Die Anschläge von 9/11 und die Folgen
Ära des Terrors

Die Welt schien für einen Moment stillzustehen. (Foto: Bild: dpa)
Politik
Weiden in der Oberpfalz
09.09.2016
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"Eine kurzsichtige, häufig kontraproduktive Außen- und Entwicklungspolitik ist es, die Millionen zur Flucht nötigt." Zitat: Reinhard Erös

"Der Regen kam am dritten Tag nach den Toden", dichtet "Wall Street-Poet" Eugene Schlanger. "Tausende vermisst in den Trümmern der zwei Türme, die für Amerikas Wohlstand und Erfindergeist standen."

"Historische Wendepunkte kündigen sich selten mit Marschmusik an", lehrte der Regensburger Politikprofessor Mathias Schmitz im Hauptseminar. Der 11. September 2001 ist eine Ausnahme, die die Regel bestätigt: Mit einem terroristischen Urknall radierten die vier entführten Linienflugzeuge an diesem wolkenlosen New Yorker Dienstag die trügerische Gewissheit aus, dass die Bürger westlicher Demokratien zumindest vor politisch motiviertem Massenmord sicher sind.

Eine neue Dimension des Terrors: Eine neue Generation globaler Killer macht sich die kapitalistische Devise "think big" auf zynische Weise zu eigen. Der Al-Qaida-Anschlag 4.0 als Medienspektakel, die Opfer wahllos - ob Atheist, Buddhist, Christ, Jude oder Muslim spielt keine Rolle. Für einen Moment scheint die Welt still zu stehen: Wo immer man das Symbol für diese Zäsur zuerst sieht - die Menschen vor den TV-Bildschirmen blicken ungläubig auf die gespenstische Szenerie.

Weltweite Sympathie


Mein "Newsroom" damals ist das Wohnzimmer eines tschechischen Kollegen in Prag: Für einen Moment fliegen dem Land der nicht unbegrenzten Sympathie die Herzen zu: Was Politiker in solchen Augenblicken meist unglaubwürdig formulieren: "Wir sind mit den Gedanken bei den Opfern", trifft an diesem Herbsttag fast rund um den Globus zu. Selbst gestandene Anti-Amerikaner können sich eines Anflugs von Empathie nicht erwehren. Und man kann an diesem Tag in Prag spüren, dass Tschechien einmal Teil einer Koalition der Willigen sein würde.

Für einen kurzen Moment der Geschichte hat selbst George W. Bush die Chance, zum Staatsmann zu reifen. Hätte dieser ehrgeizige Sprössling der Bush-Dynastie während dieses Momentums, auf dem die Kugel auf der Spitze balancierte, und in jede Richtung hätte rollen können, innegehalten und eine weise Entscheidung getroffen - fast alle Vertreter der Vereinten Nationen wären ihm gefolgt. Hätte Bush schlicht die wirklichen Erkenntnisse der Geheimdienste als Entscheidungsgrundlage genommen, dann wäre der 11. September 2001 auch der Tag, an dem die Staatengemeinschaft eine gemeinsame Strategie gegen den Terror entwickelt hätte.

Die Bush-Administration entscheidet sich anders. Die republikanischen Think-Tanks nutzen die Gelegenheit, um eine alte Rechnung mit Saddam Hussein zu begleichen - vielleicht gefällt sich der Junior in der Rolle des Vollenders der väterlichen Mission, vielleicht spielen die Ölinteressen die entscheidende Rolle. Jedenfalls forciert die US-Regierung ein abgekartetes Spiel mit gefälschten Beweisen, um den zweiten Irak-Krieg zu legitimieren. Das Trauerspiel, bei dem Außenminister Colin Powell wider besseren Wissens die ganze Welt live belügt, ist der endgültige Wendepunkt. Der amerikanische Kredit nach 9/11 ist verspielt. Was folgt, sind Interventionen mit verheerenden Folgen.

2. Irakkrieg ab 20. März 2003

  • Eine Studie der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift Lancet geht im Zeitraum von Januar bis Dezember 2003 von 39 000 getöteten Zivilisten im Irak aus.

  • Laut ORB (Opinion Research Business) sind von März 2003 bis August 2007 zwischen 946 000 und 1 120 000 Iraker ums Leben gekommen.


  • Von Kriegsbeginn bis Ende 2012 wurden nach US-Schätzungen 4804 Soldaten der Koalition der Willigen, davon 4486 Amerikaner, und 10 125 irakische Soldaten sowie Polizeikräfte getötet.


  • Intervention in Afghanistan

  • Die US-geführte Intervention in Afghanistan zugunsten der verbliebenen bewaffneten Opposition stürzt im Herbst 2001 die Talibanregierung.


  • Obwohl die Aktion von der afghanischen Bevölkerung mehrheitlich begrüßt wird, gelingt es der in den pakistanischen Rückzugsgebieten neu formierten Talibanbewegung, wieder in Afghanistan Fuß zu fassen.


  • Die amerikanische Brown Universität listet auf, wie viele Todesopfer der Afghanistan-Krieg seit 2001 gefordert hat. Das Ergebnis: Rund 68.000 Menschen haben ihr Leben verloren, seit die internationalen Truppen in das Land eingerückt sind.


  • Es verbietet sich, Opfer gegenseitig aufzurechnen. Dennoch ist klar: Wenn der alliierte "Krieg gegen den Terror" um ein Vielfaches mehr an Opfern unter der Zivilbevölkerung fordert als die grausamsten Terroranschläge so lässt sich das kaum moralisch legitimieren. Die Vorgehensweise des Westens ist Wasser auf die Mühlen der Extremisten - sie können sagen: "Seht, so verhält sich der Satan, predigt Menschenrechte und mordet eure Kinder!"

    IS-Aufbauhilfe


    Wäre dieses außenpolitische Konzept erfolgreich, könnten Machiavellisten behaupten: Die Kollateralschäden sind bedauerlich, aber unvermeidbar, um die Freiheit des Westens am Hindukusch und im Zweistromland zu verteidigen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der planlose Sturz Saddams hat die gesamte Region destabilisiert und den Erfolg des Islamischen Staates erst möglich gemacht - mit dem Know-how sunnitischer Militärs und Geheimdienstler des Hussein-Regimes.

    Dass mit der Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre die vom Westen mitverursachte Krise im Nahen Osten inzwischen in Europa angekommen ist, muss niemand verwundern. "Deutschland lockt Flüchtlinge nicht mit unangemessen hohem Taschengeld zu uns", sagt Reinhard Erös. "Eine kurzsichtige, häufig kontraproduktive Außen- und Entwicklungspolitik ist es, die Millionen zur Flucht nötigt", bilanziert der Tirschenreuther Gründer der Kinderhilfe Afghanistan.

    Eine kurzsichtige, häufig kontraproduktive Außen- und Entwicklungspolitik ist es, die Millionen zur Flucht nötigt.Reinhard Erös
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