Interview mit Rainer Sindersberger
Bäckerei immer wichtiger als Politik

Der Tag beginnt für ihn um 4 Uhr. Dann geht's in die Backstube. Doch kaum kommen die ersten Gäste, wenn die Familie ihr Café-Bistrot im City-Center geöffnet hat, wird Rainer Sindersberger auch zum Politiker. Unser Bild zeigt ihn mit einem Blech Hörnchenteig für deutschen Plunder. Dabei handelt es sich um einen Hefeteig, der dreimal touriert wird. Das heißt: Teig und Fettschichten wechseln sich ab. Bilder: Gabi Schönberger (2)
Politik
Weiden in der Oberpfalz
22.10.2016
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"Die Max-Straße ist jahrelang vor sich hingedümpelt. Jetzt ist sie wach geworden." Zitat: Rainer Sindersberger

Von ihm ist der Spruch übermittelt, er brauche keine Wahlkampf-Versammlungen und auch kein Klinkenputzen. Wahlkampf führe er Tag für Tag im Café, wenn er mit den Leuten rede. Damit ist Rainer Sindersberger gut gefahren, erst bei der CSU, dann bei den Freien Wählern und seit 2014 in Verbindung mit der Bürgerliste.

Am Montag, 24. Oktober, wird Sindersberger 65 Jahre alt. Zum Thema "Aufhören" äußert er sich eher vage. Klartext spricht er aber auch: zum Fondara-Projekt, zur Max-Reger-Straße, zu den Realschulen, zu den Freien Wählern und zum Bruch mit der CSU vor 25 Jahren. Mit dem Bäckermeister und Stadtrat sprach Redakteur Volker Klitzing.

Wissen Sie noch, was vor 25 Jahren war?

Rainer Sindersberger : Na klar. Damals habe ich mitbekommen, dass es zu Mauscheleien bei städtischen Bauvergaben gekommen ist. Selbst konnte ich das Problem nicht lösen, also musste ich Anzeigen gegen die Betroffenen stellen. Ein Staatsanwalt sollte ermitteln.

Dazu ist es ja dann aufgrund politischer Einflüsse nicht gekommen.

Ja, das kann man so sagen. Die CSU hat mit mir gebrochen. Viele wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Es war trotzdem die richtige Entscheidung, die Mauscheleien öffentlich zu machen. Bürgermeister Günter Zwack kam weiterhin morgens um halb sieben zum Frühstücken in Ellies Vorstadtcafé zu mir. Wir haben uns immer gern politisch ausgetauscht.

Sie sind ja damals 40 geworden. Wie war denn die Stimmung beim runden Geburtstag?

Das war kurios. Ludwig Stiegler ließ drei Flaschen Rotwein vorbeibringen, und er schickte ein Telegramm aus New York, dass er nach wie vor mein Freund bleibt. Noch kurioser aber war eine Glückwunschkarte, die Gustl Lang, Georg Girisch und Simon Wittmann gemeinsam unterschrieben hatten. Da war ich schon aus der CSU raus. Girisch und Lang brachten sogar ein Geschenk. Da haben die Gäste im Café ganz schön g'schaut. Und auch vom Amberger OB Wolfgang Dandorfer kam eine Karte.

Was war mit Lothar Höher?

Wir sind Cousins. Deshalb hat er den Kontakt nie abgebrochen.

Sie hatten sich aber die weitere politische Karriere auch anders vorgestellt. Einzelkämpfer war nicht Ihr Traum.

Ich bin zwar bei der CSU frühzeitig immer mal wieder als Hoffnungsträger ins Gespräch gebracht worden, hatte aber nie Ambitionen in Richtung eines Amtes oder einer Funktion. Als Geschäftsmann kam das nie in Frage. Die Bäckerei war mir immer wichtiger als die Politik.

Aber Sie haben mit den Freien Wählern eine neue Wählergruppe in Weiden gegründet.

Aufhören wollte ich nicht, und mich auch nicht aus der Politik drängen lassen.

Fast hätte das Ihr Arzt geschafft.

Ja, ich musste von 2003 bis 2006 im Stadtrat eine Auszeit nehmen, hatte Probleme mit den Beinen. Aber nach zwei Operationen ist das längst wieder ausgestanden.

Treten Sie 2020 noch einmal zur Stadtratswahl an?

Ja, die Kollegen wollen mein Stimmenpotenzial nicht herschenken. Aber es reicht, wenn ich auf einem hinteren Platz kandidiere.

Und schon sind Sie mal rasch reingerutscht. Was dann?

Die Frage kann ich heute noch nicht beantworten.

Sie gehören der Fraktion der Bürgerliste an.

Ja, aber als Freier Wähler.

Ihr Ex-Kollege Karl-Heinz Schell ist zur SPD gewechselt. Wird es die Freien Wähler in einigen Jahren überhaupt noch geben?

Seit es die Bürgerliste gibt, ist es für die Freien Wähler schwieriger geworden. Beide haben einen konservativen Ansatz, die Klientel ist gleich. Die Bürgerliste ist neu, wirkt vielleicht moderner. Damit haben sie uns die Zuwachsraten, die wir erhofft hatten, weggenommen.

Kann es zu einer Verschmelzung kommen?

Das glaube ich weniger. Die jetzige Vorstandschaft der Freien Wähler setzt auf Eigenständigkeit.

Von der Parteipolitik zur Kommunalpolitik. Sie und Ihre Familie haben mit einem Café-Bistrot aufs City-Center gesetzt. Wie beurteilen Sie die Pläne von Fondara für ein neues Einkaufszentrum?

Schwierig, ich weiß nicht, wer reinkommt. Mir ist nur der "New Yorker" bekannt, der auf ein größeres Konzept setzt und als einziger Laden die Max-Reger-Straße in Richtung Stadtgalerie verlässt. Bei uns ist der Hausherr weitgehend entgegengekommen und hat Perspektiven bis mindestens 2025 aufgezeigt.

In der Max-Reger-Straße tut sich auf jeden Fall einiges. Alles mit Blick aufs neue Einkaufszentrum.

Ja, die Max-Straße ist jahrelang vor sich hingedümpelt. Jetzt ist sie wach geworden. Es wird umgebaut und erweitert. Ich zähl mal auf, was mir so einfällt: Deichmann, Gerry Weber, "dm", das Geschäftshaus von Michaela Wies und natürlich das City-Center selbst mit der bombastischen Erweiterung von "H&M", unserem guten Nachbarn Trachten-Moser und dem Frequenzbringer Müller, der enorm investiert. Der 84-jährige Müller-Chef war 15 Jahre nicht im Haus, jetzt war er innerhalb weniger Monate dreimal da und hat seine Vorstellungen direkt vor Ort erläutert. Danach musste zum Beispiel die Rolltreppe direkt im Müller-Geschäft andocken. Bis 15. November ist alles fertig, und dann ist die Attraktivität der Max-Straße wieder da.

Sie haben sich noch nicht zum Fondara-Projekt geäußert.

Ich bin überzeugt, dass Fondara nicht das erfüllt, was allgemein erwartet wird.

Aber dies hätte doch auch negative Auswirkungen auf die Max-Reger-Straße.

Das glaube ich nicht

Wenn wir schon beim Thema Stadtentwicklung sind. Ganz heiß wird derzeit der Bereich zwischen DJK und dem Neuen Rathaus diskutiert.

Ich bin für eine Sanierung der Realschulen, solange echt belastbare Zahlen fehlen. Allein mit einer Grobkostenschätzung können solche Entscheidungen über so große Investitionen nicht begründet werden. Zum Beispiel sind die Interimskosten in Höhe von 8 Millionen Euro viel zu hoch. Man könnte nämlich die Realschulen eine nach der anderen während der Sanierungsphase in die Wirtschaftsschule auslagern. Aber wie gesagt: Wir brauchen echte Zahlen.

Was wird aus Großparkplatz und Parkdeck?

Ein Kino lässt sich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit wohl kaum verwirklichen. Vielleicht sollte man die alte Idee eines Stadtplatzes mit Tiefgarage wieder ausgraben. Aber nur, wenn's finanzierbar ist. Der ZOB müsste dann zum Bahnhof verlegt werden. Es gibt wieder mehr Zugverkehr.

Noch eine Frage an den Caféhaus-Betreiber. Wie beurteilen Sie den Wunsch der "Beanery", am Oberen Markt mehr Außenmöblierung zuzulassen?

Ich habe ja damals mit dem Wiener Café und 28 Plätzen angefangen. Das passt zum Alten Rathaus, wobei der Standort vor der ehemaligen Galerie Recknagel den Blick überhaupt nicht verstellen würde. Ich meine: Wer die Situation beim Brunner zulässt, darf den Wunsch nicht verweigern.

Die Max-Straße ist jahrelang vor sich hingedümpelt. Jetzt ist sie wach geworden.Rainer Sindersberger


Zur PersonRainer Sindersberger wurde am 24. Oktober 1951 in einem Raum der jetzigen Stötznerschule geboren. Dort war damals ein Ersatz-Krankenhaus. Bäcker, sagt er, ist er seit 60 Jahren. Weil sein Vater ihn, den damals Fünfjährigen, schon regelmäßig in die Backstube mitgenommen hat. Und dem jungen Rainer hat's gefallen. Aus der Passion wurde die Profession. Sindersbergers Meisterbrief datiert vom 7.7.77.

In der Folge hat er vom Lehrlingswart bis zum Obermeister für die nördliche Oberpfalz alle Positionen durchgemacht. Politisch ist er im Stadtrat seit 1986 aktiv, erst in der CSU, dann bei den Freien Wählern, die er in Weiden gegründet hat. Damit er kein Einzelkämpfer sein muss, hat er sich 2014 der Fraktion der Bürgerliste angeschlossen.

Und wie ist das mit dem Schlaf bei einem, der um 4 Uhr morgens in der Backstube steht? Ganz unspektakulär schläft Sindersberger am frühen Nachmittag ein bis zwei Stunden. Und um halb elf Uhr abends geht er normal ins Bett.

Seit 44 Jahren ist der Römer-Freund und Geschichte-Fan mit seiner Frau Eleonore verheiratet. Die beiden Kinder Markus und Susi haben für sieben Enkel gesorgt: Lilly, Ida, Hannah, Paula, Julia, Felix und Lena. (vok)
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