Deutscher Bauernpräsident Joachim Rukwied zu Gast in der Redaktion
Schönheit vergeht, Hektar besteht

Auch wenn sich immer häufiger Verbraucher kritisch mit der Erzeugung von Lebensmitteln auseinandersetzen: "Das Image der Landwirte ist nach wie vor gut", zitiert Bauern-Präsident Joachim Rukwied eine Emnid-Studie, "wir sind in der Regel unter den Top 3 bis 5." Bild: Schönberger
Politik
Weiden in der Oberpfalz
26.10.2016
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Angewidert verzieht Joachim Rukwied das Gesicht. Nein, der Genussschwabe ist nicht angetan von Richard David Prechts Vision vom Steak aus Zellkulturen. Trotz aller Ernährungstrends, Tiefpreise und Widerstände vertritt der deutsche Bauernpräsident eine modernisierte, aber dennoch traditionelle Landwirtschaft.

"Schönheit vergeht, Hektar besteht", sagt Hans Winter lachend zum Thema "Bauer sucht Frau". Der Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in Weiden kenne keinen Landwirt, der sich eine Sendung anschaut, in der "Bauern als Deppen vorgeführt werden". Einsamkeit auf deutschen Bauernhöfen? Von wegen: "Es war schon zu meiner Zeit so, unscheinbare Kerle waren als erste verheiratet" - vor allem die mit den Hektar.

Nicht nur die Schönheit, auch Ernährungstrends vergehen, meint Rukwied. "Ob Veganer oder Vegetarier, jeder soll nach seinem Gusto glücklich werden", sagt der oberste Deutsche Bauernrepräsentant, "aber momentan haben wir 96,6 Prozent Flexitarier." So bezeichnet man Genießer, welche Fleischkonsum zulassen, ihn jedoch nicht in den Mittelpunkt ihres Speiseplans rücken. Sicher, der Fleischkonsum in Deutschland ist rückläufig, allerdings auf hohem Niveau - vom Bundesmarktverband für Vieh und Fleisch wird er auf rund 60 Kilogramm verzehrtes Fleisch pro Kopf und Jahr geschätzt.

Einen Trend, den der Präsident schätzt, ist die neue Liebe der Deutschen zu Produkten aus der Region - allerdings wirbt er dafür, den Begriff nicht zu eng zu fassen: "Wir sehen da eine Chance für die heimische Landwirtschaft", sagt Rukwied, "aber je nach Vermarkter kann mit regional die Oberpfalz, Bayern oder Süddeutschland gemeint sein."

Kein Freund offener Märkte


"Wir als Bauern haben den offenen Markt nicht herbeigesehnt", sieht das CDU-Mitglied die globale Konkurrenz als Hauptursache für den Preisverfall. "Die Märkte sind massiv unter Druck", sagt Rukwied. Die Schweinemast liege - nach kurzer Erholung wegen der zwischenzeitlichen Nachfrage aus China - wieder am Boden. Der Preisverfall bei der Milch habe im Sommer 2014 eingesetzt. "Auch wenn es die letzten Monate wieder etwas nach oben ging," sei das kein Grund zum Jubeln.

Die Getreidepreise seien rückläufig. "Für Qualitätsweizen bekommt man 164 Euro die Tonne", vor zwei Jahren seien bis zu 200 Euro gezahlt worden. "Und das, obwohl wir eine unterdurchschnittliche Ernte, Frankreich fast eine Missernte hatten." Da sollte man meinen, die Preise würden anziehen. "Weltweit war das aber eine der beste Ernten", stellt er den globalen Kontext her, "die offenen Märkte schlagen voll durch."

Trotz der sachten Globalisierungskritik empfindet der studierte Agrarwirt keine Schadenfreude, wenn die Wallonen Ceta, das unterschriftsreife Freihandelsabkommen der EU mit Kanada, doch noch zu Fall bringen: "Gegenseitige Handelsbeziehungen sind wichtig", findet der auf rund 300 Hektar noch selbst praktizierende Ackerbauer (Getreide, Zuckerrüben, Raps, Körnermais). "Es muss halt fair ausgestaltet sein." In Hinblick auf TTIP dürften Standards nicht unterlaufen werden: "Wir können mit keinem texanischen Farmer konkurrieren, der ein paar Tausend Rinder mit Wachstumshormonen großzieht."

Russland-Ausfall tut weh


Auch wenn heimische Landwirte zu 75 Prozent den deutschen, zu 20 Prozent den EU-Binnenmarkt bedienten und nur zu 5 Prozent darüber hinaus exportierten, seien die drei größten Importeure deutscher Agrarprodukte außerhalb der EU - Russland, die Schweiz, und die USA für jeweils rund 1,6 Milliarden Euro - ein wichtiges Ventil für Deutschlands Bauern: "Zum einen sind das 5 Prozent, die unseren Markt nicht belasten", erklärt Rukwied, "zum zweiten finden Schweinsöhrchen und -pfötchen bei uns keinen reißenden Absatz, weil wir mehr Edelteile konsumieren."

Das bedeute: Was der Deutsche nicht mehr isst, kommt in weniger wählerischen Ländern auf den Teller. "Wenn ein wichtiger Absatzmarkt wie Russland wegen der Sanktionen wegbricht, tut das richtig weh."
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