Israelis von der Angst motiviert

Der ehemalige israelische Botschafter in Bonn, Avi Primor, stellte am Freitag auf der Leipziger Buchmesse seine Autobiografie "Nichts ist jemals vollendet" vor. Am Montag, 16. März, 20 Uhr, liest er in Weiden in der Buchhandlung Rupprecht. Bild: dpa

Avi Primor will die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten nicht aufgeben. Er verweist auf Umfragen, die seit Jahrzehnten zeigen, dass es in Israel eine Mehrheit für eine Zwei-Staaten-Lösung gibt. Einziges Hindernis: Die Sorge um die Sicherheit.

Wenn es um die Aussöhnung mit den Palästinensern geht, ist den Israelis die Entwicklung seit dem israelischen Rückzug aus dem Gaza-Streifen ein warnendes Menetekel. Dort übernahm die radikale Palästinenser-Organisation Hamas die Macht, sagt der ehemalige israelische Botschafter in Bonn, Avi Primor. Nun fürchten viele Israelis, dass bei einem Rückzug aus dem Westjordanland das Gleiche geschehen könnte. Von dort abgefeuerte Raketen wären verheerend für Israel - sie könnten jede Stadt, jeden Hafen und jeden Flughafen sowie jedes Industriegebiet erreichen.

Diese Angst bestimme das Wahlverhalten der Israelis, macht der 78-Jährige im Telefongespräch mit unserer Zeitung deutlich. Deshalb scharen sie sich um nationalistische Kräfte. Primor ist dennoch optimistisch, dass es Frieden geben wird. Zum einen gebe es seit Jahrzehnten eine "beachtliche Mehrheit", die eine Zwei-Staaten-Lösung unterstützt.

Zum anderen gebe es ein Mittel, der israelischen Bevölkerung ihre Angst zu nehmen. Sie brauche eine überzeugende Sicherheitsgarantie. Der ehemalige Diplomat verweist auf den Friedensschluss mit Ägypten (1979) und Jordanien (1994). Sowohl der damalige ägyptische Präsident Anwar El-Sadat als auch der verstorbene jordanische König Hussein hätten diese Sicherheitsgarantie glaubhaft vermittelt. "Würde der amerikanische Präsident seine Armee ins Westjordanland senden, was er aber nicht tun wird, dann würden die Israelis ,Ja' sagen", sagt Primor.

Fall Iran: Zeit gewinnen

Die Atomverhandlungen mit Iran sind in den Augen von Primor der Versuch, Zeit zu gewinnen. Dies sei von der Hoffnung getragen, dass früher oder später das Ajatollah-Regime abgelöst werde. "Wenn wir ein anderes Regime haben, wird die Atomfrage nicht mehr so wichtig." Wären die USA in der Lage, Iran daran zu hindern, ein Nuklear-Programm zu betreiben, hätten sie dies getan, "Ich glaube nicht, dass die Amerikaner allmächtig sind", sagt Primor. "Die Amerikaner können nicht alles, aber sehr viel." Er verweist auch darauf, dass Iran kein Interesse an Israel habe, außer einem rassistischen oder propagandistischen. Aber Iran habe in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Interessen, unter anderem im Irak und in den Golfstaaten.

Ein Teil dieser Nachbarschaft versinkt im Strudel der Gewalt, so ist im Irak und in Syrien die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auf dem Vormarsch. "Das sind die Konsequenzen des Kolonialismus", sagt Primor. Sowohl in Syrien als auch im Irak seien ethnische und religiöse Gruppen zusammengepresst worden. Beide Länder "sind keine kohärenten Staaten, sie können sich nicht halten". In diese Reihe ordnet er auch Libyen ein. In Tunesien und Ägypten sei dies anders. Eine Invasion Jordaniens durch den IS fürchte er nicht. "Es hat eine effiziente Armee." Zudem würde Israel eine Invasion verhindern. Eine Gefahr für Jordanien sieht Primor durch die IS-Propaganda.

Auf die Frage, ob Israel angesichts seines Umfelds Nato-Mitglied werden sollte, antwortet Primor: "Hätten wir längst gewollt, können wir aber leider nicht." Die Türkei habe dies bereits abgelehnt, als Israel noch besonders gute Beziehungen zu Ankara hatte. Zudem gebe es einige Nato-Staaten, die kein Mitglied wollten, das im Krieg lebt - und Israel lebe seit dem Jahr 1948 im Kriegszustand.

Deutschland nennt Primor den wichtigsten Partner Israels nach den USA. Beide Länder seien dies nicht nur in Sachen Vergangenheit. Der Diplomat spricht davon, dass es nicht nur eine sachliche Zusammenarbeit sei, es seien viele Beziehungen gewachsen. Als Beispiele führt er die Städtepartnerschaften und den Wissenschaftsaustausch an.

Lesung in Weiden

"Ich habe viele Freude hier und werde oft eingeladen", sagt Primor. Mitte der Woche ist er nach Deutschland gekommen. Leipzig, Köln und Weiden sind nur einige Stationen seiner Tour durch Deutschland. Am Montag, 16. März (20 Uhr), liest er in der Weidener Buchhandlung Rupprecht. Karten unter Telefon 0961/482400.
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