Kastration oder "Ausgehverbot" für Katzen?
Kastration für Streuner

Die Tierheime in der Region sind überfüllt - so viele streunende Katzen gibt es. Um der Vermehrung einen Riegel vorzuschieben, überlegt das Bundeskabinett, für Katzen eine Kastrationspflicht oder Stubenarrest einzuführen. Archivbild: lev
Politik
Weiden in der Oberpfalz
04.12.2015
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Vom wilden Streuner zum kastrierten Stubentiger - um die Kolonien herrenloser Katzen in Deutschland einzudämmen, könnte den Tieren bundesweit künftig die Kastration oder ein "Ausgehverbot" drohen. Die Oberpfälzer Tierheime freuen sich darüber.

Bei rund zwei Millionen Katzen, die sich bundesweit auf "freien Pfoten" bewegen, liegt laut dpa die Schätzung von Tierschützern. Der neue Tierschutzbericht der Bundesregierung sieht deshalb vor, alle freilaufenden Haus- und Hofkatzen kastrieren zu lassen. Auch "das Hinwirken auf eine freiwillige Beschränkung des Auslaufs" sei eine Option, heißt es. Dass der unkontrollierten Vermehrung der Lieblingshaustiere der Deutschen ein Riegel vorgeschoben werden soll, ist für Jutta Böhm vom Weidener Tierheim fast schon eine Erlösung.

Psychische Leiden

"Ich sehe bei uns alle Jahre dieses Elend mit den Katzen. Wir sind eigentlich hoffnungslos überfüllt", beschreibt sie die Situation in und um die Max-Reger-Stadt. "Viele Leute füttern die Streuner im Sommer und meinen, die Katzen überleben im Winter nicht. Dann bringen sie sie ins Tierheim. Aber das ist Quatsch. Die überleben schon." Dass den Tieren, die bislang die Freiheit gewohnt waren, damit psychische Leiden angetan werden, würden laut Böhm viele nicht verstehen.

50 Katzen und Kater pflegt das Heim in Weiden derzeit. Platz ist eigentlich nur für die Hälfte. Neuzugänge müssen erst in Quarantäne - wegen Krankheiten. "Da hast vielleicht acht Boxen für Quarantäne und dann kommen in der Woche 15 - wo tu ich die restlichen Katzen hin?", fragt sich Böhm. Eine Kastrationspflicht wäre für das Team eine große Erleichterung. Schließlich sei das Aufpäppeln von Vierbeinern mit Schnupfen, Würmern oder eitrigen Augen ein "Mordsaufwand" und ein Kostenfaktor.

Eine Frage, die sich Böhm allerdings auch bei der Kastration der zwei Millionen Katzen stellt: Wer soll das bezahlen? "Ich weiß genau, wer dann für die Kosten aufkommen soll - das Tierheim", ärgert sie sich. Die Bauern würden sie zwar füttern, aber wenn es darum gehe, die Tiere zu impfen, würden sie ihnen plötzlich nicht gehören. Ein Problem sieht die Heimleiterin beim Thema Stubenarrest. "Man kann die Katzen nicht einsperren. Theoretisch geht das vielleicht, aber nicht praktisch."

Gabi Hahn, Vorsitzende des Schwandorfer Tierschutzvereins, sieht die Idee der Kastration "unbedingt positiv". Die große Frage sei für sie, wer das überprüfen soll. "Wenn die Gemeinde einmal im Jahr eine Aktion machen würde und alle Katzen kastriert, die im Umkreis rumlaufen, würden wir als Verein das unterstützen." Immer wieder bekommt der Verein Anrufe, dass die herumstreunenden Katzen mehr werden.

"Im Feuerwehrhaus in Neukirchen war so ein Fall", erinnert sie sich. Im vergangenen Winter habe sich eine Katze einquartiert und Junge bekommen. "Die Katzen-Mutter wurde tot gefahren und die Leute haben die kleinen Katzen gefüttert. Wir mussten die vogelwilden Babys einfangen, kastrieren und chippen." Die Folge: Das Tierheim dort ist mehr als ausgelastet.

Für Pflicht-Kastration

"Es ist die Faulheit der Leute", schimpft Hahn. "Da braucht man doch nicht zum Tierarzt gehen", heiße es oft. "Sind dann fünf bis sechs Kleine da, schmeißen sie die Mietzen raus und dann ist der Zug schon abgefahren." Deshalb spricht sich auch Hahn für eine Kastrationspflicht aus - ebenso wie Tierarzt Siegfried Schmelcher aus Pressath.

"Kastrieren muss man sie, das geht nicht anders. Es ist eine Verantwortungslosigkeit, wenn Leute ihre Katzen unkontrolliert vermehren lassen", meint der Arzt. Schwierigkeiten sieht Schmelcher beim Thema Stubenarrest: "Freilaufende Katzen kann man nicht einsperren und man kann niemandem verbieten, seine Katzen frei laufen zu lassen." Das sei tierschutzwidrig.

Kosten bis zu 160 Euro

An die Leine soll keine Katze, findet auch Dörte Röhl, Tierärztin und Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei Peta Deutschland. "Man muss das Tier kastrieren und dann kann es weiter rausgehen." Die Operation liege bei einem Kater zwischen 60 und 80 Euro, bei Katzen bei 100 bis 160 Euro. "Wer die Kosten scheut, sollte sich keine tierischen Mitbewohner holen", sagt Röhl. Zuständig für heimatlose Tiere wäre die Gemeinde, auch für die Kosten - ansonsten der Besitzer. "Geschlechtsreife Tiere haben draußen nichts zu suchen", fordert Röhl und begründet: "Auf eine Katze kommen in sieben Jahren 420 000 Junge. Da weiß man, woher die zwei Millionen Streuner kommen."
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