Das Böse mitten in der Stadt

Irfan Peci stand 2009 wegen des brutalen Überfalls auf einen Handyladen in der Fußgängerzone vor dem Weidener Jugendschöffengericht (Bild): Damals verwirrte er die Zeugen, weil er plötzlich einen Kurzhaarschnitt und einen gestutzten Bart trug. Archivbild: Wilck

Von Weiden aus wollte Irfan Peci in den Dschihad ziehen. Gelandet ist er erst in Isolationshaft, dann als V-Mann in Berlin und schließlich bei Markus Lanz in der Talkshow.

Herbst 2007: Es ist ein Nachmittag wie jeder andere, an dem der 18-jährige Irfan Peci auf dem Sofa der elterlichen Wohnung in Weidens Stadtmitte sitzt. Die Eltern trinken Kaffee. Der Sohn bleibt bei den Nachrichten hängen. Al-Kaida ist das Thema. Gerade wird ein Video gezeigt, in dem eine Stimme mit Anschlägen in Deutschland droht. Irfan Peci kennt die Stimme. Es ist seine. Es ist sein Video. Seine Eltern nebenan nippen ahnungslos vom Kaffee.

Jahre später kennen sie die Wahrheit über ihren Sohn. So wie ganz Deutschland nun dank diverser Berichte in Nachrichtenmagazinen, seiner Auftritte in TV-Talkshows und vor allem dank seines Buches weiß, wer "Irfan Peci aus Weiden in der Oberpfalz" ist: Einer, der die deutsche Propaganda-Maschinerie von Al-Kaida geleitet hat. Einer, der für den Verfassungsschutz als V-Mann in der radikalen Islamistenszene schnüffelte und aufgeflogen ist. Einer, der aktuell als Autor des Buches "Der Dschihadist. Terror made in Germany - Bericht aus einer dunklen Welt" bundesweit für Furore sorgt.

Helle Aufregung in Weiden löste kurz nach dem Kaffeeklatsch 2007 ein schwer bewaffnetes Sondereinsatzkommando aus, das die elterliche Wohnung stürmte. Kistenweise haben sie Material aus der Wohnung mitgenommen. Peci, der Sohn, der mit seiner Familie aus dem zerfallenden Jugoslawien geflohen war und als Zweijähriger Asyl in Weiden bekommen hatte, verschwand in einem Polizeibus. Wenig später kehrte er zurück von den Verhören über seine Tätigkeit für Al-Kaida.

"Der Fall Peci ist typisch"

Die Weidener erinnern sich an den jungen Peci, der den Quali gemacht, aber die Wirtschaftsschule abgebrochen hat: Plötzlich ließ er sich einen Vollbart wachsen, trug lange Kutten und lief sogar im Winter mit Sandalen durch die Stadt. "Der sah aus wie ein Taliban", sagt ein Frau, die den damals 18-Jährigen flüchtig kannte. Das meinte der Inhaber eines Handyladens auch. Wenig später, im August 2008, schlug Peci dort mit zwei Kumpanen und einer Eisenkette auf, verletzte den Mann schwer, verwüstete den Laden und floh. Der Sprecher der Weidener Polizei sprach von "Mafiamethoden" und einer Brutalität, die ihm noch nicht begegnet sei. Damals schon organisierte Peci Übungseinheiten mit dem Luftgewehr in den Wäldern um Weiden.

"Den Fall Irfan Peci halte ich für typisch", sagt Stadtjugendpfleger Ewald Zenger. "Da fühlt sich einer ausgegrenzt und plötzlich gibt es da eine Gruppe, bei der er im Mittelpunkt steht." Ruckzuck spielen Radikalisierung, Salafistentum, Kämpfen im Heiligen Krieg eine zentrale Rolle. "Da meinen wir immer, das alles ist ganz weit weg und dann steht in diesem Zusammenhang überall: Weiden in der Oberpfalz." Wirklich überrascht ist der Stadtjugendpfleger davon nicht: "Meine Mitarbeiter führen ständig Gespräche mit einigen jungen Muslimen über Hass gegenüber westlichen Werten." Manche wollten nur provozieren. Mit ihnen wird gesprochen. Zum Beispiel über den Wert einer toleranten Gesellschaft. "Ich bin sicher, dass ohne die Arbeit im Jugendzentrum eine bedrohlich hohe Form von Jugendkriminalität in der Stadt herrschen würde."

Weiden als Ort, an dem sich Anhängerschaften salafistischer Ideologien organisieren, ist auch Bayerns Verfassungsschutz nicht fremd. Im Bericht 2012 werden die regelmäßigen Infostände in der Stadt kritisch erwähnt, an denen salafistische Publikationen verteilt werden. Was in einigen Wohnzimmern der Stadt passiert, will die Polizei nicht sagen.

Staatsanwalt lenkt ein

OB Kurt Seggewiß erklärt: "Ich weiß von Polizei und Verfassungsschutz, dass wir hier diesbezüglich ein Problem haben." Menschen mit einer gewissen Glaubensprägung in Weiden - und das ist laut OB aber eine Minderheit - stünden unter Beobachtung. Vermutlich ähnlich wie damals Peci: Die elterliche Wohnung wurde längst abgehört. Das zeigte sich im Gerichtsprozess zum Handyladen-Überfall, bei dem Peci zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Während seiner Isolationshaft warb der Verfassungsschutz Peci an. So erklärt sich vermutlich, warum der Staatsanwalt bei der Berufungsverhandlung vor dem Weidener Jugendschöffengericht im Juli 2009 plötzlich für die Umwandlung in eine Bewährungsstrafe plädierte. Ende 2010 flog Peci als V-Mann auf. Heute lebt er an einem unbekannten Ort, hat den Realschulabschluss nachgeholt, ist verheiratet und handelt mit Gebrauchtwagen. Die Familie in Weiden besucht er regelmäßig - vermutlich auch gerne auf eine Tasse Kaffee.
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