Nach schweren Unfällen brauchen Angehörige, Helfer und Zeugen Beistand
"Das ist Seelsorge pur"

Johannes Lukas mal nicht im Talar, sondern in der Weste der Notfallseelsorger. Der Weidener Dekan leistet auch in dieser Funktion Beistand, etwa bei Unfällen wie jenem am Montag auf der A 93. Bild: Hartl

Beistand bei unfassbarem Leid - das ist die Aufgabe von Notfallseelsorgern wie Johannes Lukas. Auch bei dem Unfall am Montag auf der A 93 war der Dekan im Einsatz. Und sah Trauer und schreckliche Bilder. Aufhören will er damit trotzdem nicht.

Die Autobahn ein Trümmerfeld, drei Tote, schockierte Zeugen und Rettungskräfte. Bei Unfällen wie jenem auf der A 93 ist mehr als Erste Hilfe und Aufräumarbeiten zu leisten. Deshalb waren am Montag auch Kriseninterventionsdienste vor Ort - und Johannes Lukas. Der Weidener Dekan unterstützt als Notfallseelsorger Betroffene und Angehörige, aber auch Einsatzkräfte etwa bei Suiziden, der Überbringung von Todesnachrichten oder eben bei Verkehrsunfällen.

Herr Lukas, als Sie am Montag zur Unfallstelle fuhren, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Lukas: Wenn wir von der Leitstelle über den Pieper alarmiert werden, wissen wir ungefähr, was passiert ist. Ich mache das Ganze ja schon seit 2001, da hast du schon Einsatzerfahrung und kannst das einigermaßen abschätzen. Im Auto versuchst du dir dann zurechtzulegen, was auf dich zukommt: Was könnte mit Augenzeugen, Ersthelfern, Einsatzkräften sein? Da geht es dann eher um die Einsatztaktik. Und ich persönlich spreche auf der Fahrt noch ein kurzes Stoßgebet.

Vor Ort: Wie gehen sie vor?

Lukas: Wir bekommen von der Einsatzleitung ein kurzes Briefing. Dann verteilen wir die Aufgaben - wir sind ja bei außerhäusigen Einsätzen nie allein, am Montag waren mehrere Seelsorger und Kriseninterventionsdienste da. Dann schauen wir vor allem nach denen, die ansonsten durchs Raster fallen.

Wer soll das sein?

Lukas: Oft Augenzeugen. Um die Verletzten kümmert sich der Doktor. Aber Augenzeugen stehen nach einem Unfall hilflos da und können nichts machen. Denen bieten wir Unterstützung an - wobei das grundsätzlich freiwillig ist. Das heißt, dass wir uns oft einfach nur dazustellen und zu plaudern anfangen. Natürlich kommt dann von uns kein plumpes "Wie geht's?", sondern wir bieten einfach an, dass wir da sind. Eine Besonderheit ist außerdem, dass wir an der Unfallstelle immer ein Gebet sprechen. Das wird auch von den Einsatzkräften sehr gut angenommen.

Sie sind auch geschult auf die Nachsorge für Einsatzkräfte.

Lukas: Am Unfallort machen wir da nichts direkt, da stören wir nur. Die Einsatzkräfte sind beschäftigt, die Gedanken kommen erst beim Heimfahren. Deswegen sind am Montag zwei vom Kriseninterventionsteam zur Feuerwache gefahren, damit da danach jemand zum Reden ist.

Wie reagieren die Menschen am Unfallort, wenn Sie sie ansprechen?

Lukas: So verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Da muss man sich auf jede Situation individuell einstellen. Manche sind verschlossen. Manche stellen nüchterne Fragen wie: "Was passiert jetzt mit dem Gepäck?". Und andere brechen psychisch zusammen. Wobei das alles eher die Angehörigen sind. Den Augenzeugen geht es erst später dreckig, wenn sie heimkommen.

Geht es in den Gesprächen auch um Religion?

Lukas: Theologische Fragen kommen in der Regel erst später, wenn die Menschen begriffen haben, was passiert ist. Die Erfahrung sagt aber: Wenn Menschen gläubig sind, hilft ihnen das. Zum Beispiel durch Riten wie das Anzünden von Kerzen am Unfallort. Oder durch ein Gebet. Das intensivste, bei dem auch viele Emotionen kommen, ist das Vaterunser.

Wie sieht es mit Ihren Emotionen aus, wenn Sie wieder nach Hause fahren?

Lukas: Ganz verschieden. Es gibt Einsätze, die von außen furchtbar brutal wirken, die man aber gut abschätzen kann. Und es gibt welche, die tagelang bleiben. Wenn beispielsweise Kinder betroffen waren. Aber ich kann damit inzwischen anders umgehen. Ich mach' das ja schon seit 2001. Beim 50. Suizid habe ich aufgehört zu zählen. Im Lauf der Zeit gehst du damit anders um. Auch wenn es nie Routine ist.

Es bleibt eine schwere Aufgabe - warum hören Sie nicht auf?

Lukas: Weil es ein wichtiger Punkt als Priester ist, Menschen in Krisen beizustehen. Das ist Seelsorge pur.
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