Bundesnetzagentur geht in die Offensive
Stromtrassen: Nebel lichtet sich

Fiete Wulff. Bild: Götz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
05.05.2016
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Carolin Bongartz. Bild: Götz

Die Bundesnetzagentur legt den Schalter um. Überließ sie bisher den Netzbetreibern das Feld, sucht sie nun selbst den Kontakt zur Öffentlichkeit. Sie gibt Antwort auf viele Fragen.

Weiden/Amberg. Vor zwei Jahren glühten die Drähte: Bürger suchten den Kontakt zueinander, schlossen sich zusammen, um gegen die geplante Gleichstromtrasse zu protestieren. Die Öffentlichkeitsarbeit hatte die Bundesnetzagentur damals weitgehend dem Netzbetreiber Amprion überlassen. Inzwischen ist die Zuständigkeit auf Tennet übergangen. Und auch die Bundesnetzagentur nimmt Stellung. Im Redaktionsgespräch beantworten die Pressesprecher Fiete Wulff und Carolin Bongartz die wichtigsten Fragen.


Wie weit sind die Planungen?

Der Netzausbau steht in der Phase drei des fünfstufigen Planungs- und Genehmigungsverfahrens. Seit 2015 liegt ein neuer Bundesbedarfsplan vor. Nächster Schritt ist der "Antrag auf Bundesfachplanung", den Tennet nach Einschätzung der Bundesnetzagentur frühestens Ende 2016/Anfang 2017 einreichen wird. Im Anschluss folgt die Planfeststellung. "Wir werden die Unterlagen, die Tennet einreicht, genau prüfen", kündigt Wulff an. Und: "Es kann sein, dass wir zu anderen Ergebnissen kommen."

Wird die Trasse vor Abschaltung der letzten Atomkraftwerke fertig?
Eher nicht. "Wir gehen davon aus, dass die Gleichstrom-Trasse nicht vor 2025 abgeschlossen sein wird", sagt Wulff. Isar soll bereits 2022 vom Netz gehen. Man werde Überbrückungsmaßnahmen benötigen.


Gibt es bereits festgelegte Routen?
Fest sind nur die Endpunkte: Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt und Isar bei Landshut. Die Leitung soll sich möglichst geradlinig an der Luftlinie orientieren. Die Korridore werden sich zwischen Tabu-Zonen, etwa Naturschutzgebiete, hindurchschlängeln. In der Nähe von Siedlungen seien Freileitungen gesetzlich ausgeschlossen. "Wir gehen davon aus, dass ein Großteil erdverkabelt sein wird." Auch eine Führung entlang von Straßen wird geprüft.


Wirken sich Erdleitungen auf die Umwelt aus?
Die Bundesnetzagentur geht von einer Bodenerwärmung von ein bis drei Grad aus. Eine landwirtschaftliche Nutzung sei eingeschränkt möglich, zum Beispiel durch flachwurzelnde Pflanzen. Derzeit laufe die Diskussion über mögliche Entschädigungen. Das Problem: Erdleitungen dieser Stromstärke sind Neuland.

Ist die Trasse überhaupt nötig?
Laut Prognose der Netzagentur fehlen nach Abschaltung der Kernkraftwerke in Bayern 30 Terrawattstunden. Im Norden gebe es 70 Terrawattstunden zu viel. 10 Terrawattstunden könnten über die Süd-Ost-Passage transportiert werden. "Über die Höhe der Stromlücke kann man sich unterhalten", sagt Wulff. Die Lücke selbst "ist unstrittig".

Ist die Gleichstromtrasse bei vermehrter dezentraler Stromerzeugung überflüssig?
"Autarkie heißt nicht, dass auch an einem einzelnen Tag der Bedarf gedeckt ist." Es könne zum Beispiel auch windstille, dunkle Februartage geben, an denen weder Wind- noch Sonnenstrom produziert werde. Zwei Drittel des Stroms werden zudem von Industrie und Gewerbe in Ballungsräumen verbraucht.

Helfen "intelligente Netze" und Stromspeicher weiter?
Die Stromspeichermöglichkeiten sind noch relativ gering. Bei Einfamilienhäusern klappe das. "Aber nicht in großen Ballungsräumen."

Kritiker werfen ein, mit der Gleichstromtrasse werde vor allem Braunkohlenstrom transportiert.
Dem widerspricht Wulff "dezidiert". Schon heute werde der Braunkohlenstrom abtransportiert. Der Anteil der Braunkohle am Strommix werde zudem gleich bleiben. Gleichwohl sei die Abschaltung der Braunkohlenkraftwerke politischer Wille.

Kann Strom über Tschechien umgeleitet werden?
Die tschechischen Netze seien heute schon überlastet, erklärt Bongartz. Der Grund: Deutscher Strom, der von Nord nach Süd geleitet wird. "Die freuen sich nicht."

Was könnte passieren, wenn die Trasse nicht gebaut wird?
"In der Tendenz drohen Süddeutschland ohne Leitung höhere Strompreise", erklärt Wulff. Mit zunehmender Verzögerung steige auch die Fehleranfälligkeit im Netz und damit die Gefahr eines Blackouts - also eines flächendeckenden Zusammenbruchs. "Ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden."
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Ottmar Priebus-Gall aus Königstein | 09.05.2016 | 20:27  
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