Gespräch mit Dieter Janecek und Ludwig Hartmann
Grüne schenken ehrlich ein

Grünen-Doppelpack beim Redaktionsgespräch in Weiden: Bundestagsabgeordneter Dieter Janacek (links) und Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Landtagsfraktion. Bild: we
Politik
Weiden in der Oberpfalz
10.05.2016
217
0

Wenn ein CSU-Politiker ganz nah an den Hausheiligen Franz-Josef Strauß heranrücken möchte, dann nennt er sich ein Mitglied im "Verein für deutliche Aussprache". Noch ein paar weiß-blaue Rauten bayerischer kommt das Engagement des Grünen-Bundestagsabgeordneten Dieter Janecek daher - er ist Mitglied im "Verein gegen betrügerisches Einschenken".

Links, rechts, oben, unten, Hauptsache Mitte - und in Bayern besetzt man da am besten gleich mal die bayerischen Grundwerte "Fußball, Schafkopf, Biergarten". Und da gehört eben auch das ehrliche Einschenken dazu: "Klingt vielleicht komisch, hat in München aber eine lange Tradition."

Die politischen Kategorien verschieben sich seit Jahren. Rot-Grün, Grün-Schwarz, Ampel, Jamaika, Tansania ... alles geht. Neu formiert sich allenfalls eine Konfliktlinie zwischen Pegida-Wutbürgern und grünen Gutmenschen. Im Redaktionsgespräch versuchen Dieter Janecek, Wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, und Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Landtagsfraktion, grüne Positionen zu verdeutlichen.

Selbst die solidesten bayerischen Solar- und Windkraftfirmen hatten die letzten Jahre wegen massiver Einschnitte am EEG und der Seehofer'schen Abstandsregel massiv zu kämpfen - dennoch fordern viele regionale Akteure eine dezentrale Energiewende ohne Offshore-Wind und Monstertrassen. Die Position der Grünen?

"Keiner muss jubeln", gibt Janecek zu, aber in einem Gesamtkonzept, das 100 Prozent erneuerbare Energie vorsehe, müssten alle Formen regenerativer Stromerzeugung Platz finden. "Ich sage in den Grünen-Kreisverbänden offen: Was spricht gegen einen europäischen Stromhandel?" Der weitere Ausbau des südböhmischen Atomkraftwerkes Temelín zum Beispiel? "Wir haben mittlerweile einen Börsenpreis von zwei Cent für die Kilowattstunde", hält Hartmann dagegen. "Für diesen Preis kann kein Akw produzieren - der geplante Neubau in Großbritannien soll für elf Cent arbeiten, da sind Wind und Sonne deutlich günstiger." Dieter Janacek sei selbst kein Fan von Offshore-Windanlagen: "Im Sinne des Klimaschutzes bin ich aber froh, dass wir das an den Küsten testen, um die Technik einmal weltweit zu verkaufen."

Die Stromtrassen sind beschlossene Sachen, gekämpft wird noch um die Trassenführung. Sind die Befürchtungen, dass wir uns über die Lausitz auch Kohlestrom ins Land holen, aus der Luft gegriffen?

"Es gibt berechtigte Skepsis", räumt Janecek ein, "die erste Leitplanung sah einen Anschluss an den Kohle-Knoten vor." Allerdings stünden dort auch viele Windräder: "So wie's jetzt aussieht, haben wir 2025 keine fertige Trasse, aber einen Überschuss an Wind." Die beschlossene Erdverkabelung hält er nicht überall für ein Allheilmittel. "Das wird teurer und die Eingriffe in die Landschaft werden nicht zwangsläufig geringer." Er hätte es vorgezogen, zuerst mit denen zu reden, die die Last trügen und erst einmal nichts davon hätten. "Das Ding ist aber durch." Bei der Trassenführung könne man natürlich sagen, dort, wo viel Infrastruktur entstanden sei, stören die Leitungen weniger. Man könne aber auch einwenden: "Wir haben schon die Autobahn, jetzt auch noch das."

Fallende Rohstoffpreise machen die Energiewende nicht einfacher. Lässt sich der Umbau eines Industrielandes ohne Preisdruck realisieren?

"Man kann nicht sagen, was Öl in 10 Jahren kostet", sagt Janecek, "aber man weiß, dass Wind billiger sein wird." Das Problem mit dem mehrfach nachgebesserten EEG sei, dass es kleinen Genossenschaften das Investment erschwert habe. "Dabei haben sechs Prozent der Bundesbürger Anteile, das ist eine echte Dezentralisierung der Energiewirtschaft", findet Hartmann. Und schließlich komme der eigentliche Kostendruck erst noch auf die Bürger zu - durch die Abwicklung der Atomkraftwerke: "Unter 180 Milliarden Euro ist das nicht zu machen", prognostiziert Janacek, "und am Ende zahlt der Steuerzahler." Dabei sei der Großteil der Anlagen ohnehin 30 bis 40 Jahre alt, ergänzt Hartmann: "Wir müssten eh investieren." Da mache es doch Sinn, auf Solar und Wind zu setzen.

Weitere Ziele der Grünen sind die Dekarbonisierung, also der Ausstieg aus der Kohlestrom-Produktion und die Förderung der Elektromobilität.

Die Energiewende sei wegen fehlender Planung ins Stocken geraten: "Trotz Merkels Ankündigung ist der Kohleausstieg noch immer nicht beschlossen", kritisiert Hartmann. Und Deutschlands mächtige Automobilindustrie habe den Umstieg auf E-Mobilität und Digitalisierung verschlafen: "Man muss sich vorstellen, dass ein Land wie Indien bis 2030 komplett fossilfrei fahren will", weist Janecek auf den weltweiten Sinneswandel hin. Die Pkw-Mobilität im ländlichen Raum sei nach wie vor ein Hemmschuh: "Man braucht das Auto, es ist aber oft ungenutzt - ein ziemlicher Kostenfaktor." Abhilfe verspricht er sich von Car-Sharing-Apps: "Wir bräuchten ein Pilotprojekt, um die Personenbeförderung neu zu regulieren."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.