Gespräch mit dem Autor Bruno Schirra über die Gefahren durch die Terrorgruppe Islamischer Staat
Blick in die Hölle von Isis

Der Journalist und Autor Bruno Schirra. Bild: dpa
"Der Islamische Staat hat das Tor zur Hölle geöffnet", ist der saarländische Journalist Bruno Schirra überzeugt. Der Nahost-Experte weiß, wovon er spricht. Er recherchiert seit Jahren zu islamistischen Netzen, war etliche Mal im Irak, in Syrien, in Afghanistan. Nun ist eine Bestandsaufnahme unter dem Titel "Isis - Der globale Dschihad" erschienen. Darin schildert der 56-jährige Autor seine Erfahrungen, Eindrücke und Erkenntnisse der letzten Jahre detailliert und fundiert - und gelegentlich ein wenig arg dramatisierend. Beleuchtet werden sowohl Ursprung wie neue Qualität des islamistischen Terrors, zudem werden die Verbindungen zur deutschen Salafisten-Szene aufgezeigt.

Sie recherchieren seit 30 Jahren im Nahen Osten und berichten von dort unter anderem über islamistischen Terror. Spätestens seit den Anschlägen von Paris Anfang Januar geht auch von Isis-Terroristen in Europa eine Bedrohung aus. Was hat Europa zu befürchten?

Bruno Schirra: Isis triumphiert im Propagandakrieg gegen den Westen und instrumentalisiert die unvermeidlichen zivilen Opfer, die die Luftschläge der Koalition wider Isis seit September letzten Jahres zwangsläufig produzieren. Die zur Schau gestellten Bilder brennender Babys, zerfetzter Kinderleichen, getöteter Zivilisten, die der Koalition der Willigen zur Bekämpfung von Isis zum Opfer fielen, führen in bewusst inszenierter Dramaturgie hin zum Verbrennen eines jungen jordanischen Piloten. Die Botschaft ist klar: Nicht wir haben mit dem Verbrennen angefangen. Ihr wart es. Und europäische Salafisten schleudern unserer zivilisierten Welt auch immer wieder gerne entgegen: "Wann immer wir das wollen: Wir können es tun! Sogar bei euch zu Hause." In dieser Klemme steckt Europa sowie die nicht-islamistische Welt.

Wie ist Ihre aktuelle Einschätzung der Situation?

Schirra: Wir erinnern uns an dieses Bild des blanken Horrors: Ein junger Mann steht in einem Eisenkäfig gefangen. Er weiß, was nun geschehen wird, sieht die Flammen auf sich zurasen und hebt in einer letzten verzweifelten Geste die Hände zum Gebet. Dann verbrennt er bei lebendigem Leib. Nach vier Minuten und 36 Sekunden ist der 26 Jahre alte Kampfpilot der jordanischen Luftwaffe, Muaz al-Kasaesbeh, tot. Die dschihadistische Todessekte Isis stellt das Video dieses barbarischen Mordes ins Internet, in Windeseile verbreiten sich die Bilder über alle sozialen Netzwerke rund um den Globus, erzeugen Angst und Panik, lähmendes Entsetzen und Hilflosigkeit. Aus Jordanien dröhnt wie Donnerhall der Ruf nach blutiger Rache für diesen Mord, den ISIS im Namen seines Gottes öffentlichkeitswirksam inszeniert hat.

Jordaniens König Abdallah lässt umgehend eine dschihadistische Terroristin sowie einen Al-Qaida-Terroristen hinrichten. Seine Luftwaffe bombardiert pausenlos Stellungen des Isis in Syrien und dem Irak. Militärischer Aktionismus, der jordanische Rachebedürfnisse befriedigen soll, Isis jedoch nicht zerstören kann. König Abdallah weiß das. Ebenso ist ihm bewusst, dass sein Ruf nach dem Einsatz von Bodentruppen, die Isis bekämpfen sollen, ungehört verhallen wird. Der Westen will dies nicht, die arabischen Staaten können es nicht. Denn Isis hat in den arabischen Staaten längst funktionierende Netzwerkstrukturen aufgebaut, seine Antwort wäre flächendeckender Terror. Isis kann sich zudem in den islamischen Staaten sehr wohl auf die Sympathie sehr vieler Menschen stützen. Auf dem Sinai ist Isis schon heute die vorherrschende Macht, in Libyen hat sich Isis, vom Westen unbemerkt, in Teilen des Landes fest verankert. Das ist der furchtbare Stand der Dinge.

Sie sind auch mit aus Deutschland stammenden sowie in Deutschland ansässigen Salafisten in Kontakt. Wie beurteilen diese den Stand der Dinge?

Schirra: "Muaz al-Kasaesbeh ist im reinigenden Höllenfeuer seiner gerechten Strafe zugeführt worden." Diese Nachricht über das Sterben des 26 Jahre alten jordanischen Kampfpiloten ließ mir ein junger schwäbischer Terrorist in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar aus dem Gebiet des Isis heraus übermitteln. Als Drohung wider die Menschen Europas. Er lässt ausrichten, wie einfach ein solches Morden, ein solches öffentliches Verbrennen, jederzeit auf den Straßen Europas zu zelebrieren sei. Die Pläne von Isis, in Australien willkürlich Geiseln zu nehmen, sie zu enthaupten und die mörderischen Videos ihres Sterbens ins Internet zu stellen, konnten vorerst von den australischen Sicherheitsbehörden verhindert werden. Europäische Dschihadisten träumen jetzt davon, dieses Morden auch in Europa zu realisieren.

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Bruno Schirra: Isis - Der globale Dschihad. Wie uns der "Heilige Krieg" überrollt. Econ-Verlag, 336 Seiten, 18 Euro
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