Lebensgrundlagen werden zerstört

"Klaus graust's" heißt die Kampagne des ÖDP-Europaabgeordneten Prof. Dr. Klaus Buchner. Darüber referierte seine Mitarbeiterin Angelika Demmerschmidt im Hotel "Zur Post". "Klaus graust's" vor industrieller Massentierhaltung und multiresistenten Keimen. Bild: sbü
Politik
Weiden in der Oberpfalz
06.08.2016
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Bei Angelika Demmerschmidt kommt garantiert keine Pute aus dem Discounter in die Pfanne, zu sehr würde ihr wohl vor möglichen antibiotikaresistenten Keime grauen. Sie beschäftigt sich beruflich mit einem ungesunden Kreislauf, der bei Pharmaindustrie, großen Tierarztpraxen und Massentierhaltung beginnt und bei Krankheiten und Klimaveränderung endet.

(sbü) Laut einer Studie der Charité-Universitätsmedizin Berlin werden im Jahre 2050 mehr Menschen an Killerbakterien sterben als an Krebs. Nicht nur diese Prognose erschreckte die Zuhörer beim Vortragsabend über industrielle Massentierhaltung und multiresistente Keime. Es war vielmehr die gesamte Entstehungskette dieser Produktion und ihrer Konsequenzen.

Antibiotika missbraucht


Angelika Demmerschmidt, Referentin für Kommunikation und Medien bei Europaabgeordnetem Prof. Dr. Klaus Buchner, sprach auf Einladung des ÖDP-Kreisverbands Neustadt-Weiden, Bündnis 90/Die Grünen sowie der Katholischen Erwachsenenbildung. Was sie vortrug, entsprach weitgehend dem politischen und gesellschaftlichen Anliegen des emeritierten Physik- und Mathematikprofessors an der Universität München, Buchner. Er sitzt seit 2014 für die ÖDP im Europäischen Parlament.


Das Thema des Vortrags dürfte nicht nur für die Veranstalter, sondern für die gesamte Öffentlichkeit von erheblicher Bedeutung sein. Dabei geht es um erheblich mehr als den Tierschutz. "Wir haben ein richtig ernstes Problem in der Medizin" stellte Demmerschmidt fest. So genannte Reserveantibiotika würden in den Kliniken oft als "letztes Mittel eingesetzt, um Leben zu retten". Diese Art von Antibiotika würden jedoch in der Tiermast in dreifacher Menge als in der Humanmedizin eingesetzt. Als "obszön" bezeichnete die Referentin diesen Vorgang, denn: "Leben soll erhalten und nicht Hühner und Schweine schneller zur Schlachtreife gebracht werden."

Die Vergabe dieser Reserveantibiotika habe in den letzten Jahren um 50 Prozent zugenommen, während der Einsatz aller anderen Antibiotika-Gruppen reduziert worden wäre. "Welche Lobby steckt hinter diesem System?", fragte Demmerschmidt. Kritik übte sie vor allem, dass Tierärzte "verschreiben und verkaufen". Vor allem die großen Mastbetriebe würden von tierärztlichen Großpraxen betreut.

Multiresistente Keime machten Antibiotika wirkungslos. Und die Keime würden sich "vom Tier auf den Menschen übertragen". Sogenannte ESBL-Keime würden sich noch schneller verbreiten als MRSA-Keime. Die Gülle vom Nachbargrundstück könne auch beim Biobauern Keime anschwemmen. Das Problem dürfe nicht bagatellisiert werden und auf die Humanmedizin - unter dem Stichwort "Krankenhauskeime" - geschoben werden. "Diese Keime stammen aus der Massentierhaltung", sagte Demmerschmidt.

Massentierhaltung würde nur "mit der gigantischen Anwendung von Antibiotika funktionieren. Weil große Handelsketten nach wie vor auf Billigfleisch ausgerichtet seien, wäre es zum Strukturwandel mit "großindustrieller Landwirtschaft" gekommen. Ein "Hundert-Schweine-Betrieb" sei heute unrentabel. Laut Heinrich-Böll-Stiftung hätten deshalb in den letzten Jahren 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe die Tierhaltung aufgegeben: "Aber bundesweit wird 50 Prozent mehr Fleisch produziert", betonte die Referentin.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz hätte festgestellt, dass 88 Prozent des von Discountern verkauften Putenfleisch antibiotikaresistente Keime enthalten hätten. Keine Belastungen fand sich dagegen in Produkten aus konventionellen und Hofschlachtereien. "Billigmentalität und Werteverlust gehen Hand in Hand."

Im Vortrag wurde dann auch noch der Betrachtungsrahmen ausgedehnt. So seien im Falle des Abschlusses der Freihandelsabkommen CETA und TTIP innerhalb von 6 Jahren mit einer 16-fachen Steigerung der Importmenge an Schweinefleisch und einer 10-fachen Steigerung bei Rindfleisch zu rechnen. Ausländische Standards lägen meistens niedriger als in Europa. Weitere Aspekte der industriellen Massentierhaltung wurden angesprochen. So unter anderem der hohe Wasserverbrauch und die Zerstörung der Lebensgrundlagen in den Entwicklungsländern durch "gigantischen Anbau von Futtermitteln".

Krankenhauskeime stammen aus der Massentierhaltung.Angelika Demmerschmidt
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