In Weiden kommt man leicht an Crystal Meth
Gift frisst sich durch die Stadt

Was tun gegen Crystal Meth, das diskutierten auf dem Podium (von links) MdB Uli Grötsch, Projektkoordinatorin Agnes Scharnetzky, Moderator Harald Zintl von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Buchautor und Journalist Maik Baumgärtner sowie der Chef der Kriminalpolizei, Thomas Bauer. Bild: sbü
Politik
Weiden in der Oberpfalz
07.10.2016
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In Weiden ist die Versorgungslage mit Crystal Meth besser als in Frankfurt, sagt ein Zuhörer der Podiumsdiskussion. Sie läuft unter einem Titel, der die Folgen dieser Behauptung sehr plakativ verdeutlich: "Gift frisst Hirn".

(sbü) Thomas Bauer, Chef der Kriminalpolizei Weiden und einer der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion in der Europa-Berufsschule, widersprach dem Zuhörer. Dann aber wurde aus einer Befragung zitiert, welche die Behauptung des Zuhörers untermauerte.

Antworten hatten Passanten in Fragebögen gegeben, die sie in der Weidener Fußgängerzone erhalten haben. 463 füllten ihn aus. Ausgewertet hat die Bögen zur Droge Crystal Meth die Friedrich-Ebert-Stiftung. Demnach beantworteten 87 Prozent der Befragten die Frage "Ist es leicht an Crystal Meth zu kommen?" mit "Ja". Unter den Befragten waren rund 300 Schüler, berichtete Harald Zintl, Leiter des Regionalbüros Regensburg der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zintl stellte die Befragung aus der vergangenen Woche anlässlich der Infoveranstaltung "Gift frisst Hirn, Crystal Meth. Konsumenten, Produzenten, Konsequenzen" den Besuchern vor.

"Ein Problem in der Region"


Auch andere Antworten geben Anlöass zur Sorge, obwohl die Befragung laut Zintl nicht repräsentativ ist. So sagen 47 Prozent "Ja" auf die Frage, ob sie oder er jemanden kenne, der Crystal Meth schon einmal konsumiert hat. Allerdings räumen nur 22 Prozent ein, die Droge schon einmal angeboten bekommen zu haben. Dennoch halten sie 80 Prozent "für ein Problem in der Region".

In der Podiumsdiskussion befasste sich dann eine Expertenrunde mit allen wichtigen Fragen zu dieser Droge. Darunter war auch der "Spiegel"-Journalist und Autor des Sachbuches "Crystal Meth" Maik Baumgärtner. Baumgärtner berichtete über seine umfangreichen Recherchen in Deutschland und in Tschechien über dieser Droge. "Der Konsumentenkreis ist breit und reicht vom 13- bis zum 70-Jährigen", stellte er fest. Da seien unter anderem Bundeswehrsoldaten, IT-Unternehmer, Studenten und vor allem alleinerziehende, junge Frauen dabei. Längst sei auch "überholt, dass dies ein Problem der Grenzregionen ist". Zudem müsse man mit dem Image der "Horror-Droge mit Bildern ausgefallener Zähne" brechen. Vielen würde man den Drogenkonsum nicht ansehen. Und er schlug vor, den "jungen Leuten vorzuleben, dass man nicht ständig funktionieren muss".

An Verhaltensveränderungen könne man Drogenkonsum feststellen, erklärte Kriminalpolizeichef Bauer. Dann zählte er zahlreiche Fakten zur Drogenszene Crystal Meth aus der hiesigen Region auf. "Seit 2008 wuchs die Zahl der Drogendelikte bis auf 970 im Jahr 2014", stellte Bauer fest. Crystal Meth sei "Hauptdroge" neben Marihuana. Im laufenden Jahr sei die Zahl der Drogendelikte bereits so hoch wie im gesamten letzten Jahr. Zunächst habe es eine große Verunsicherung zu Crystal Meth gegeben. Seit Gründung von "Need-No-Speed" habe sich die Informationslage verbessert. Für die Politik sei es lange "ein Grenzproblem" gewesen, dabei habe das Thema europäische Dimensionen mit "mafiösen Strukturen". Bauer lobte auch die Zusammenarbeit mit Tschechien. Allerdings sei die andere Rechtslage dort bei Durchsuchungen oft hinderlich.

Niemand ist gefeit


MdB Uli Grötsch erläuterte die Rolle der Bundespolitik bei der Bekämpfung der Droge und stellte fest: "Dem Thema fehlt die bundesweite Lobby." Erforderlich sei vor allem eine Verstetigung der Präventionsförderung.

Für die Projektkoordinatorin von "Need-No-Speed", Agnes Scharnetzky, hat Drogenkonsum "viel mit der Leistungsgesellschaft zu tun". Niemand sei "qua Herkunft" geschützt, Konsumenten stammten aus "Otto-Normalfamilien". Für eine langfristige Verlängerung der hauptamtlichen Stelle von Scharnetzky plädierte der Kripo-Chef, denn "der Bedarf an Aufklärung wird immer mehr". Schließlich hätten in der Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung nur 41 Prozent Einrichtungen zur Drogenhilfe nennen können.
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