Empörung im Integrationsbeirat: Elena Hierold von der SPD schimpft über Asylgesetze
Integration war nicht einfach

Gleich erteilt Veit Wagner, Vorsitzender des Integrationsbeirats, Samira und Murad Ismailov (von links) das Wort: Was sie erzählen werden, freut, erschüttert und verärgert die Gremiumsmitglieder zugleich. Bild: mte
Politik
Weiden in der Oberpfalz
27.03.2015
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CSU-Stadtrat Hans-Jürgen Gmeiner geht das Messer in der Hosentasche auf. SPD-Kollegin Elena Hierold schimpft über die "beschissenen deutschen Asylgesetze". Ausgelöst hat die Empörung im Integrationsbeirat die Lebensgeschichte von Murad und Samira Ismailov.

Vor zwölf Jahren landete Murad Ismailov, ein Junge aus Aserbaidschan, mit Schwester Samira und den Eltern in Deutschland, erzählt der heute 23-Jährige den Beiratsmitglieder in flüssigem Deutsch. "Es war nicht einfach für mich, mich zu integrieren", erinnert er sich weiter. Kein Wort Deutsch habe er gekonnt. Von Mitschülern in der Grundschule sei er gehänselt und gemobbt worden. "Weil ich mich nicht mit Sprache wehren konnte, setzte ich meine Fäuste ein." Murads Vater handelte. "Er brachte mich zum Kampfsport." Fortan war das Boxen im Club die Leidenschaft des Teenagers. Der Junge, der mittlerweile die siebte Klasse der Pestalozzischule besuchte, lernte, seine Aggressionen zu kontrollieren, sie im Sport sinnvoll einzusetzen. "Nebenbei lernte ich schnell Deutsch."

"Sport trägt wunderbar zur Integration bei", weiß auch Veit Wagner, Grünen-Stadtrat und Vorsitzender des Integrationsbeirats. Murad Ismailovs Geschichte zeige das eindrucksvoll. "Deshalb appelliere ich an dieser Stelle an alle Weidener Vereine, hier nicht nachzulassen."

Staatenloser Bayernmeister

Murads Boxclub ließ nicht nach. Murad selbst auch nicht. Die Folge: Der Junge wurde sechsfacher Bayerischer Meister, war Dritter bei den Deutschen Meisterschaften und boxte im Bayernkader. Nebenbei schaffte er - auch dank der Hausaufgabenhilfe beim AK Asyl - als Bester mit einem Schnitt von 2,3 den Hauptschulabschluss. Der an der Wirtschaftsschule folgte. Weil Murad keine Arbeitserlaubnis bekommen hatte, blieb ihm nur, sich fortzubilden. Er absolvierte ein berufsvorbereitendes Jahr. Dann kamen die Arbeitserlaubnis und die Ausbildung zum Fitnesstrainer. Heute arbeitet der 23-Jährige in einem renommierten Fitnessstudio in Weiden. Nebenbei betreut er ehrenamtlich eine Sportgruppe für Kinder mit Migrationshintergrund, erzählt er im Integrationsbeirat. Und worüber regen sich die Stadträte dann so auf?

Murad gilt noch immer als staatenlos. Im Behördendeutsch hat er den Aufenthaltsstatus "Duldung" inne. Der Antrag des mehrfachen Bayerischen Meisters auf die deutsche Staatsbürgerschaft liegt seit zwei Jahren bei der zuständigen Sachbearbeiterin in Bayreuth. "Und man hört nichts", klagt der 23-Jährige. Die Reaktion der Beiratsmitglieder: Sie üben geballte Kritik an der deutschen Bürokratie - und schütteln schließlich nur noch den Kopf, als Murad von der Schwester erzählt.

Samira heißt sie. Die 24-Jährige hat ihren Bruder zur Sitzung begleitet. Sie studiert an der OTH, besitzt keine Arbeitserlaubnis und darf keinen Führerschein machen. Bafög aber erhält die 24-Jährige wohl. Ihr wird damit ein Kredit gewährt, von dem niemand weiß, ob sie in Deutschland sein wird, um ihn zurückzubezahlen. Denn auch sie ist nur geduldet. "Nach Aserbaidschan zurückgeschickt zu werden, ist für mich unvorstellbar. Das Land ist mir völlig fremd. Ich kann die Sprache nicht richtig, ich spreche nur ein wenig Russisch." Seit drei Jahren leben die Geschwister in einer eigenen Wohnung. Die Eltern verharren seit ihrer Ankunft vor über zwölf Jahren im Asylbewerberheim - erst in Rothenstadt, nun in der Kasernenstraße.

"Es ist Zeit, dass Deutsche sagen, wir wollen und brauchen diese Leute", findet Veit Wagner. Samira und Murad wünschen sich nichts mehr. Obwohl: Murad träumt von einem Kurzurlaub anderswo. "Aber ich darf ja nirgends hin."
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