse Einstellung. Einer Hochzeit unter Homosexuellen stimmen rund 60 Prozent zu. Von den Hochreligiösen mit eher unumstößlichen Glaubensgrundsätzen sind immerhin 40 Prozent dafür. Zum Vergleich: In der Türkei, dem Herkunftsland der meisten Muslime in Deutschland, befürworten nur 12 Prozent die gleichgeschlechtliche Ehe.

Der Religionsmonitor basiert auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen aus dem Jahr 2013, mit 14 000 Befragten aus 13 Ländern. Um das Meinungsbild in Deutschland zu erfassen, befragte das Forschungsinstitut TNS Emnid Ende November 2014 repräsentativ 937 nicht muslimische Deutsche über 16 Jahren.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/religionsmonitor
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