Christen im Nahen Osten fürchten um ihr Leben
Verzweifelte Gebete gegen den Terror

Ob Maria hilft? Seit mehr als einem Jahrzehnt beten irakische Christen zu ihr um Frieden - vergeblich. Selbst in der irakischen Hauptstadt Bagdad, in deren Stadtteil Karrada die chaldäische Kirche "Unsere Frau vom heiligen Herz" steht, sind die Christen zuletzt wieder Opfer von Übergriffen geworden. Bild: AFP
 
Leben auf der Tonne in einem Rohbau in der kurdischen Region, fern der Heimat in der Ninive-Ebene. Bild: Thomas Prieto Peral
Von Alexander Pausch

Mit seiner Warnung vor einem Völkermord schreckte Patriarch Louis Raphael Sako I. vor einem Jahr die Welt auf. Damals drang die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch in Ninive-Ebene vor. Und heute? IS ist noch immer da, die Christen beten verzweifelt um Hilfe.

In diesem Tagen ruft das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche, Louis Raphael Sako I., die Christen in aller Welt auf, den Gläubigen im Irak im Gebet beizustehen. "Gib uns die Kraft, diesem Sturm zu widerstehen, um Frieden und Sicherheit zu erreichen", formuliert der Patriarch von Babylon in seinem Gebet. Vor einem Jahr, am 6. und 7. August 2014, drang die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in die Ninive-Ebene nördlich der irakischen Stadt Mossul vor.

Glocken verstummt

In Mossul, der Stadt in der Sako am 4. Juli 1948 geboren wurde, waren schon vier Wochen zuvor die Glocken verstummt - erstmals in annähernd 2000 Jahren. Die Eroberung der Stadt durch die Terrororganisation bedeutet das Ende allen christlichen Lebens in Mossul. Kirchen werden seither als Gefängnis oder Moscheen genutzt. Hunderttausende Christen flohen damals aus Mossul und aus christlichen Orten wie Karamlish, Bartalla, Baaschika, Telkaif, Telskuf, Batnaya oder Sharafiya. Nur in der Kleinstadt Al-Qosh im Norden der Ninive-Ebene harrten Christen aus - bis heute. Und: Einer ist nach Sharafiya zurückgekehrt, berichtet Thomas Prieto Peral von der Evangelischen Landeskirche in Bayern.

In Sharafiya steht die Druckerei "Nassibin Printing House", die mit Unterstützung der bayerischen Landeskirche entstanden war. Hier fanden bis vor einem Jahr Christen Arbeit. Es wurden unter anderem Schulbücher oder liturgische Bücher in assyrischer Sprache gedruckt - sie braucht heute keiner mehr im Irak. Die meisten Christen leben heute als Flüchtlinge in der kurdischen Autonomieregion. Sie haben keine Hoffnung, dass es für sie eine Zukunft in ihrer Heimat gibt. Sie wollen weg, nach Europa. Einen Wunsch, den Thomas Prieto Peral unterstützt.

Noch auf der Rückreise von seinem Besuch Anfang Juli im Nordirak teilte der Theologe auf Facebook mit: "Wir werden als Kirche für neue Kontingente kämpfen müssen, für großzügige Regelungen zur Neuansiedlung verfolgter Minderheiten des Nahen Ostens." Es werde "nicht mehr anderes gehen, als diese Menschen rauszuholen aus dem Elend der Perspektivlosigkeit". Eine bittere Erkenntnis für jemanden, der sich über 15 Jahre hinweg für eine Zukunft der Christen im Irak eingesetzt hat. Zuletzt war Prieto Peral sogar ins militärische Sperrgebiet nach Telskuf gereist.

Dort entstand mit Hilfe der evangelischen Kirche ein Büro- und Seminarhaus für die christliche Frauenorganisation "Etana". Äußerlich ist das Haus unversehrt, doch innen wüteten die Vandalen von IS. Aber das ließe sich reparieren, sagt Prieto Peral. Allerdings ist der Ort Frontgebiet - geschützt von kurdischen und christlichen Milizen. Die irakische Armee hat trotz des Protestes christlicher Politiker ihre Truppen abgezogen - sie werden in der sunnitischen Provinz Anbar im Südwesten gebraucht. Mossul und Umgebung kann aus Sicht der schiitischen Regierung in Bagdad warten. Das zerstört den letzten Rest Vertrauen, den Minderheiten wie Christen und Jesiden noch gehegt haben mögen.

Im Krieg zerrieben

Im Jahr 2003 lebten gut eine Million Christen im Irak. Heute sind es noch 250 000, schätzen Optimisten. Andere sprechen von kaum mehr als 100 000. Es ist offensichtlich, die Christen sind zu wenige, um weiterhin eine Rolle im Irak mit seinen geschätzt 34 Millionen Einwohnern spielen zu können. Sie wurden zerrieben im Konflikt zwischen sunnitischen und schiitischen Extremisten.

Bereits als Erzbischof von Kirkuk wandte sich Louis Sako gegen jede extremistische Auslegung des Koran und suchte den Ausgleich mit den Muslimen - zumindest in Kirkuk mit Erfolg. Allerdings war schon bei seinen letzten Besuchen in der Oberpfalz, 2004 und 2007, herauszuhören, dass er befürchtet, dass der blutigen Konflikt zum Ende der Christenheit in seiner Heimat führen wird. Inzwischen hat ihn, der als junger Priester 1988 für vier Wochen in Windisch-Eschenbach (Kreis Neustadt/WN) die Urlaubsvertretung übernommen hatte, offensichtlich auch die Verzweiflung erfasst. Er bot seinen Amtsverzicht an, um alle Kirchen im Irak zu einen: "Die Einheit der Kirchen im Irak - Kirchen von langer apostolischer Tradition, aber klein und von den Ereignissen erschlagen - ist unsere einzige Rettung."

Papst Franziskus, den Patriarch Sako mehrfach in den Irak eingeladen hat, schrieb am Donnerstag in einem Brief an den Patriarchalvikar für Jordanien, Bischof Maroun Lahham: "Ich erneuere meinen Wunsch, dass die internationale Gemeinschaft nicht stumm und untätig bleibt angesichts solcher unakzeptabler Verbrechen." Neben anderen Minderheiten würden vor allem Christen vor den Augen der Welt zu Opfern von Fanatismus, Intoleranz und Verfolgung. "Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert wegen ihrer Treue zum Evangelium."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.