Kassen wollen Ausschreibung für Krebsmittel
Infusion gerät ins Stocken

Patientin bei der Chemotherapie: Das Ausschreibungsverfahren für Krebsmedikamente ist am Vormarsch. Bisher stellt die Krankenhausapotheke Zytostatika kurzfristig auf den jeweiligen Gesundheitszustand ein. Das Klinikum Weiden befürchtet, dass die Hausapotheke im Preiskampf mit den großen Herstellern dann keine Chance mehr hat. Bild: dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
22.09.2016
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"Der Zustand, das Blutbild, das Gewicht eines Krebspatienten unterliegt Schwankungen - im Idealfall wird darauf die Medikation individuell und kurzfristig eingestellt." Zitat: Apotheker Dr. Werner Speckner

Krebsmedikamente sind teuer. Die Kassen sehen riesiges Einsparungspotenzial. Der Weidener Krankenhaus-Apotheker Werner Speckner aber befürchtet, dass die Ausschreibung der Zytostatika-Herstellung Nachteile für alle Seiten bringt.

Das Thema ist komplex, die Argumentation beider Kontrahenten schlüssig. Auf der einen Seite bemühen sich die Krankenkassen - auch im Interesse der Beitragszahler - um eine Begrenzung der Kosten. "Die medizinische Entscheidung", stellt Christine Göpner-Reinicke, Pressereferentin des AOK-Bundesverbandes, klar, "liegt ausschließlich beim Arzt. Das stellt niemand in Frage." Die Ausschreibungen, die bereits seit 2010 in Berlin zu deutlichen Einsparungen geführt hätten, würden ein einheitliches Qualitätsniveau festschreiben.

"Die Gewinnmargen sind zum Teil sehr erheblich", sagt die Sprecherin. "Als größerer Besteller bekommen Sie Rabatte, die nicht an die Kassen weitergegeben werden." Die AOK möchte, dass davon alle Versicherten profitieren. "Das Tolle für den Patienten ist, dass wir so in der Lage bleiben, die vielen Neuentwicklungen zu finanzieren, die einen entsprechend hohen Preis haben." Genau deshalb aber sei die Kasse gezwungen, an der Preisschraube zu drehen. "Alles andere wäre kriminell." Die AOK Nordost (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern) habe mit dem europaweitem Ausschreibungsverfahren begonnen. Hessen, Rheinland/Hamburg folgten. "Das entscheiden die Landesverbände autonom", erklärt Göpner-Reinicke. "In Bayern ist derzeit nichts geplant." Dennoch befürchtet Dr. Thomas Egginger, Ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz, die Ausweitung des Verfahrens: "Die AOK ist nicht die einzige Kasse, die DAK-Ausschreibung ist Deutschland weit, Techniker und Barmer werden folgen - dann ist die Hälfte der Patienten betroffen."

Nachteile für Patienten?


Doch welche Nachteile haben Krebspatienten, wenn die Krankenkassen beteuern, qualitativ werde sich die Situation für sie eher verbessern? Nach einem Bericht der "Welt am Sonntag" hätten sich im Rheinland schon wenige Tage nach Einführung riskante Pannen gehäuft: So seien etwa die Infusionen für zwei AOK-Patienten in einer onkologischen Praxis in der Duisburger Innenstadt nicht angekommen. Viele der manchmal nur Stunden haltbaren, toxischen Infusionen seien zu spät geliefert worden oder man habe sie den Patienten nicht zuordnen können.

Die AOK bezweifelt diese Darstellung: "Wir haben nur in einem einzigen Bereich eine Häufung von Problemen", sagt die Sprecherin. "In Hessen etwa wurden von 68 Onkologen nur drei Fälle gemeldet." Göpner-Reinicke vermutete eine konzertierte Aktion betroffener Ärzte und Apotheker: "Man kann auch bewusst alle Patienten gleichzeitig einbestellen und dann darüber klagen, dass lange Wartezeiten auftreten."

Die protestierenden Verbände würden so tun, als ob bisher die regionale Apotheke um die Ecke beauftragt worden sei: "Im Normalfall ist der Herstellerbetrieb aber 300 bis 500 Kilometer entfernt." Die Ausschreibung verlange sogar ausdrücklich, dass eine ad-hoc-Lieferung innerhalb von 45 Minuten möglich sein muss.

Klinikapotheke nah dran


Werner Speckner, Chef der Weidener Krankenhausapotheke, bezweifelt nicht den guten Willen der Krankenkasse. Auch einzelne Betrugsfälle schließt er nicht aus. Der promovierte Pharmazeut ist sich dennoch sicher, dass die Qualität der Herstellung unter den veränderten Rahmenbedingungen leiden wird: "Wir sind als Krankenhausapotheke sehr nah dran", erklärt er. "Der Zustand, das Blutbild, das Gewicht eines Krebspatienten unterliegt Schwankungen - im Idealfall wird darauf die Medikation individuell und kurzfristig eingestellt." Keiner könne erklären, wie ein Herstellungsbetrieb in Berlin das leisten solle. "Das Ergebnis wird eine weniger individuell abgestimmte Therapie sein."

Die Politik nimmt die Kritik der Apotheker und Onkologen Ernst. Ende Juni habe die Konferenz der Ländergesundheitsminister ein Verbot der Ausschreibung von Zytostatika gefordert. "Aber seitdem ist es merkwürdig still geworden", sagt Speckner, dass die Regierung die Vorlage nicht aufnimmt. "Jetzt hoffen wir noch auf die Lesung des neuen Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz."

Der Apotheker hat auch einen kostensparenden Lösungsvorschlag parat, wie allen Seiten gedient werden könnte: "Bereits 2010 hat in Bayern der Verband der Krankenhausapotheker über die Bayerische Krankenhausgesellschaft mit allen Kassen für alle Krankenhäuser einen Vertrag für Qualität und Wirtschaftlichkeit geschlossen. Ein Update der bestehenden Rabatte in den Apothekenverträgen wäre deutschlandweit ein Weg zu einer vernünftigen Lösung."

Onkologische VollversorgungRund 10 000 Infusionen im Jahr stellt die Krankenhausapotheke mit ihrem GMP-Labor (Gute Laborpraxis, definierter Standard) für öffentliche Apotheken ohne Labor zur Versorgung im Medizinischen Zentrum des Klinikums (MVZ) her - Chemotherapien für rund 500 Patienten (etwa 50 Prozent AOK, 25 DAK/BKKs, und 25 andere Kassen).

Als zentrale Anlaufstelle für Krebspatienten in der Nordoberpfalz hat sich das Klinikum Weiden zum Tumorzentrum auf universitärem Niveau entwickelt.

Sämtliche Fachabteilungen stehen im Haus zur Verfügung (Operative und medizinische Kliniken, Strahlentherapie, Zentrallabor, Apotheke). Sie behandeln Patienten stationär wie auch ambulant.

Wegen der Prämisse "ambulant vor stationär" im Sozialgesetzbuch hat die KVB die Krankenhausambulanzen reduziert. Um die Patienten über das Tumorzentrum weiter versorgen zu können, wurde ein MVZ am Krankenhaus gegründet, das rechtlich über eine öffentliche Apotheke versorgt werden kann. (jrh)


Der Zustand, das Blutbild, das Gewicht eines Krebspatienten unterliegt Schwankungen - im Idealfall wird darauf die Medikation individuell und kurzfristig eingestellt.Apotheker Dr. Werner Speckner


Monopole sind niemals billigAngemerkt von Jürgen Herda

Überall dort, wo viel Geld bewegt wird, ist die Versuchung groß. Keine Branche ist davon ausgenommen. Der medizinisch-pharmazeutische Komplex ist eine gigantische Maschine. Wer da einer Schraube dreht, kann sich nicht sicher sein, was er damit auslöst.

Die Krankenkassen tun gut daran, im Interesse der Versicherten, die Grauzonen der Bereicherung gründlich zu beleuchten. Gerade im sensiblen Vertrauensverhältnis zwischen Patienten, Ärzten und Apothekern ist jeder Anfangsverdacht verheerend - Manipulationen beim Organspendeskandal kosten noch heute Menschenleben, weil die Spenden dramatisch einbrachen.

Um die oft letzten Wochen und Monate eines Menschenlebens geht es auch bei der Chemotherapie. Überflüssig zu erwähnen, dass diese Patienten auch ohne den Konflikt um die Herstellung der Zytostatika bereits genug zu leiden haben. Alle Beteiligten sollten deshalb das gemeinsame Ziel verfolgen, die bestmögliche Therapie zum günstigsten Preis anzubieten.

Wenn die Ausschreibungen im Ergebnis dazu führen, dass sich noch größere Hersteller den Markt aufteilen, mag man zwar einige Mauscheleien zwischen Ärzten und Apotheken unterbinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Großen dann mit den ganz großen Geldscheinen winken, aber steigt. Dann doch lieber mit den Krankenhausapotheken, die nah dran sind am Geschehen, nachverhandeln.
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