Allein auf weitem Weg

Die Ortsdurchfahrt von Luhe (Kreis Neustadt/WN) gehört zu den neuralgischen Stellen, die Erstklässler der nahe gelegenen Grundschule zu passieren haben. Schulweghelfer stehen dort aber nicht mehr, weil sich niemand bereit erklärt hat, die Aufgabe zu übernehmen. Polizisten und Schulleiter Matthias Holl (rechts) hoffen auf mehr Bereitschaft in der Bevölkerung. Bild: räd

Die blauen Schilder stehen am Fahrbahnrand. Die weißen kurzen Striche sind markiert. Doch diese Schülerlotsenfurt ist nahezu nutzlos - solange kein Verkehrshelfer dort steht. Und diese Ehrenamtlichen fehlen landauf, landab.

Ob München, Starnberg oder Bayreuth, ob Luhe-Wildenau, Mantel oder Freudenberg. Überall wird es für Verkehrswacht, Polizei und Schulen immer schwieriger, Schülerlotsen zu finden. Im Sprengel der Grundschule Luhe-Wildenau etwa kann selbst ein Übergang über die stark befahrene Ortsdurchfahrt nicht mehr besetzt werden. "Früher war das Ehrensache. Heute ist es so, dass es mehr und mehr schwieriger wird, Leute zu finden", bedauert Rektor Matthias Holl. Dabei wäre gerade für Erstklässler, die sich oft zum ersten Mal in ihrem Leben alleine im öffentlichen Verkehr bewegen, eine Betreuung wichtig. Sie können oft die Verkehrslage nicht so gut überblicken und Geräusche und Geschwindigkeiten schlechter einschätzen als Erwachsene.

Grundschüler zu jung

Aber ausgerechnet an Grundschulen ist die Not am größten. Vor allem, wenn dort Haupt- oder Mittelschulen geschlossen wurden. "Weil dann die verbliebenen Schüler zu jung sind für den Lotsendienst, bleiben nur noch Erwachsene", erklärt der Verkehrserzieher der Polizei Neustadt/WN, Polizeihauptkommissar Helmut Franz. Derzeit sind in seinem Zuständigkeitsbereich 120 Schülerlotsen und rund 30 Elternlotsen aktiv. Insgesamt engagierten sich bayernweit im vergangenen Jahr mehr als 30 700 Menschen. Sie bekommen regional unterschiedlich eine Aufwandsentschädigung von zehn bis 15 Euro pro Jahr. Kinder erhalten zudem eine Bemerkung im Zeugnis, die die ehrenamtliche Tätigkeit würdigt.

Regelmäßig zum Schulanfang startet die Arbeitsgemeinschaft "Sicher zur Schule, sicher nach Hause", an der neben der Kommunalen Unfallversicherung Bayern (KUVB) auch Freistaat, Polizei, Verkehrswacht und Automobilclubs beteiligt sind, Aktionen. Aber Plakate, Flugblätter und Rundfragen bei Elternabenden haben nicht immer die erhoffte Wirkung. Auf einen Aufruf an der Volksschule Freudenberg (Kreis Amberg-Sulzbach) habe sich kein einziger Interessent gemeldet, berichtet der Amberger Verkehrserzieher, Polizeioberkommissar Johann Treiber.

Immerhin: "Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir überall Schulweghelfer haben, wo wir welche brauchen", sagt er. Aber es werde immer schwieriger und aufwändiger, dies zu erreichen. Seine Erfahrungen decken sich mit denen seines Kollegen Franz: Sind beide Elternteile eines Kindes berufstätig, sind sie oft so eingespannt, dass sie sich nicht noch früh und mittags an den Schulweg stellen wollen. Andere wiederum schrecken vor der Verpflichtung zurück, die die ehrenamtliche Tätigkeit mit sich bringt, nämlich an bestimmten Tagen zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle präsent zu sein. Die Realität ist meist so: "Eltern übernehmen den Schulwegdienst, aber nur so lange ihre Kinder hier selbst in die Schule gehen", sagt Franz. Das bedeutet: Schule, Polizei und Verkehrswacht müssen jedes Schuljahr aufs Neue Helfer suchen.

Weniger Unfälle

Dabei haben sich Verkehrshelfer längst bewährt. Nach Angaben der KUVB und der Verkehrswacht gab es seit 1980 in Bayern an den entsprechenden Einsatzstellen keinen einzigen tödlichen Unfall mehr. Wie es stattdessen aussehen könnte, zeigt die polizeiliche Unfallstatistik: Alleine im Jahr 2014 ereigneten sich 689 Schulwegunfälle (plus 1 Prozent). Dabei wurden 757 Kinder verletzt, drei kamen ums Leben. Noch höher ist die Zahl der KUVB. Sie nennt in ihrer aktuellen Verbandszeitschrift 18 200 Unfälle, weil sie im Gegensatz nicht nur die schweren, sondern alle Vorfälle erfasst, bei denen ein Arztbesuch notwendig wurde.
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