Echtes No-Go
Oberpfälzer Briten gegen Brexit

Ein Fischkutter wirbt auf der Themse vor dem "House of Parliament" in London für den Abschied Großbritanniens aus der EU. Weidener mit Verbindungen auf die Insel halten diesen Kurs für verhängnisvoll. Bild: dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
17.06.2016
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Chloe Schneider. Bild: privat
 
Sigrid Mikkelsen. Bild: privat

"Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, das kommt niemals, aber jetzt?" Ja, jetzt macht sich Sigrid Mikkelsen wirklich Sorgen, dass ihre Wahlheimat England die EU verlässt. Der mögliche Brexit treibt nicht nur die Weidenerin in London um. Auch in ihrer Geburtsstadt grübeln einige, wie es auf der Insel weitergeht. Kaum einer ist "amused".

Ähnlich wie Mikkelsen, die im Zentrum des Referendum-Wirbels lebt, geht es Chloe Schneider. Tausende Kilometer weiter verfolgt sie, was ihre Landsleute so diskutieren. "Ich habe es erst nicht so ernst genommen und kann es mir immer noch nicht vorstellen. Aber das wird sehr knapp. " Die Englischlehrerin prophezeit ihren Landsleuten einen Rückschritt, falls sich das "Leave"-Lager durchsetzt.

Persönlich betrifft sie ein Brexit in der Oberpfalz kaum. Die Kampagne speist sich ihrer Ansicht nach klar aus dem Thema Zuwanderung. "Man hört einfach viele Stimmen, dass zu viele Migranten kommen. Dann heißt es, dass diese Leute im Gesundheitssystem alles umsonst kriegen und die Briten für alles bezahlen müssen."

Laute EU-Gegner


Das habe jedoch wenig mit EU-Müdigkeit zu tun. Schneider hört aus ihrem Herkunftsland zwar die Frage, ob Angela Merkel in Sachen Migration vielleicht nicht etwas zu großzügig agiere, Brüssel oder Berlin seien aber nicht die Rivalen schlechthin. So sehe es jedenfalls der Mann auf der Straße.

Der sei allerdings anfällig dafür, dass die Brexit-Anhänger wesentlich marktschreierischer aufträten als die Europafreunde unter dem Slogan "Bremain". Das erlebt Sigrid "Sigi" Mikkelsen. "Wenn jemand lange Argumente und Statistiken anführt, bleibt das weniger im Gedächtnis als kurze Sätze über Einwanderung und Geld." Deshalb sehen einige Umfragen in englischen Medien das Brexit-Lager bisweilen schon mal bei 70 Prozent.

Mikkelsen selbst ist nach 20 Jahren auf der Insel nach wie vor Deutsche und darf nicht mitvotieren. Sie hofft, dass die Demoskopen bei der Abstimmung am 23. Juni ähnlich danebenliegen wie bei der Unterhauswahl 2015. Dabei setzten sich die Konservativen wesentlich deutlicher durch als erwartet. "Offenbar wollten viele damals nicht öffentlich sagen, dass sie die Torys wählen." Mikkelsen beobachtet nun ähnliche Tendenzen. "Als mein Sohn Geburtstag feierte, waren einige Eltern da, die mal für den Brexit gesprochen haben. Wenn man sich mit denen unterhält, überlegen die aber, ob sie nicht doch ,in' ankreuzen." Die Stimmung kann schnell kippen.

Die Elly-Abiturientin erzählt von der Brexit-Galionsfigur Michael Gove. Der Justizminister machte im Fernsehen die Fischereipolitik der EU für den Bankrott der elterlichen Firma verantwortlich. So etwas prägt sich ein. Wenig später ruderte Goves Vater weniger plakativ im Intelligenzblatt "Guardian" zurück. Sein Sohn liege falsch.

Mikkelsens Mann arbeitet in der Londoner Finanzindustrie. Dort will keiner aus Europa raus. "Aber dort sind gar nicht so viele Briten, sondern Ausländer beschäftigt." Klar macht man sich da Gedanken, wie es mit den Arbeitserlaubnissen weitergeht und ob viele Banken nicht doch aufs Festland gehen. Dann könnten auch die Immobilienpreise fallen.

Was das bedeuten könnte, malten sich die Einwanderungsgegner nicht allzu deutlich aus, vermutet Mikkelsen: "Die glauben, wir könnten hier so was werden wie die Schweiz oder Norwegen, aber die EU würde das schwer machen, damit es keine Nachahmer gibt." Nachdenklicher ist Marian Mure. "Man durchläuft verschiedene Stadien: Mal Unglaube, mal Verärgerung, und dann die Frage nach dem Warum", beschreibt sie ihre Stimmungslage. Wie die ihrer Bekannten auf der Insel ist, hat Mure mal via Facebook abgefragt. Der Tenor: "Please don't leave!"

So sprechen die gut Ausgebildeten. Und die Schotten: "Die sind etwas verärgert über England, haben aber auch immer vom Briten-Rabatt profitiert", sagt Mure. Überhaupt fließe nach Schottland wegen der ungünstigen geografischen Lage enorm viel Geld aus Brüssel. Marian Mure hofft auf ihr Bauchgefühl, dass der Brexit ein Spuk bleibt. "Ein Cousin zweiten Grades war immer dafür. Der überlegt jetzt aber auch, ob er nicht gegen den Austritt stimmt."

Schlecht für Studenten


Die OTH-Bereichsleiterin fürchtet als überzeugte Europäerin im Fall der Fälle Nachteile für Oberpfälzer Austauschstudenten. "Das könnte bei den Erasmus-Verträgen Probleme machen." Die OTH bietet Praktika beim Autohersteller Mini in Oxford an. Studenten bekommen dafür von der EU 345 Euro Zuschuss im Monat. "Das stünde dann in Frage."

Wie dem auch sei: Von Weidener Stimmen werden sich die Briten an der Urne nicht beeinflussen lassen. Es sei denn, William's Orbit gelingt bis Donnerstag auf der Insel ein Hit. Schon die erste Zeile ihrer Single "Miles away" klingt unwillkürlich wie eine Mahnung an die Brexit-Anhänger: "Maybe I'll wake up in a few years, saying that I'm missing all this."

Zur PersonChloe Schneider ist Englischlehrerin an der Europa-Berufsschule in Weiden. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Landkreis-Amberg Sulzbach. Sie stammt aus der Grafschaft Hertfordshire, etwa 40 Kilometer nördlich von London. Ihren Oberpfälzer Mann hat sie beim Studium in Deutschland kennengelernt. 1992 ist sie aus England weggezogen. Folglich bleibt sie beim Referendum außen vor. Wer länger als 15 Jahre im Ausland lebt, darf nicht abstimmen.

Sigrid Mikkelsen, geborene Römelsberger, hat 1994 am Elly-Heuss-Gymnasium Abitur gemacht und später Japanologie in Oxford studiert. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Dänen, und den beiden Kindern (9 und 6 Jahre) in London. Die Weidenerin ist freiberuflich für die Wirtschafts-Nachrichtenagentur Thomson-Reuters und den Verlag Lexis-Nexis tätig. Sie bereitet Gesetzestexte für Fachbücher auf, die sich vor allem an Steuerberater und Juristen wenden.

Marian Mure stammt aus Sulzbach-Rosenberg. Die Tochter einer Schottin und eines Deutschen ist zweisprachig aufgewachsen. Sie hat vier Jahre ein geisteswissenschaftliches Studium in Schottland absolviert und ist jedes Jahr ein bis zweimal in England und Schottland. Zuletzt war sie an Pfingsten im Königreich. Insel. Marian Mure leitet in Weiden und Amberg das Sprachenzentrum der OTH und ab Juli auch das International Office, das für den Studentenaustausch zuständig ist.


Vielleicht ist das Brexit-Referendum auch ein Weckruf, die Leidenschaft für Europa wieder zu erwecken.Marian Mure




Cool bleibenJust während Kontinent und Insel ihre Zukunft ausloten, läuft eine lokale Bildungskooperation verheißungsvoll an. Dem Elly-Heuss-Gymnasium ist es gelungen, eine der europaweit begehrten Partnerschaften mit einer englischen Schule an Land zu ziehen. Das hat Lehrer Helmut Steiner eingefädelt. Erstmals waren vor ein paar Wochen vier Mädchen und eine Lehrerin aus Birmingham zu Gast. Demnächst folgt der Gegenbesuch. "Mein letztes Feedback war, dass die Mädchen, die bei uns waren, daheim im mündlichen Deutschtest gut abgeschnitten haben", freut sich Rektor Reinhard Hauer. Ob ein Brexit so etwas zu Fall bringen könnte, weiß er nicht. "Wir müssten dann halt mal schauen, wie sich die Reisebedingungen ändern, wenn es sich um ein Nicht-EU-Land handeln sollte." Gelassenheit herrscht beim Kreisjugendring Neustadt/WN. Er bietet zweimal im Jahr Sprachreisen nach England an. "Die sind aber ohnehin nicht zuschussfähig. Sollte sich etwas ändern, wäre es in etwa so, wie wenn wir in die Schweiz fahren würden", erklärt Geschäftsführer Martin Neumann. Für die Wirtschaft in der Region liegt Großbritannien etwas abseits. Die IHK hat auf Anhieb wenig Adressen von Firmen parat, die dort im großen Stil Geschäfte machen. Beim Flachglasriesen Pilkington in Weiherhammer fürchtet niemand, dass beim Brexit etwas zu Bruch gehen könnte, auch wenn der Stammsitz des Unternehmens nahe Manchester liegt. Die deutsche Tochter sei weitgehend unabhängig, erklärt Werkleiter Reinhold Gietl. Weiherhammer liefere relativ wenig auf die Insel. "Das könnte höchstens etwas mehr Dokumentationsaufwand beim Zoll bedeuten." (phs)
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