Das denken türkischstämmige Oberpfälzer über den Putschversuch
Des Volkes Stimme

In Istanbul trauern Angehörige um bei dem Putschversuch ums Leben gekommene Verwandte. Insgesamt starben bei den Auseinandersetzungen rund 300 Menschen. Bild: dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
18.07.2016
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Yusuf Kabakulak. Archivbild: htl

Hunderte Menschen bekunden vor türkischen Konsulaten in Bayern ihre Solidarität mit Recep Tayyip Erdogan. In den sozialen Netzwerken wird heiß diskutiert. Was denken türkischstämmige Menschen aus der Oberpfalz?

Weiden/Schwandorf. Er hatte Tränen in den Augen, berichtet Ferdi Eraslan. Der 32-jährige Schwandorfer verfolgte wie viele Türken und türkischstämmige Oberpfälzer die Geschehnisse am Freitagabend vor dem Fernsehapparat mit. Viele hätten mit Angst gesehen, was in Istanbul und Ankara passierte. Aus Solidarität seien viele sofort auf die Straße gegangen, als Erdogan per Videotelefondienst Facetime seine Anhänger dazu aufgefordert hatte. In der Türkei hätten die Menschen dies getan, obwohl sie wussten, dass sie sterben könnten, erklärt Eraslan. "Die Leute dort sind zufrieden. Sie leben in einem demokratischen, freien Land." Wie Erodgan hält auch Eraslan Fethullah Gülen für den Drahtzieher des Putschversuchs. "Das war ein Angriff auf die Demokratie."

"Demokratie verteidigt"


Den Militär-Putschisten "ging es nur um sich selbst", glaubt Eraslan. Das türkische Volk habe jedoch die Demokratie verteidigt und fordere nun drastische Maßnahmen, so die Einführung der Todesstrafe - und stehe voll hinter dem Präsidenten. "Erdogan ist der Kommandant. Bis die Gefahr vorbei ist, hören alle auf ihn", sagt Eraslan. Einer, der die Politik und die Person Erdogans kritisch sieht, ist Yusuf Kabakulak. Er bekam am Freitagabend von einem Freund die Nachricht, er solle den Fernseher einschalten. "Ich war bereits im Bett", erzählt Kabakulak. Dem 54-Jährigen, der seit 1978 in Deutschland lebt, gehen die Geschehnisse sehr nahe.

Obwohl Kritiker Erdogans, verurteilt Kabakulak das Eingreifen des Militärs aufs Schärfste - sollte es denn so stattgefunden haben, wie es aus Regierungskreisen verlautet. Er jedenfalls glaubt nicht an Gülen als Drahtzieher. Vielmehr traut er dem Präsidenten zu, dass dieser den Staatsstreich selbst inszeniert hat. "Der ist ein guter Kaufmann, der Lügen verkauft." Nach den Vorgängen von Freitagabend blieben bei Kabakulak viele Fragen unbeantwortet: Etwa, wie sich in so kurzer Zeit so viele Menschen zu Gegendemonstrationen mobilisieren lassen. Eraslan kennt diese Verschwörungstheorie. Auch wenn viele Zusammenhänge noch nicht geklärt sind, glaubt er daran nicht. Erdogans Aufenthaltsort sei kurz nach dem Facetime-Aufruf bombardiert worden. "Warum sollte er sich sein eigenes Grab schaufeln?" Mitleid empfinden sowohl Eraslan als auch Kabakulak für die Soldaten. "Die gehorchen ja nur Befehlen."

In den Augen Kabakulaks verwandle sich die Türkei immer mehr in eine Diktatur. Er hoffe, dass Europa und Amerika Erdogan nicht mehr unterstützen. Dennoch müsse das Volk selbst auf demokratische Weise entscheiden, welchen Präsident es haben wolle.

"Ruhe in den Urlaubsregionen""In den Urlaubsregionen am Mittelmeer ist es ruhig", schildert Ramona Deniz (28) am Sonntag ihre Eindrücke. Die Reiseverkehrskauffrau aus Parkstein (Kreis Neustadt/WN) lebt mit ihrem türkischen Mann in Alanya und in Deutschland. "Wir waren gerade in Antalya shoppen, haben aber nichts mitbekommen", erinnert sie sich. Später hätten am Atatürk-Platz in Alanya Leute friedlich demonstriert. Am Samstag sei der Strand dann wieder voll gewesen. "In Ferienregionen bekommt man gar nichts mit." Istanbul und Ankara seien fast 1000 Kilometer entfernt.

Beunruhigt seien jedoch Hoteliers und Bootsbesitzer. Sie fürchten um ihr Geschäft, wenn Touristen ausbleiben. Den Putschversuch hält Deniz "politisch für völlig irrsinnig". Selbst Erdogan-Kritiker in der Türkei seien froh über das Scheitern.
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