In der Reihe "Jugend stärken im Quartier" referieren Experten über "Schwer erreichbare ...
Die im Dunkeln sieht man nicht

Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (3. von links) bedankte sich bei den Referentinnen der Fachveranstaltung über "schwer erreichbare Jugendliche" (von links) Anne-Sophie Köhler M.A. und Prof. Dr. Susanne Scheja. Stehend ganz rechts Moderator Markus Pleyer
 
Sie diskutierten bei einer Fachveranstaltung über schwer erreichbare Jugendliche: (von links) OB Kurt Seggewiß, Jugendamtsleiterin Bärbel Otto, Susanne Reinhardt, Anne-Sophie Köhler M.A., Moderator Markus Pleyer, Professorin Dr. Susanne Scheja und Sozialdezernent Hermann Hubmann. Bild: Bühner

(sbü) "Für die Gesellschaft ist es ein Skandal, dass acht Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen und fast 15 Prozent der unter 29-jährigen über keinen regulären Berufsabschluss verfügen." Mit diesem Satz eröffnete Oberbürgermeister Kurt Seggewiß die Fachtagung zum Thema "Schwer erreichbare Jugendliche" im Neuen Rathaus, bei der die zentrale Frage lautete: Wie kann es gelingen, diese Jugendlichen in Beruf und Gesellschaft zu integrieren?

Das Förderprojekt "Jugend stärken im Quartier" bot den organisatorischen Rahmen der Veranstaltung. Sozialpädagogen, Vertreter von Jugendorganisationen und viele, die in der Jugendarbeit engagiert sind, hörten zwei Expertenvorträge. Unter der Überschrift "Die im Dunkeln sieht man nicht" sprach zunächst Anne-Sophie Köhler M.A. von der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

Lehrstunde für Jugendarbeit


Die Sozialpädagogin berichtete über ein abgeschlossenes umfangreiches Forschungsprojekt mit zahlreichen Interviews mit betroffenen Jugendlichen und ihren Betreuern. Dabei wurden systematisch die Ursachen der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Jugendlichen untersucht und wichtige Ansätze für Prävention und Hilfestellung vorgestellt. Der Vortrag wurde zu einer Lehrstunde für die Jugendarbeit. Es waren vor allem die Schlussfolgerungen der Untersuchung und die Vorschläge für die Gestaltung der Jugendarbeit, die für Gesprächsbedarf sorgten. Weniger musste darüber diskutiert werden, dass "bei schwer erreichbaren Jugendlichen im persönlichen und familiären Bereich massive Defizite vorliegen". Darauf wird seit längerem hingewiesen. Ausgangspunkt für die Betreuungsarbeit "schwer erreichbarer junger Menschen mit komplexen Problemlagen" sind laut Köhler "massive Verunsicherungen" bei den Jugendlichen. Sie führten zu einer generellen beruflichen Orientierungslosigkeit und seien auch mit "fehlender Selbstwirksamkeitserfahrung verbunden".

Betreuungsarbeit und Bildungsangebote sollten auf den bestehenden Fähigkeiten und Fertigkeiten ("Ressourcen") aufbauen um positive Selbsterfahrung zu ermöglichen. Unterstützungsbedarf bestehe auch beim "Erlernen einfacher Strategien der Lebensbewältigung". Dazu zählten auch Hilfen außerhalb des beruflichen Sektors wie Wohnung und Geld. Hilfsangebote müssten es schaffen, "kontinuierliche und verlässliche Beziehungen" aufzubauen, was bei häufig befristeter Projektarbeit schwer möglich ist. Die Schule stelle zunehmend mehr den "zentralen Zugangsweg dar, um die Marginalisierten frühzeitig zu erreichen". Vernetzung der unterschiedlichen Akteure in der Sozialen Arbeit und "maximale Niedrigschwelligkeit der Angebote" waren weitere Empfehlungen der Referentin.

Keine Risikoeltern erziehen


Vermieden werden müsse, dass aus jungen Menschen wiederum neue "Risikoeltern werden". Kontinuierlich wachse der "extreme Kern unter den jungen Menschen mit komplexen Problemlagen, der mit den bestehenden Konzepten der Jugendsozialarbeit nicht ausreichend erreicht werden kann".

Den zweiten Vortrag bestritt Professorin Dr. Susanne Scheja von der Technischen Hochschule Nürnberg über die Agency-Theorie zur aktiven Gestaltung von Übergangssituationen im Lebenslauf von Jugendlichen. Dass Jugendliche insbesondere in Übergangssituationen, zum Beispiel vom Kind zum Jugendlichen, nach Trennung der Eltern oder von Schule in Ausbildung aus dem Hilfesystem herausfallen, war schon im ersten Vortrag beschrieben worden. Für Professorin Scheja ist es in diesen Situationen erforderlich, Jugendliche dabei zu unterstützen "ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und ihr Schicksal selbst zu kontrollieren".

Ausgegrenzte Menschen müssten "Selbstbemächtigung" lernen. Auf die soziale Arbeit übertragen bedeute dies, die Jugendlichen in ihren Alltagshandlungen zu stärken, Wahrnehmung und deren Verarbeitung zu unterstützen und Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung zu fördern. Moderiert hat die Veranstaltung Markus Pleyer von Radio Ramasuri.
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