Im Unruhestand
Immer mehr Rentner arbeiten

Wollen, müssen, können. Immer öfter verdienen Rentner Geld - durch Arbeit. Die Gründe sind vielfältig. Bild: dpa (Archiv)
Politik
Weiden in der Oberpfalz
21.07.2016
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Christian Dietl, DGB-Regionsvorsitzender

Den Job hinter sich lassen, den Lebensabend genießen - mit Reisen, Aufpassen auf die Enkel und Gartenarbeit. Rentner haben bekanntlich selten Zeit. Bei vielen steht allerdings ein Punkt auf der Tagesordnung, den sie schon hinter sich wähnten.

Weiden/Amberg. "Arbeit macht das Leben süß" lautet ein deutsches Sprichwort. Das gilt offenbar auch für so manchen Ruhestand. Der Anteil der erwerbstätigen 65- bis 70-Jährigen hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Dies teilt die "Initiative 7 Jahre länger" des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherer mit. Sie hat Daten der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamtes ausgewertet.

Der Not geschuldet


Demnach haben 2015 rund 665 000 dieser Altersgruppe einen Job - im Jahr 2000 seien es etwa 300 000 gewesen. Rund 563 000 der arbeitenden Senioren waren bereits im Ruhestand. "Für die meisten arbeitenden Rentner ist das Geld weniger wichtig. Spaß an der Arbeit und menschliche Kontakte stehen im Vordergrund", sagen die Versicherer und verweisen auf Studien. Christian Dietl, DGB-Vorsitzender der Region Oberpfalz, sieht das anders. "Prinzipiell bin ich nicht der Auffassung, dass Rentner aus Spaß an der Freude arbeiten", sagt er. Bei vielen sei es eher der Notwendigkeit geschuldet, sich etwas dazuzuverdienen.

Ein hoher Prozentsatz der Beschäftigten schafft es nicht einmal bis 65.Christian Dietl. DGB-Regionsvorsitzender

Für viele Menschen stellt sich die Frage, ob sie nach dem Renteneintritt noch arbeiten können oder wollen, sowieso überhaupt nicht. "Ein hoher Prozentsatz der Beschäftigten schafft es nicht einmal bis 65", sagt Dietl. Entweder wegen Arbeitslosigkeit oder aus gesundheitlichen Gründen. Zu dieser Gruppe gehört der 63-jährige Manfred M. (Name von der Redaktion geändert) aus dem Kreis Tirschenreuth. Er bezieht seit vier Jahren Rente, hat eine Krankengeschichte hinter sich, die Bücher füllen könnte. "Mir reicht das Geld hinten und vorne nicht, kann aber auch gar nicht arbeiten", sagt er zu unserer Zeitung. Knapp 750 Euro bekommt er - Rente plus Unfallrente. 300 Euro gehen für die Miete drauf. Ein Auto muss er davon ebenfalls unterhalten, um die Kilometer bis zum nächsten Supermarkt fahren zu können. "Ich muss also weiterzageln."

Woran leidet Manfred M.? Die Befunde: gehbehindert, zwei Herzinfarkte, zwei kaputte Bandscheiben, ein angebrochener Halswirbel, "Arthrose wie ein 85-Jähriger". "Mit 36 Jahren ist es losgegangen." Bis heute folgten 40 Operationen, sagt er. Es vergehe kein Tag ohne Schmerzen. "Ich habe Tage drin, da kann ich nicht mal die Wohnung zusammenkehren." Wie er sich dabei fühlt? "Du lebst nicht wie ein Mensch, du lebst wie ein Asozialer." Er gehe selten aus dem Haus, weil ihn die Nachbarn verspotteten.

Als arm gilt in Deutschland, wer als Alleinstehender weniger als 750 Euro im Monat zur Verfügung hat. Manfred M. liegt damit ziemlich genau an dieser Grenze. Wie auch der bayerische Durchschnittsrentner. Er bezog 2013 laut Sozialbericht der Staatsregierung 752 Euro. Noch deutlich schlechter gestellt sind die Oberpfälzer Rentner. Sie bekamen 2013 durchschnittlich 694 Euro (Männer: 935 Euro, Frauen: 455 Euro). Nur in Niederbayern sind die Renten noch niedriger gewesen. Als Ursache dafür hat die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in ihrem Positionspapier "Armut" die Absenkung des Rentenniveaus ausgemacht - "von der Politik bewusst herbeigeführt" mit dem "Hinweis auf die demografische Entwicklung". Laut einem Positionspapier der AWO verlor die Kaufkraft neuer Renten in Bayern von 2002 bis 2012 rund 19 Prozent. Ursache seien unter anderem: Zuzahlungen zur Krankenversicherung, gestiegene Sozialversicherungsbeiträge und gleichzeitig unterbliebene Rentenerhöhungen.

"Besseres Auskommen"


In vielen Fällen gilt offenbar: "Das Motiv, mit der Aufnahme einer bezahlten Tätigkeit ein besseres Auskommen zu erlangen, scheint ... recht stark zu sein." Ein Satz aus der gleichen Studie, die auch "7 Jahre länger" zitiert. Auch Dietl zweifelt nicht daran, dass es agile, fitte Senioren gibt, die sich gerne einbringen - aber eher als Ausnahme.

"Es gibt in keinem Bereich eine derart hohe Arbeitslosigkeit als bei den Beschäftigten über 50 Jahre", erklärt Dietl. Oftmals würden Betriebe lieber jüngere Leute einstellen. "Zwischen Anspruch und Realität klafft ein großes Loch." Nur zu Hause zu sitzen, fällt Manfred M. nicht leicht. "Gelernt habe ich nix, können tu' ich alles." Am Bau habe er gearbeitet, und als Lackierer. "Ich habe mir die Arbeit immer selbst gesucht."



Weitere Informationen im Internet:
www.deutsche-rentenversicherung.de/

Arbeiten als RentnerGrundsätzlich steht es jedem Rentner frei, sich neben seiner Rente Geld hinzuzuverdienen. Abhängig vom Alter muss er jedoch damit rechnen, dass der Hinzuverdienst seine Altersrente schmälert, sie möglicherweise ganz entfällt. Darauf macht die Deutsche Rentenversicherung auf ihrer Homepage aufmerksam. Nur wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, kann unbegrenzt hinzuverdienen und braucht diese Beschäftigung auch nicht an den Rentenversicherungsträger zu melden. Für vor dem 1. Januar 1947 geborene Versicherte liegt diese Grenze bei 65 Jahren.

Für alle, die nach dem 31. Dezember 1946 geboren sind, wird die Altersgrenze schrittweise auf 67 Jahre angehoben ("Rente mit 67"). Über Details informiert die Deutsche Rentenversicherung. (räd)
2 Kommentare
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Hans - Peter Kastner aus Brand | 25.07.2016 | 10:30  
56
Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 26.07.2016 | 16:38  
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