Durch die Wüste und übers Meer

"Ich hoffe, dass unsere Kinder in Weiden aufwachsen können. Weiden ist eine schöne Stadt." Naima Abdillahi und ihr Mann Mohamed Omar Abdillahi haben am 13. Februar die Anerkennung als Asylberechtigte erhalten - am selben Tag, als Söhnchen Nasir zur Welt kam. Der kleine Omar hat auf Mamas Schoß Platz genommen. Bild: Götz

Naima und Mohamed Abdillahi haben sich fein gemacht. Er trägt gestreiftes Hemd, gestreifte Krawatte und Sakko zur Jeans. Sie hat ein somalisches Gewand angelegt: Kleid und Schleier in Gelb- und Goldtönen, bestickt mit Pailletten. Denn heute stehen sie im Mittelpunkt, erzählen ihre Erlebnisse als Flüchtlinge. Zwei Geschichten mit Höhen und Tiefen, die schließlich zu einer werden.

Weiden. Geboren und aufgewachsen sind beide in Mogadischu (Somalia). Die Flucht angetreten haben sie getrennt, zu völlig unterschiedlichen Zeiten. Denn damals kannte sich das Ehepaar, das mittlerweile vier Kinder hat und in Weiden lebt, noch gar nicht.

Mohamed Omar Abdillahi (35) startet seine Odyssee 2002. Warum? Wegen des Krieges, erklärt er mit Hilfe der Dolmetscherin Shamsa Lins, einer Freundin der Familie. "Die schießen dort auf alles. Die Häuser sind kaputt, auch das Haus meiner Familie ist kaputt. Es gibt keine staatliche Struktur, einfach nichts." Mohamed will Frieden. Deshalb tritt er im Mai 2002 eine abenteuerliche Flucht an. Über Dschibuti geht es zunächst nach Eritrea. "Dort habe ich als Helfer beim Hausbau gearbeitet, etwas Geld gespart." Geld für die Weiterfahrt mit dem Lastwagen in den Sudan, illegal natürlich. Und so landet der damals 22-Jährige für drei Monate im Gefängnis. Nicht das letzte Mal übrigens. Denn auch als er wieder freikommt und immer wieder mal jobbt, wird er öfter angehalten, durchsucht oder sogar für einige Tage gefangen genommen.

Vier Todesfälle in der Sahara

Die brutalsten Etappen auf dieser abenteuerlichen Flucht: Die Fahrt durch die Sahara nach Libyen und die Bootstour übers Mittelmeer nach Italien. "Wir waren 27 Personen auf dem Lieferwagen", erzählt Mohamed. "Vier davon sind verhungert oder verdurstet." Einen Monat und zehn Tage dauert die Fahrt durch die Wüste. "Wir hatten nichts zu essen und nichts zu trinken. Statt Wasser haben wir unseren Urin getrunken." Mohamed gehört zu den Glücklichen, die diese Strapazen überleben.

Neun Monate bleibt er in Libyen - damals noch unter der Herrschaft von Gaddafi - und jobbt, um das Geld für die Bootsfahrt zu verdienen. 2004 geht er an Bord einer der Nussschalen, mit denen bis heute Flüchtlinge aus Afrika die abenteuerliche Reise über das Mittelmeer wagen, um den Schrecken ihrer Heimat zu entkommen. Mohamed hat auch hier Glück: Drei Tage dauert die Überfahrt, wieder ohne Essen und Trinken. Eineinhalb Tage ist das Wetter "normal", es folgen eineinhalb Tage Regen. Der Motor setzt aus. Das Boot treibt an Malta vorbei Richtung Italien. Die Flüchtlinge werden von der italienischen Marine gerettet, landen in Sizilien, genauer gesagt in Syrakus.

Bis 2009 bleibt Mohamed in Italien: In Turin, Florenz, Venedig, Rom, lebt er - wie andere Flüchtlinge auch - in leerstehenden Häusern, ohne Heizung, ohne warmes Wasser. Verdient ab und zu Geld durch Hilfsarbeiten. Ein Jahr lang kann er sogar öfter bei Fiat in Turin aushelfen. "Maschinen putzen, abspritzen." Mal zwei Tage die Woche, mal drei Tage - besser als nichts. Doch insgesamt sind die Lebensbedingungen in dem europäischen Sonnenstaat für Flüchtlinge alles andere als sonnig. "Es gibt keine Hilfe, keinen Wohnraum. Alles geht nur über Eigeninitiative." Zum Duschen stehen die Menschen bei der Kirche Schlange. Ab und zu gibt es eine Mahlzeit am Tag. "In Italien hat man keine Zukunft", sagt Mohamed. "Man wird behandelt wie der letzte Dreck."

In Italien landet auch Naima nach ihrer abenteuerlichen Flucht. Ende Januar 2007 flieht sie mit ihrer Familie nach Äthiopien. "Damals war in Somalia eine kurze Ruhephase, kurz danach ging der Krieg wieder weiter." Doch Naima will nicht in Äthiopien bleiben. Die damals 19-Jährige - bis heute ein echtes Energiebündel, sprühend vor Optimismus - macht sich allein auf den Weg nach Europa. Ein großes Wagnis für eine junge Frau. Doch es hat geklappt. Natürlich ebenfalls nach vielen abenteuerlichen Stationen. Die Route ähnelt der ihres Mannes. Doch bei Naima geht es schneller voran. Als Frau kann sie nicht zwischendurch arbeiten, um die Reisekasse aufzufüllen. Dafür schickt die Familie immer wieder Geld, damit sie die Fluchthelfer bezahlen kann.

Nach fünf Monaten in Äthiopien startet die junge Frau in einer Gruppe von Flüchtlingen mit einem Auto in den Sudan. Dort erhält sie in einem UN-Lager eine Identitätskarte und einen Passierschein für Karthum. "Als ich meine Familie angerufen habe, wollten sie, dass ich zurückkomme. Weil die Fahrt durch die Sahara zu gefährlich ist." Aber letztlich schickt die Familie doch 500 Dollar für die Flucht durch die Wüste: 25 Personen drängen sich auf einem Pritschenwagen. 14 Tage dauert die Fahrt durch die Hitze. Dann fordert ein Mann Geld, um die Gruppe nach Tripolis zu bringen. Die Familie hilft erneut. Zuguterletzt geht es per Boot nach Sizilien. "Ich hatte Glück, Wetter okay", sagt Naima.

Keine Zukunft in Italien

Den Jahreswechsel 2007/2008 erlebt sie in Palermo - und erstmals ein Feuerwerk, das sie mit großen Augen bestaunt. Doch auch die junge Frau sieht keine Zukunft in Italien, reist weiter nach Norwegen zu einer Tante. Dort wird ihr Asylantrag abgelehnt. Im Februar 2009 muss sie nach Italien zurück. "Dort kann man nicht leben", sagt sie noch heute. Auch ein zweiter Anlauf in Norwegen geht schief. Im November 2009 landet Naima in Rom, schlüpft dort bei anderen Somaliern in leerstehenden Häusern unter. Um ihre Dokumente für Italien zu erneuern, muss sie nach Sizilien, findet dort - dank der Hilfe einer Nonne - endlich Arbeit als Haushaltshilfe bei einer 82-jährigen Italienerin. Und - durch die Vermittlung eines gemeinsamen Freundes - ihren zukünftigen Mann, der nach Sizilien gekommen ist, um dort seinen Führerschein zu machen.

Per Telefon gibt ihr Vater das Okay für die Hochzeit. Gemeinsam zieht das Paar nach Turin. Wenig später kündigt sich Nachwuchs an. Das Paar lebt in einem kaputten Haus. "Mohamed sagte, wir müssen da raus. Hier gibt es keine Arbeit, keine Medikamente, kein Bad. So soll unser Kind nicht aufwachsen."

Über München reist das Paar nach Zirndorf, stellt erneut einen Asylantrag. Am 27. März 2011 kommt dort Tochter Hawa zur Welt. Im Mai darf die kleine Familie in die neue Flüchtlingsunterkunft in Tirschenreuth. Denn Familien dürfen laut europäischem Menschengerichtshof nur dann nach Italien zurückgeschickt werden, wenn dort Arbeit und menschenwürdige Bedingungen gewährt werden können. Trotzdem bleibt die Unsicherheit. "Wir hatten immer Angst, dass wir dorthin zurückmüssen", sagt Naima (27). Die kleine Familie wächst ziemlich schnell. Am 10. Mai 2012 kommt Tochter Amiina zur Welt, am 25. August 2013 Omar und am 13. Februar 2015 der kleine Nasir.

Bereits im April 2013 hat Jost Hess vom Arbeitskreis Asyl der Familie dazu verholfen, dass sie ins Weidener Asylbewerberheim umziehen kann. "Aber ein Zimmer für die ganze Familie, das war keine Lösung auf Dauer", sagt er. Eine Weidener Vermieterin bot eine Wohnung an. Aber die Regierung forderte immer wieder Geduld. Mit Unterstützung von Monika Langner und Oberbürgermeister Kurt Seggewiß - Hess: "Er hat sich vehement für die Familie eingesetzt" - hat es dann endlich geklappt. Familie Abdillahi lebt nun in einer Mietwohnung in Weiden.

Am Geburtstag des kleinen Nasir erlebt die Familie noch ein zweites Glück: Sie werden als Asylberechtigte anerkannt. "Am Vormittag kam die Anerkennung, am Nachmittag das Baby", erzählt Naima, die schon recht gut Deutsch spricht. "Den Antrag auf Aufenthaltserlaubnis haben wir vor dem Kreißsaal ausgefüllt", berichtet Anja Sauer. Sie hat die Familie als Praktikantin bei der Diakonie bis vor kurzem betreut.

So viele haben geholfen

Mohamed besucht jetzt einen Integrationskurs. Er hofft, dass damit auch seine Chancen auf eine Anstellung steigen. "Wir müssen so vielen Menschen danken", sagt seine Frau Naima. "Es gibt so viele, die uns geholfen haben." Ihr größter Wunsch ist, dass ihre Kinder hier aufwachsen. "Weiden ist eine schöne Stadt. Wir können uns hier weiterentwickeln." Immerhin spricht die junge Frau bereits fünf Sprachen recht gut. Arabisch hat sie per Kabelfernsehen gelernt. "Und mir damit schon wertvolle Hilfe als Dolmetscherin für Syrer geleistet", betont Nadine Röckl-Wolfrum von der Asylberatungsstelle der Diakonie.

Bleibt für die junge Familie nur ein Wunsch offen: Sie sind - wie in Somalia üblich - bisher nur religiös getraut und möchten in Deutschland nun die standesamtliche Hochzeit nachholen. "Leicht wird das nicht", verweist Jost Hess auf fehlende Dokumente. Doch er will dem jungen Paar gerne helfen. Und Naima, die sich trotz der gefährlichen Flucht ein sonniges Gemüt bewahrt hat, blickt wie immer optimistisch in die Zukunft: "Das schaffen wir auch."
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