Gemeinsame Ausbildung ungarischer und deutscher Soldaten in der Oberpfalz
Simulierter Krieg in Frauenricht

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Obwohl die Übung offensichtlich simuliert ist, sind die Soldaten hoch konzentriert. 2020 müssen sie fit für den Ernstfall sein.
Politik
Weiden in der Oberpfalz
11.06.2016
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"Wenn man mitten drin ist, kommt einem das nicht mehr vor wie eine Übung." Zitat: Kompaniechefin Hauptmann Höhn

Eine Kolonne von etwa zwanzig Militär-LKW fährt durch das menschenleere Gelände. Genau hinter einer Kuppe: Drei Explosionen. "Aua, wo ist meine Hand!", schreit ein Fahrer. So üben ungarische und deutsche Soldaten in der Oberpfalz gemeinsam den Ernstfall.

Weiden/Kümmersbrück. Auf dem Ausbildungsplan steht diesmal das Retten und Bergen aus Fahrzeugen. Seit 2012 ist die 5. Kompanie des Logistikbataillons 472, stationiert in Kümmersbruck, in die Ausbildungsreihe "Safety Transport" eingebunden. Hier üben sie mit dem ungarischen Logistikregiment das Transportieren von Containern, Kraftstoff oder Munition in möglichen Krisen- und Kriegsgebieten mit allem, was dazu gehört. Und das sind nunmal auch Angriffe oder versteckte Minen.

Dafür nutzt die Bundeswehr auch Pyrotechnik, künstliches Blut und Prothesen. So wie der Fahrer des zweiten Fahrzeuges, der nun aussieht als wäre seine Hand abgesprengt und täuschend echte Schmerzensschreie von sich gibt. Auch drei andere sind verletzt. Die etwa fünfzig deutschen und ungarischen Soldaten müssen nun schnell handeln. "Schau mich an! Look at me!", brüllen seine Kollegen. Welche Nationalität der Verletzte hat, ist nicht zu erkennen und auch nicht wichtig.

Die Ausbildungsreihe ist binational. Deshalb nimmt die Sprachausbildung viel Platz ein. Obwohl die Militär- und Funksprache international standardisiert ist, gibt es von Land zu Land Unterschiede, erklärt Oberst Nikolaus Bretz. Er ist extra in die Oberpfalz gereist, um sich die Übung anzusehen. "Die Sprache ist mit das Wichtigste." Natürlich auch das gemeinsame Vertrauen. Bis 2020 soll die Ausbildung gehen, danach sind die Soldaten bereit für den Einsatz. Alle Abläufe müssen dann stimmen. "Der Teufel steckt im Detail", erklärt der Oberst.

Jeder weiß, was zu tun ist


2015 hatten die Soldaten ihre Ausbildung in Ungarn. Dieses Jahr treffen sie sich in der Oberpfalz und üben für den Ernstfall in Kümmersbruck, Hohenfels, Grafenwöhr und nun eben auch in Weiden. Obwohl das Unglück nur simuliert ist, ist das den Soldaten kaum anzumerken. Sie brüllen wichtige Angaben wie die Anzahl der Verletzten, die Uhrzeit und die exakten Ortsdaten in ihr Funkgerät. Jeder weiß, was zu tun ist. Die einen transportieren die Verletzten an den Waldrand und verbinden die schweren Wunden, die anderen haben die Gesamtsituation im Auge. In dem ganzen Trubel läuft ein Soldat vollkommen ungeschützt auf die Wiese hinaus auf den Waldrand zu. Gerade noch wird er bemerkt und zurückgeholt. "Er simuliert jemanden, der unter Schock steht und orientierungslos herumläuft. Auch das ist ein Verletzter, um den man sich kümmern muss", erklärt die Chefin der 5. Kompanie Hauptmann Höhn. Den ganzen Zug läuft sie ab und überprüft, wie die Streitkräfte reagieren. "Die Leute in den hinteren Autos wissen nicht was los ist. Doch auch sie müssen sich richtig verhalten", erklärt sie.

Nachdem alle Verletzten verbunden sind und die Lage gesichert ist, ist die Übung vorbei. "Jetzt würde ein Hubschrauber kommen, der die Verletzten abtransportiert, aber das machen wir hier nicht", erklärt Presseoffizier Gerhard Ullrich. Der ungarische Unteroffizier Potzauf, der in der Schule Deutsch gelernt hat, nähert sich mit hochrotem Kopf: "Das war schon ziemlich aufregend und anstrengend. Aber ich bin froh, dass wir sowas nicht im Klassenzimmer üben."

Voll auf Adrenalin


Den Eindruck bestätigt auch Kompaniechefin Höhn. "Die Soldaten sind voll auf Adrenalin. Wenn man mitten drin ist, kommt einem das nicht mehr vor wie eine Übung." Oberst Bretz ruft am Ende zum Appell. Der Fahrer mit der schwersten Verletzung schnallt die Prothese ab. Seine echte Hand ist wieder da.

Wenn man mitten drin ist, kommt einem das nicht mehr vor wie eine Übung.Kompaniechefin Hauptmann Höhn
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3 Kommentare
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 16.06.2016 | 15:36  
Beate-Josefine Luber aus Weiden in der Oberpfalz | 21.06.2016 | 16:48  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 21.06.2016 | 20:39  
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