Issy geht fremd
Französche Partnerstadt plant Fusion mit Nachbarort

"Vernunftehe" überschreibt die Zeitschrift "Paris Match" einen langen Artikel über Städtefusionen in Frankreich. Die spektakulärste bahnt sich in Weidens Partnerstadt Issy-les-Moulineaux an. Dessen Bürgermeister André Santini (links) reicht schon mal seinem Amtskollegen auf der Seine-Brücke die Hand, die Issy mit der Nachbarstadt Boulogne-Billancourt verbindet. Bild: Götz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
04.06.2016
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Hat Weiden ab 2018 eine Partnerstadt weniger? Oder bekommt es noch eine dazu? Stimmt dann die Bezeichnung Issy-les-Moulineaux-Platz am Anker-Komplex überhaupt noch? Diese Fragen beantwortet eine geplante Gebietsreform in Frankreich in den nächsten beiden Jahren.

Anlass zu solchen Spekulationen gibt Frankreichs bekannteste Illustrierte. "Paris Match" berichtete vergangene Woche auf vier Seiten über Städtefusionen. Die größte davon betrifft Weidens Partnerstadt. Issy-les-Moulineaux will sich mit der Nachbarkommune Boulogne-Billancourt vom gegenüberliegenden Seine-Ufer zusammentun.

Hintergrund: Das Land und seine Kommunen müssen sparen, Bürokratie abbauen und Verwaltungen verkleinern. Der Prozess ist in vollem Gange. Von 36 000 französischen Gemeinden haben innerhalb eines Jahres schon 1090 fusioniert.

Stadtrat auf Schrumpfkurs


Würden Issy und Boulogne-Billancourt heiraten, entstünde vor den Toren von Paris eine neue Metropole, sprich die zwölftgrößte Stadt des Landes. Sie hätte 183 000 Einwohner, mehr als Rennes oder Reims. Bereits am 9. Juli stimmen die beiden Stadträte darüber ab, dieses Verfahren einzuleiten. Am 1. Januar 2018 könnte es dann zur Verschmelzung kommen.

"Das Baby hätte Zukunft und wäre ein wirtschaftlicher Akteur mit 150 000 Arbeitsplätzen", schreibt "Paris Match". Erstaunlich ist, dass vor allem Issy der Sache mehr als aufgeschlossen gegenübersteht. Ursprünglich war wohl sogar angedacht, acht Städte des Départements Hauts-de-Seine zusammenzulegen. Issys Bürgermeister André Santini hat das offenbar abgewehrt und die Liason mit Boulogne vorgeschlagen. Geräuschlos dürfte es nicht gehen: Boulogne hat eine eigene Stadtpolizei, Issy nicht. Boulogne ist stark verschuldet, Issy steht pro Kopf nur mit lächerlichen acht Euro im Soll. Das kleinste Problem dürfte noch sein, dass viele Straßen in beiden Orten gleich heißen.

Die beiden Stadträte entscheiden am 9. Juli auch darüber, ob sie wesentlich kleiner werden wollen. Issy hat 49 Mandatsträger, Boulogne 55. Vorgesehen ist, dass alle bis 2020 im Amt bleiben. Danach soll das neue Kommunalparlament auf 59 Sitze schrumpfen. Pikant ist die Frage, wer dann Bürgermeister wird.

Santini drängt zur Eile


Im "Paris Match"-Artikel wirkt der 75-jährige Santini, der Weiden seit seinem Amtsantritt 1980 eng verbunden ist, keineswegs amtsmüde. Sein Kollege in Boulogne ist mit 61 Jahren ein vergleichsweise junger Hüpfer. Was die beiden am Zusammenschluss vor allem reizt, sind niedrigere Steuern und Kommunalabgaben für die Bürger. Bezahlen müssen das Beamte und Angestellte. So hat die vergleichbare Stadt Rennes in den vergangenen Jahren 700 Stellen in der Verwaltung abgebaut. Doch in Boulogne regt sich erster Widerstand. Die Sozialisten und der örtliche Abgeordnete, ein Parteifreund des Bürgermeisters, sind dagegen.

Die Linke von Issy befürwortet indes die Fusion. Das gibt dem Bürgerlichen Santini Rückenwind. Das politische Alphatier zitiert zum Thema gleich den allergrößten Franzosen: "Ich entscheide und die Juristen setzen es um", sagte Napoleon. Der Bürgermeister will die Sache noch vor der Präsidentschaftswahl im April 2017 durchziehen. Denn die Verwaltungs- und Gebietsreform ist ein Kind von Francois Hollande, dem nicht mehr viele Kenner Chancen auf eine zweite Amtszeit einräumen. Und Weiden? Die Max-Reger-Stadt pflegt mit Issy eine der längsten deutsch-französischen Verbindungen überhaupt: 62 Jahre.

Neuer Name


Sollten die französischen Freunde mit ihrer Nachbarstadt zusammengehen, wird auch deren neuer Name interessant. Schon mal zum Üben: Die "commune nouvelle" könnte Issy-les-Moulineaux-Boulogne-Billancourt heißen. Wahrscheinlicher klingen die Versionen Issy-Boulogne oder Boulogne-Issy.

Ich entscheide, und die Juristen setzen es um.André Santini zitiert Napoleon.


Frigide und heiß auf AutosWürde Issy-les-Moulineaux (65 000 Einwohner) sich mit dem fast doppelt so großen Boulogne-Billancourt zusammentun, würde Weiden eventuell in einen illustren Partnerschaftsverbund einheiraten. Boulogne hat zehn Partnerstädte, darunter den Brüsseler Ortsteil Anderlecht, Berlin-Neukölln, Hammersmith and Fulham in London sowie Guang'an in China. Was das für Weiden bedeutet, ist völlig offen. "Da gibt es keine Richtlinie, das ist Sache der Verantwortlichen vor Ort", heißt es dazu aus der französischen Botschaft in Berlin. E-Mails mit Fragen dazu hat die Pressestelle der Stadt Issy seit Tagen nicht beantwortet.

Offiziell will sich zur Fusion kaum jemand äußern. "Eine delikate Sache", sagt Ulrike Maronnie, eine in Issy verheiratete Schwäbin, die in der Verwaltung für internationale Beziehungen zuständig ist. Boulogne-Billancourt hat in den vergangenen Jahren viel unter Abwanderung von Industrie gelitten. Immerhin hat aber dort noch der Autoriese Renault seinen Sitz. Aus der Stadt stammen bekannte Persönlichkeiten: Rennfahrer Paul Belmondo, Schauspielerin Marie Trintignant, Ex-Präsidentengattin Cécilia Sarkozy und Ex-Premierministerin Édith Cresson.

In Frankreich am bekanntesten ist derzeit jedoch die Komikerin mit dem herrlichen Namen Frigide Barjot, wörtlich übersetzt "leidenschaftslos und durchgeknallt". (phs)
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