Dagmar Brühler hat sich vor zwei Jahren aus der Politik zurückgezogen
"Alles hat seine Zeit"

"Für mich war die Entscheidung goldrichtig", sagt Dagmar Brühler über ihren Ausstieg aus der Kommunalpolitik. Nach 24 Jahren stand für sie fest: "Jetzt ist es gut, jetzt sollen sich andere einbringen." Archivbild: Wilck
Politik
Weiden in der Oberpfalz
27.08.2016
430
0
 

24 Jahre lang war Dagmar Brühler im Stadtrat. 22 Jahre lang leitete sie die Frauen-Union. Sie gründete Donum Vitae in Weiden, war 7 Jahre lang Geschäftsführerin. Ihr Einsatz für Kinder und Jugendliche brachte die engagierte Pädagogin häufig in die Schlagzeilen. Am Sonntag feiert sie ihren 60. Geburtstag. Vermisst sie es, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen?

Zwei Jahre nach ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik sprach NT-Redakteurin Jutta Porsche mit Dagmar Brühler, die derzeit mit ihrem Mann Gernot Urlaub in Südtirol macht.

Fast ein Vierteljahrhundert lang waren Sie für die CSU im Stadtrat, haben viele Entwicklungen mit beeinflusst. Bei der Kommunalwahl im März 2014 haben Sie nicht mehr kandidiert. Sind Sie ohne Mandat in ein Loch gefallen?

Dagmar Brühler: Absolut nicht. Für mich war die Entscheidung goldrichtig. Nach 24 Jahren war für mich klar: Jetzt ist es gut, jetzt sollen sich andere einbringen. Außerdem gilt: Ich halte mich nicht für unentbehrlich. Und: Alles hat seine Zeit.

Was gab für Sie 2014 den Ausschlag, nicht mehr als CSU-Stadträtin zu kandidieren?

24 Jahre im Stadtrat, das bedeutete für mich auch 24 Jahre Doppelbelastung. Denn als Lehrerin an der FOS/BOS bin ich ja in Vollzeit tätig. Freizeit blieb da auf der Strecke. Deshalb dachte ich, 24 Jahre sind genug. Ich brauch' mehr Zeit für mich und meinen Mann. Und ich muss gestehen: Nach 24 Jahren macht auch einiges nicht mehr so viel Spaß.

Zum Beispiel, als Sie sich 2012 vehement für einen Neubau der FOS/BOS aussprachen und damit klar gegen die Fraktionslinie stimmten? Das Gebäude steht. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ich genieße jeden Tag dort in vollen Zügen. Das gilt aber auch für alle meine Kollegen und die Schüler. Mir dreht sich heute noch der Magen um, wenn ich an die Situation im ehemaligen Tierzuchtamt denke. Dort waren wir eingepfercht wie die Ölsardinen. Der Neubau dagegen ist einfach ein Traum: hell, freundlich, mit moderner technischer Ausstattung. Außerdem bot nur ein Neubau die Chance auf neue Ausbildungsrichtungen. Jetzt haben wir "Internationale Wirtschaft" als neues Angebot und sind damit eine der wenigen Fachoberschulen in Bayern, die fünf Ausbildungsrichtungen anbieten können. Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, dass ich mich anders verhalten habe, als von der Fraktion gewünscht. Das war eine Entscheidung für die Jugend in der Region.

Als Lehrerin an der FOS/BOS sind Sie ja weiterhin voll im Einsatz. Haben Sie sich hier auch ein Zeitlimit gesetzt?

Aufhören ist für mich noch keine Überlegung. Ich kann mir ein Leben ohne meine Schüler/Kinder nicht vorstellen. Lehrerin ist für mich der schönste Beruf der Welt. Ich bin jede Stunde, jede Sekunde mit vollem Herzen dabei. Und die Besuche von ehemaligen Schülern noch nach Jahren zeigen, dass ich auf der richtigen Spur bin. Dann treffen wir uns auf einen Cappuccino im "Beanery" oder bei mir im Garten. Aber wer weiß: Vielleicht denke ich übers Aufhören in 2 Jahren anders, wenn ich meinen Mann nicht mehr mit Erfurt teilen muss. (Dr. Gernot Brühler leitet als Vorsitzender Richter den Neunten Senat des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt; Anmerkung der Redaktion)

Sie haben die Schwangerenberatungsstelle Donum Vitae in Weiden initiiert, nachdem die kirchlichen Einrichtungen keine Beratungsscheine zum Schwangerschaftsabbruch mehr ausstellen durften. Sieben Jahre lang waren Sie Geschäftsführerin, dann haben Sie diese Aufgabe abgegeben.

Donum Vitae ist mein Kind. Damals wollte niemand die Einrichtung aufbauen. Also habe ich das übernommen. Sonst wäre Pro Familia nach Weiden gekommen, und das wollte auch keiner. Oberstes Ziel ist dabei der Schutz des ungeborenen Lebens. Ich bin stolz darauf, dass Donum Vitae so gut angenommen wird. Die Arbeit dort lief dann so toll, da darf man ruhig abgeben. Das Gleiche gilt für den Förderverein des Kinderhauses "Tohuwabohu", den ich aufgebaut und jahrelang geleitet habe.

Finanziell unterstützt von der "Aktion für das Leben" haben Sie auch eine Wohnung für Schwangere in Not in Weiden eingerichtet.

Das habe ich quasi im Ein-Mann-Betrieb organisiert, und das war eine große Belastung. Wenn nachts um 2 Uhr ein Partner vor der Wohnung randaliert hat, läutete mein Telefon. Ich war dafür verantwortlich, dass wieder Ruhe einkehrt. Deshalb war ich auch sehr froh, als Weiden ein Frauenhaus bekam. Nach 7 oder 8 Jahren konnte ich die Wohnung somit wieder aufgeben.

Was werten Sie als Ihren größten politischen Erfolg?

Ich selber hatte keinen politischen Erfolg. Aber ich habe als Stadträtin einige Entscheidungen maßgeblich mit beeinflusst. Wie zum Beispiel den Neubau der FOS/BOS. Das war toll. Auch die Mitarbeit am Kinder- und Jugendhilfeplan war mir wichtig. Aus dem ist dann das Kinderhaus "Tohuwabohu" entstanden. Auch mit Jugendzentrum und Stadtjugendring war ich all die Jahre als Stadträtin fest verbandelt. Diese Zusammenarbeit habe ich sehr genossen. Das ist eine tolle Truppe, und ich freue mich, dass sie jetzt endlich mal einen gescheiten Vertrag mit der Stadt hat. Ich war ziemlich überrascht, als sie mir die Auszeichnung "Partner der Jugend" überreicht haben.

Gab es weitere Überraschungen?

Die größte Überraschung in meiner politischen Laufbahn war für mich die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag, als ich den Brief gelesen habe. Mit so etwas rechnet man nicht.

Damit wurde 2011 Ihr Einsatz für das Gemeinwohl geehrt.

Die Auszeichnung betraf vor allem die Hilfen für Schwangere in Not, Donum Vitae und meinen Einsatz für die Jugend. Dabei hab ich das alles nur getan, weil es getan werden musste. Aber wenn ich etwas mache, dann richtig. Und ich bin der Meinung: Alles hat seine Zeit. Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas abgebe.

Wie zum Beispiel den Vorsitz der Frauen-Union Weiden?

Die 22 Jahre waren wunderschön. Aber auch hier gilt: Alles hat seine Zeit. Ich freue mich über die Aktivitäten, die sie auf die Beine stellen. Und ich habe mit Sabine Zenger eine klasse Nachfolgerin, mit der ich immer wieder mal in Kontakt bin.

Was machen Sie seit 2014 in Ihrer Freizeit?

Ich gehe mit meinem Mann Wandern, Walken, Radfahren. Ich genieße meinen Garten und meine Küche. Jetzt habe ich viel mehr Zeit zum Kochen und Backen. Ich genieße mein Sofa - vor allem am Montagabend, wenn ich nicht in die Fraktionssitzung muss. Es ist ein völlig neues Leben: Ohne Stadtratsmandat und Ehrenämter muss ich nicht mehr nachts bis 2 Uhr am Schreibtisch sitzen und Arbeiten korrigieren oder am Wochenende nacharbeiten. Ich habe ein entstresstes Leben.

Aktuell sind Schulferien, und Sie befinden sich mit Ihrem Mann im Passeiertal in Urlaub. Wie werden Sie Ihren runden Geburtstag am Sonntag verbringen?

Mit meinem Mann hier in Südtirol. Die Berge sind wunderschön. Wir gehen wandern, lassen es uns gut gehen. Wir genießen die Zeit hier sehr.

Haben Sie in Ihrem Urlaubsort Auswirkungen des Erdbebens gespürt?

Nein, bei uns blieb alles ruhig. Wir haben es auch nur aus den Nachrichten erfahren.

Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?

Pläne kann man nicht groß machen. Ich wünsche mir vor allem, dass ich und alle meine Familienangehörigen weiter gesund bleiben. Meine Eltern sind auch schon in den Achtzigern. Ansonsten schaue ich, was auf mich zukommt. Man muss alles nehmen, wie's kommt. Und ich bin nicht traurig, dass ich 60 werde, sondern ganz im Gegenteil dankbar dafür, dass ich 60 werden darf. So sehe ich das.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.