Akademiker auf der Straße

"Studier' Lehramt, da wirst du verbeamtet, bist auf der sicheren Seite und brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen." Dieser oft gehörte elterliche Rat wandert immer mehr ins Reich der Fabeln. Schlechte Aussichten für junge Oberpfälzer Lehrer.

"Schwarzer Tag für das bayerische Gymnasium", "Tausende Lehrkräfte ab September ohne Job", "BLLV Oberpfalz fordert mehr Lehrerstellen": Die Reaktionen auf die Pressemitteilung des Kultusministeriums zur Lehrerbedarfsprognose im Schuljahr 2015/16 sind verheerend. Während Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) von "günstigen Einstellungschancen für Lehrkräfte an Grund-, Mittel-, Förder- und Beruflichen Schulen" spricht, zeichnen Verbände und Gewerkschaften ein düstereres Bild. Zumindest sind sich alle einig, dass die Situation für Lehramtsanwärter an Gymnasium und Realschule weiter kritisch bleibt.

Erschüttert zeigte sich die Referendar- und Jungphilologenvertretung (rjv) im Bayerischen Philologenverband hinsichtlich der Einstellung neuer Lehrkräfte an den bayerischen Gymnasien im Schuljahr 2015/16. 350 Neueinstellungen seien zu wenig - vor dem Hintergrund, dass schon der letzte Jahrgang mit 534 neuen Stellen schlecht bedient war. Beworben hatten sich vergangenes Jahr über 1800 Absolventen. Die Zahl in diesem Jahr, die erst im September veröffentlicht wird, fällt Schätzungen zufolge noch höher aus. "Das Problem liegt darin, dass Universitäten nach Kapazität ausbilden und nicht nach Bedarf", sagt Dieter Lang, Vorsitzender des Bayerischen Schulräteverbandes gegenüber unserer Zeitung. Hinzu komme, dass das Budget, das der Freistaat für neue Lehrer zur Verfügung stellt, endlich sei.

Neue Umschulung

Lang plädiert dafür, den Abiturienten vor Beginn des Studiums ihre Anstellungschancen aufzuzeigen. "Wer die Fächerkombination Mathe/Physik studiert, hat gute Karten. Deutsch/Englisch dagegen ist aussichtslos." Um einen kleinen Teil Absolventen aufzufangen, greift zum neuen Schuljahr erstmals eine Umschulung. "20 Referendare für Gymnasium oder Realschule erhalten einen Einjahresvertrag für die Mittelschule.

Danach entscheide die Schulaufsicht, ob sie einen weiteren Jahresvertrag erhalten, erklärt Lang. Daran schließe sich eine erneute Prüfung an, die, bei Bestehen, eine Verbeamtung als Mittelschul-Lehrer zur Folge hätte. "Die jungen Leute sind da sehr flexibel und zeigen keinerlei Berührungsängste. Diese Tür soll in den kommenden Jahren sukzessive geöffnet werden."

"Zum kommenden Schuljahr wird es für Lehrkräfte an Grund-, Mittel- und Förderschulen nahezu eine Vollanstellung geben", heißt es in der Mitteilung des Kultusministeriums. Ursula Schroll, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) Oberpfalz, relativiert diese Botschaft im Gespräch mit unserer Zeitung: "Es ist richtig, dass die Einstellungschancen an diesen Schulen im neuen Schuljahr gut sind - aber ausschließlich in Oberbayern." Dorthin müsste mehr als die Hälfte der jungen Lehrer.

Für die Oberpfalz bliebe weniger als ein Drittel. "Damit schreitet die Überalterung unserer Mittelschullehrer weiter voran." Lediglich die drei Notenbesten "dürften" in ihrer Heimat bleiben, bevor soziale Kriterien griffen. "Überspitzt formuliert müsste man den Uni-Absolventen empfehlen: Heiratet und bekommt Kinder, dann dürft ihr in der Oberpfalz bleiben", sagt Schroll. An diesen Schulen herrsche statistisch zwar Volleinstellung, die Unterrichtsversorgung sei jedoch noch knapper als im Vorjahr. "Mehr als Pflichtunterricht ist wieder nicht drin."

Nicht ernst genommen

Schroll spricht von einer "völlig verfehlten Politik in Bayern". Oberbayern profitiere vom sogenannten Länderausgleich. München verfüge über viel mehr Übergangsklassen und Ganztagesschulen. Deswegen benötige die Landeshauptstadt auch mehr Personal. Die Oberpfalz und Oberfranken litten dagegen unter Bevölkerungsrückgang. "Bei aller verständlichen Argumentation sehe ich Oberbayern trotzdem besser versorgt als Nordbayern." Schroll sehe ihre Anliegen und Sorgen in München nicht ernst genommen.
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