Kazem kämpft sich durch
Grünen-Landtagsabgeordneter Jürgen Mistol besucht Autohaus Geuss

So sieht ein Software-Update beim Land Rover aus (von rechts): Kazem Nawruzi zeigt seiner Chefin Ulla Roscher-Geuß, Grünen-Stadtrat Veit Wagner und dem Landtagsabgeordneten Jürgen Mistol, was er seit September schon gelernt hat. Sein Meister Björn Nitz (nicht im Bild) lobt ihn in den höchsten Tönen. Bild: Schönberger
Politik
Weiden in der Oberpfalz
23.02.2016
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Anfangs hat Juniorchefin Ulla Roscher-Geuß etwas gezögert. Doch die Erfahrungen mit Kazem (17) haben sie überzeugt. Deshalb will sie nächstes Jahr gerne noch einen Asylbewerber als Azubi einstellen. "Wir setzen darauf, dass die Jugendlichen nach der Lehre noch länger in Deutschland bleiben dürfen."

Die "Jetzt red i"-Sendung im Mai 2015 in Weiden war für die Juniorchefin des Autohauses Geuss der Anstoß, mit Kazem Nawruzi einen jungen Asylbewerber aus Afghanistan einzustellen. Innenstaatssekretär Gerhard Eck stimmte damals der Aussage zu, die Flüchtlinge sollten nach der Ausbildung mindestens noch zwei Gesellenjahre in Deutschland bleiben dürfen. Zugleich sprach er bei geduldeten Flüchtlingen aber von "individuellen Lösungen", die mit der Ausländerbehörde zu finden seien.

Grüne fordern Garantie


"Eine Garantie, dass die Auszubildenden mindestens fünf Jahre bleiben dürfen, gibt es bisher nicht", bedauerte Landtagsabgeordneter Jürgen Mistol deshalb bei seinem Besuch am Montag. Dabei werde diese von Bündnis 90/Die Grünen seit langem gefordert. Er informierte sich anlässlich der Woche der Ausbildung in dem Autohaus über die aktuelle Lage. Die sieht - was den Nachwuchs betrifft - alles andere als rosig aus.

"In unserer Branche ist es sehr schwierig, geeignete Auszubildende zu finden", sagte Ulla Roscher-Geuß. Viele Schüler seien mit den hochtechnisierten elektronischen Systemen, den Anforderungen in Mathematik und Physik überfordert. Andere würden einen Bürojob vorziehen, bei dem die Hände sauber bleiben. Nicht so Kazem. "Er hat eine Motivation, die unseren Jugendlichen zum Teil fehlt." Der junge Afghane hat keine Eltern mehr, wurde auf dem Weg nach Lampedusa von seiner Schwester getrennt und kämpfte sich allein nach Deutschland durch. "Er ist sehr selbstständig", lobt Ulla Roscher-Geuß. "Und er hat Ziele: Er will seine Ausbildung schaffen. Er möchte in Deutschland bleiben und hier eine Familie gründen." Sie selbst hofft darauf, dass der 17-Jährige - er lebt derzeit noch in einer Wohngruppe von Dr. Loew soziale Dienstleistungen - der Firma noch lange erhalten bleibt. Nicht nur während der Ausbildungszeit als Kfz-Mechatroniker und der zwei folgenden Gesellenjahre, sondern darüber hinaus.

Die Kfz-Branche in der Oberpfalz hat es nämlich auch schwer, Fachkräfte zu halten. Ulla Roscher-Geuß: "Viele wandern in die Ballungszentren ab oder werden von den US-Streitkräften abgeworben." Dabei müssten die Betriebe ziemlich viel in die Ausbildung investieren.

Eine Drei in Deutsch


Kazem besucht übrigens seit dem Ausbildungsstart im September eine ganz normale Berufsschulklasse. In Deutsch hat er gerade im Zeugnis eine Drei erhalten. Was die technischen Fächer betrifft, sieht es schlechter aus. "Mündlich kann er die Fragen sehr gut beantworten, aber es technisch richtig zu schreiben, ist für ihn schwierig", berichtet die Juniorchefin, die für den Jugendlichen wie eine Patin ist. Eine Bitte, die sie Landtagsabgeordnetem Jürgen Mistol und dem Grünen-Stadtrat Veit Wagner mit auf dem Weg gibt: "Die Jugendlichen bräuchten Deutsch-Nachhilfe im technischen Bereich. Das gilt auch für manche deutsche Schüler." Stadtrat Veit Wagner will im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachhaken, ob es Fördermöglichkeiten gibt.

Was Ulla Roscher-Geuß noch Bauchschmerzen bereitet: "Der Führerschein ist ein großes Problem bei Asylbewerbern. Kürzlich wollte ich einen Syrer als Mitarbeiter in unserer Waschanlage anstellen. Aber sein syrischer Führerschein wird bei uns nicht anerkannt. Und die 600 bis 1000 Euro für einen internationalen Führerschein kann er sich nicht leisten." Ohne klare Vorgaben agiere jede Behörde vorsichtig, meinte Landtagsabgeordneter Mistol dazu. Er plädiert deshalb für eine Clearingstelle, wie sie für die Anerkennung von Berufsabschlüssen im Ausland eingeführt wurde.
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