Ein Jahr nach Merkels "Wir schaffen das":
Noch nicht geschafft

In Bussen wurden vor einem Jahr die Flüchtlinge in die Oberpfalz - hier nach Weiden - gebracht. Archivbild: Hartl
Politik
Weiden in der Oberpfalz
02.09.2016
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Die großen Turnhallen sind inzwischen geräumt, alle neun Notunterkünfte in der Oberpfalz geschlossen. Wie ein steiler Berg ragen die Rekord-Flüchtlingszahlen vor genau einem Jahr aus der Statistik heraus: "Gerade noch geschafft", heißt es aus den Städten und Gemeinden. Sie trugen die organisatorische Hauptlast.

Weiden/Amberg. "Solch ein Kraftakt ist nicht jedes Jahr zu schultern", sagt rückblickend Ambergs Bürgermeister Martin Preuß. Zwei städtische Turnhallen waren belegt. Heute finden sich u. a. noch 15 Flüchtlinge im ehemaligen Bundeswehr-Krankenhaus: bei einer Kapazität für 200 Personen. Preuß denkt dankbar zurück an die enormen Leistungen von Ehrenamtlichen und Hilfsorganisationen. Ambergs Bürgermeister erinnert sich nachdenklich an die damals "unwahrscheinliche Angst": "Wir mussten viele Flüchtlinge überzeugen, dass sie in sicheren Verhältnissen leben - und die Familien nicht auseinander gerissen werden."



Wie Preuß nennt auch Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß die Beschaffung von Wohnraum als größte Aufgabe. "Die Herausforderung bleibt." Der Sprecher der kreisfreien Städte in der Oberpfalz sieht gerade in der extremen Situation wie vor einem Jahr die Achtung der Menschenwürde gefordert. "Erst dann kommt das Jammern." Dank gebühre der Bevölkerung: "Sie hat bei der Inanspruchnahme der Mehrzweckhalle zwar gemurrt, aber den Handlungsbedarf erkannt." "Wir haben es nur deshalb geschafft, weil die Balkan-Route dicht ist. Wir hätten es nicht geschafft, wenn der Zustrom angehalten hätte", betont Regierungspräsident Axel Bartelt, illusionsfrei. Ohne die Ehrenamtlichen und die Solidarität der Kommunen wäre diese "Herkules-Aufgabe" überhaupt nicht zu schultern gewesen. Im August 2015 kamen in der Oberpfalz 5296 Flüchtlinge an, im August 2016 lediglich noch 89. Der Chef der beim Thema Flüchtlinge federführenden Bezirksregierung macht sich nichts vor: "Wir sind heute weit davon entfernt, es geschafft zu haben. Wir stehen erst am Anfang des Wegs. Die Integration der anerkannten Flüchtlinge fängt jetzt an." Erst wenn sie Teilhabe an Gesellschaft und Wohlstand hätten, sei ihre Integration gelungen.

Die Herausforderung bleibt.Oberbürgermeister Kurt Seggewiß, Sprecher der kreisfreien Städte der Oberpfalz

Zentral statt dezentral


Die aktuell 10 600 Flüchtlinge in der Oberpfalz stammen fast ausschließlich aus Syrien, Eritrea und Iran. Bartelt erwartet eine Anerkennungsquote von 80 bis 90 Prozent. 2600 Asylbewerber sind bereits anerkannt, wohnen aber als sogenannte "Fehlbeleger" noch in Gemeinschaftsunterkünften, da sie keine Wohnungen finden. Auf dem Areal der ehemaligen Bajuwaren-Kaserne in Regensburg entstehen 130 neue Wohnungen im Zuge des "Bayern-Pakts" der Staatsregierung. "Wohnungssuche und Arbeitsfindung sind die größten Herausforderungen", meint der Regierungspräsident. Auch weil sie von privaten Vermietern "ausgenutzt" wurde, stellt die Regierung von kleinen Einheiten auf wesentlich kostengünstigere Gemeinschaftsunterkünfte um. Die dezentrale Unterbringung in der Oberpfalz galt bisher als Erfolgsrezept für die Eingliederung. Derzeit wohnen die Flüchtlinge in 58 Einrichtungen: in 17 Gemeinschaftsunterkünften, in 36 Teil-Gemeinschaftsunterkünften und in 5 Übergangswohnheimen. Sorge bereitet dem Regierungspräsidenten der anhaltende Zustrom über das Mittelmeer: "Man darf sich nichts vormachen, und muss demütig bleiben."

Lage in UnterkünftenVon Januar bis August 2016 kamen 256 000 Flüchtlinge nach Deutschland; davon nahm Bayern 37 400 auf. In der Oberpfalz sind insgesamt 10 600 Asylbewerber untergebracht. Nach einer Aufstellung der Bezirksregierung betragen die Kapazitäten der Gemeinschaftsunterkünfte: Regensburg 831, Weiden 421, Amberg 287, Schwandorf 271, Bad Kötzting 220, Teublitz 192, Cham 188, Tirschenreuth 153, Neunburg vorm Wald 146, Furth im Wald 121, Vilseck 118. Im Verbreitungsgebiet von NT/AZ sind folgende Gemeinden mit Gemeinschaftsunterkünften gelistet: Altenstadt 82, Waldsassen 70, Pfreimd 63, Neualbenreuth 60, Eschenbach 60, Freihung 50, Hohenfels 44, Mähring 44, Waldau 31, und Etzenricht 18. In der Erstaufnahme verfügt die Oberpfalz über 2500 Plätze, davon entfallen 1300 auf Regensburg. Von diesen 2500 Plätzen sind derzeit lediglich 25 Prozent belegt.


Wir hätten es nicht geschafft, wenn der Zustrom angehalten hätte.Regierungspräsident Axel Bartelt


Modellprojekt für ganz BayernAuf die Schnelle mussten vor einem Jahr Hunderte Lehrkräfte an den Oberpfälzer Berufs-, Grund- und Mittelschulen für Deutsch als Zweitsprache qualifiziert werden. "Die dafür entwickelten Schulungs-Module waren ein Modellprojekt für ganz Bayern", erinnert sich der Amberger Richard Glombitza, damals Abteilungsdirektor Schulen und Bildung bei der Bezirksregierung und heute im Ruhestand. Die Oberpfalz wies im Herbst 2015 nicht von ungefähr in Bayern die höchste (schulische) Versorgungsquote von mehr als 50 Prozent für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge auf.In den 97 Berufsintegrations-Klassen der Oberpfalz (früher Flüchtlings-Klassen) werden - neben Berufsorientierung - "Basics" der deutschen Sprache vermittelt. Angesichts der hohen Quote von Analphabeten sind jedoch weniger als zehn Prozent der Absolventen ausbildungsreif.


1 Kommentar
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Norbert RIEDL aus Reuth bei Erbendorf | 03.09.2016 | 09:45  
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